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September 2021 - coolibri

THEMA 500 Jahre

THEMA 500 Jahre Jugendsprache Ob als Erkennungszeichen,zur Abgrenzung oder einfach nurzum Spaß–Jugendsprache polarisiert und unterliegt einem stetigen Wandel.Diesen beleuchtet derJournalistMatthias Heine in seinem neuen Buch„Krass:500 JahredeutscheJugendsprache“. Im Gespräch mitRobertTargan stellt er fest: Viele Ausdrücke sind längst in unsereStandard-und Schriftsprache übergegangen. Seit 2008 kürtder Langenscheidt-Verlag das „Jugendwortdes Jahres“– in diesemJahrstand unteranderem „cringe“auf derShortlist. Ichgehörte dieser Jury einige Jahrean, verfolge dieWahlheute jedoch nurnochamRande.„Cringe“habeich aber auch schonvon Kollegen in unsererKulturredaktionvernommen: Siehättenbei einembestimmten Text ein„Cringe-Gefühl“, alsoFremdscham, verspürt.Auch früher gabesdurchaus denFall,dassausgewählte Begriffebereits eine gewisse Zeit in Gebrauch waren–„Swag“ zum Beispiel. UnzähligeWorte derJugendsprache haben sich im Alltag etabliert. Eine Bereicherung? Natürlich, denn es existieren vieleAusdrücke,die wir garnicht mehr alsjugendsprachlich wahrnehmen unddie längst in dieStandard- undSchriftsprache übergegangensind. Da findensichvor allem Begriffeaus derälterenStudenten- undSchülersprache –„pumpen“etwa, im Sinnevon „sich Geld leihen“. EinWortwie „geil“ istmittlerweileauch nichtmehrauf Jugendlichebeschränkt, kommt allerdingsschon leicht antiquiert daher. 6 DerStudentensprache des18. Jahrhunderts entstammtauch dasWörtchen „krass“–miteiner völliganderen Bedeutungals heute. Ausder damaligenStudentenschaftist dieLiteratur undMedienprägende Klasse hervorgegangen; es gabunzählige Magazineund Journale. Da sind Hochkaräter wieGoethe undHeinrichHeine zu nennen.„Krass“ habeich auch deshalb als Titelfür mein Buch gewählt, weil dasWortgleichmehrere Karrieren erlebt hat. Im 18.Jahrhundert beschrieb es einennaiven,unbedarftenCharakter,der etwa neuandie Universität kamund noch kein Standing besaß. Heutewäre hier vielleicht „Opfer“einejugendsprachliche Bezeichnung. Und derweitere Verlauf? „Krass“erhielt eine neue Bedeutung undbeschrieb etwasAußergewöhnliches,jenseitsder Norm –eine„krasse Fehlentscheidung“ beispielsweise. In den1990er-Jahren vollzog sich dann derWandelzueinem „anerkennendenAusdruck“. Hier dürfte derUrsprunginder Techno-Szene liegen, wo eine gewisse Härte positivbesetztwar undbestimmteTracksals „krasses Brett“galten. Vondortaus wurde derBegriffals derlobende Ausdruck übernommen,wie wir ihn heute kennen. Kulturelle Einflüsse spielen also eine gewichtige Rolle? Es gabimmer wieder einzelne Figuren, dieeinen starken Einfluss aufdie Jugendsprache hatten.Erich Kästner nahm zum Beispiel dieJugendspracheseinerZeitinden 1929 erschienen Roman„Emil unddie Detektive“ aufund sorgte dafür,dasssichWorte wie„kolossal“ und„fein“ auch über Berlin hinauslange hielten. Ausrufewie „Stark!“ oder „Keine Panik!“ gehen hingegenauf UdoLindenbergzurück.Als Chefredakteurdes in den 1980er-Jahren sehr populären„MAD“-Magazinsprägtezudem derimletztenJahrverstorbene Herbert Feuerstein Begriffewie „lechz“,„stöhn“ oder „würg“. Heutebeeinflusst unteranderem dieGamer-Szene unseren Sprachstil–dieBezeichnung „politischer Endgegner“ istinZeitungsüberschriftennicht unüblich.

THEMA COMINGSOON ADVERTORIAL DEUTSCHER TANZPREIS 2021 FeiernSie mit uns die Preisträger*innen des Deutschen Tanzpreises 2021 im Rahmen einer großen Gala im Aalto-Theater Essen. Von klassischem Ballett über Tanztheater und Zeitgenössischen Tanz bis hin zum Urbanen Tanz –eswird ein aufregender Abend! 23.10.2021 |18Uhr |Aalto-Theater, Essen Tickets: www.theater-essen.de, 0201-8122-200 Infos unter: www.deutschertanzpreis.de Foto: Adobe COOLIBRISINCE 1983 DASSZENE-&KULTUR-MAGAZIN Bleibenwir in derGegenwart: Welche Rollespieltdadas sogenannte „Kiez-Deutsch“? Dieses wirdinder Hip-Hop-Szeneteils ironisch,teils zum Erlangeneiner gewissen credibility verwendet. Hier wirdeinestarkeTendenz derJahrtausendwende sichtbar –dasssichmigrantischeEinflüsseinder Jugendsprache bemerkbar machen. Im Jahr 2013 wurdeetwa„Babo“zum „Jugendwort desJahres“ gekürt.Auch „Alman“ als Bezeichnungfür ein„klischeehaft deutschesVerhalten“wirdlängstvon Deutschenverwendet, zumBeispielinder Twitter-Sprache. Wirdeskünftigschwieriger,zwischenJugendsprache und allgemeiner Umgangssprache zu unterscheiden? DieTendenz,sichauch im mittlerenErwachsenenalternochjugendlichzu geben, hatinden letzten Jahrzehntenstark zugenommen.Daist der50- jährige Chef beleidigt, wenn seine25-jährigenAngestellten ihn nichtduzenmöchten.Diese endloseVerlängerung dereigenen Jugend –ich denke da an ältere Herrschaftenmit Baseballcapund „lustigen“ Meinungsshirts –trägt zu einerUnunterscheidbarkeitder Sprachstilebei.Vieles geht dann in dieUmgangsspracheüber, andereswiederumverschwindet, weil es als altmodisch undmuffigempfundenwird. Matthias Heine: „Krass:500 JahredeutscheJugendsprache“, Dudenverlag, 18 Euro Über den Autor Matthias Heine,1961geboren,arbeitetals Journalistin Berlin.Von 1992 an hateru.a.für „Die Welt“, „Frankfurter AllgemeineSonntagszeitung“, „taz“,„Cicero“, „Neon“und „Theater heute“geschrieben undRadiobeiträgefür den NDRund denSFB/RBBproduziert.Seit2010 isterKulturredakteurder „Welt“. düsseldorf Festival! 8.—27.9.21 Tanz7

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