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September 2021 - coolibri

INTERVIEW Wieder

INTERVIEW Wieder bewohnbar Die Bandgeschichte vonSilly istlangund besitzt unzählige Eckenund Kanten.Als eine dererfolgreichsten Rockbands der damaligen DDRsindRitchie Barton, Uwe Hassbecker undJäcki Reznicek längst Kult.Seitden 80ern zocken und schreiben siefür die Gruppe,die jedoch Mitteder 90er ihreGallionsfigur verlor: Sängerin Tamara Danz starbmit 43 Jahren an Brustkrebs.Seitdemwirddas Mikrofon durchunterschiedlicheGastsängerinnenbesetzt, wobeiAnna Loos 12 Jahrefestes Bandmitglied war. Gegenwärtig runden JuliaNeigel undAnNa R. (Gleis8,ehemalig: Rosenstolz) das Bühnenbild ab.Nun folgt daserste Album in der neuenBesetzung. Christopher Filipecki stellteden drei Urgesteinen Fragen dazu. Wiegehteseuch? Gutgestärkt fürdie nächsteZeit? Ritchie: WirhattengeradeUrlaub undmüssten eigentlich voller Energie sein.Ganzsoist es aber nicht, da unsdie Arbeit denUrlaubüberbegleitet unddie Endphase mehr Zeit in Anspruch genommen hatals gedacht.Die Glücksgefühle,die dasArbeitenauslöst, führenaberauch zur Erholung. Jäcki: Und wir haben angefangen zu proben,weilwir nundas ersteKonzert nachzweiJahrenhaben,was sehr aufregend ist. Im Septemberkommt mit„Instandbesetzt“ das ersteAlbum seit fünf Jahren. Nervös? Ritchie: Manist immer einbisschenaufgeregt. Das istjetztgar nichtanders als beiden früheren Albenund wirdauch beiden nächstenwohlso bleiben, weil es immer einlangerProzess ist, denman da hintersich bringt.Das Besondereandem Albumist,dasswir mitunseren beiden Gastsängerinnen –ich sage ganz bewusst„Gastsängerinnen“, sonst denktman,sie bleibendie nächsten20Jahre –Juliaund AnNa, alte Songsneu aufgenommenund mitdreiganzneuenergänzt haben.Wir habenschon 2019 ausführlich gemeinsamgetourt unddanachgab es viele Nachfragen,obesein Livealbum gebenwird. Das haben wir aber davorimmernachjeder Veröffentlichunggemacht undfandendas seriell. Deswegennun dieseZusammenstellungaus den65Songs derTour, diezeigt, dass es weitergehenwirdund auch neue Sachen gibt. DieAuswahl derTitel isteheraußergewöhnlich und nichttypisch „Best of“. Uwe: Wirwollten zurAbwechslungmal andere Perlen ansLicht bringen, diezwar immer füruns eine Rollespielten, vielleicht nichtfür jedenimFokusstehen, diesichaberlohnen, nach vornegeholt zu werden.Manche Ideendavon sind auch vonJuliaund AnNa. Eine schwereAufgabe, aus so viel Material auszusortieren. DieSongs ergänzen sich aber supermit den neuenSachen, ichhöre da keinen Bruch. Einige alte Sachen sind einbisschen aufgefrischtund setzen sich aus mehreren Dekadenzusammen.Ich finde,das istein schönes Albumgeworden,was dieBandSilly auch gut beschreibt. Jäcki: Eigentlich hättenwir vier Alben dieser Artrausbringenmüssen… Ritchie: DieLeute müssensichaberauch nichtinkomplettungewohnte Gefilde begeben. Mit„Verlorne Kinder“ zum Beispiel gibtesauch typische „Bestof“-Songs,aberwir wolltenden neuenFansaus den2010er-Jahren auch malältereFacettenpräsentieren mitteils experimentellen Ausflügen. Jäcki: …oderheimlicheFavoriten mit„ByeBye“oder„Legmichfest“. 28 Wiekam es denn dazu, dass„Instandbesetzt“ derAlbumtitelwurde? Uwe: Das war nichtvon vornherein unserPlan. Wir hatten denAlbumtitel gesucht, nachdemdie Auswahl schon stand. Wir glauben aber,dassder Titelund auch dasAlbumcovermit demHaus unsere Band gutbeschreibt. Das stilisierteHaus aufdem Coverwurde instandbesetzt–so wieunsere beiden Sängerinnen unsals Band instandbesetzthaben.Das erzähltunsere Geschichte miteinem ständigen Auf und Ab. Wieist das Gefühl seineeigenen Songsnochmal aufzunehmen?Habt ihr Angstvor Vergleichenmit eurerOriginalsängerin Tamara? Uwe: Das bleibtnie aus,auch wenn manneue Songsmacht.Für unsist dasaberkeine Option,weilwir ja weitermachenwollen. Es sind eben nicht nurdie Songsvon Tamara,sondern auch vonuns undwir wollen,dasssie weiterleben. Wirgehen aber trotzdem miteiner großen Achtungandie Liederheran undtragenden Songsgegenüber eine gewisse Verantwortung. Ritchie: Das ergibtauch eingewissesSpannungsmoment,weilman möchte, dass einemdas gelingt. Mitdem passendenBewusstsein haben wirdas aber ganz gut hingekriegt, denkeich. Diedreineuen Titelsindaber ganz frisch oder handelt es sich um liegengebliebene,unveröffentlichte Lieder? Uwe: MusikalischeIdeensindmanchmal älter, manchmal kommen siedirekt in demMoment. Manhat häufigSkizzen liegenoderein bestimmtes Thema. In derFormaus Melodieund Text sind aber alledreierst2020entstanden, zwei aus älterenSkizzen,einskomplettneu. Jäcki: Wir sind auch froh,dasswir sehr gute Texter gefundenhaben,nämlich MaxProsa undJörnKalkbrenner. EbensosindTexte voneurem langjährigenWeggefährten, Werner Karma, mitdem ihrbis 2010 zusammengearbeitet habt, durchneueSongversionenvertreten.Habt ihrvor,die Arbeit mitihm wiederaufzunehmen? Ritchie: Ausjetziger Situationwirddas wahrscheinlich nichtstattfinden. Aber mansolljaniemals „Nie“sagen.ImMomentfühlt es sich aber nicht so an. Uwe: Das istwie in einerBeziehung.Die gehennicht immergut.Manchmal versteht mansichnicht mehr,manchmal bleibt manbefreundetoderes endetimKrieg. Da gehörenimmer zwei zu.Wernerhat aber viel Gutesfür unsgetan,hat denWeg derBandmaßgeblichmitgezeichnet. Doch nichtnur neue Musik,auchneueSängerinnenstehenan. Wiekamt ihrauf die Beiden?Gab es einCasting in eurenKöpfen? Jäcki: Wir hatten schon maldie Tour „Silly&Gäste“nachdem Todvon Ta-

mara undfür diehattenwir AnNa R. angefragt, als sie noch sehr populär mitRosenstolzunterwegs war. Wir wussten, dass siegroßerTamara- undSilly-Fanwar und immer noch ist. Dadurch kennenwir unsaberund sie warauch dieerste,die wir nunangefragt haben. Uwe: Zu Juliasindwir gekommen,weilich voreinigerZeit als Gast aufeinem Albumbei Maschine(Anm.d.Red.: Künstlernamevon Dieter Birr,Frontmann der„Puhdys“) Gitarre gespielt hab. Aufdem Albumwar Juliaauch Gast undwir haben unsbei diversen Konzertengesehen.So lagesnah,sie zu fragen,obsie Lust hätte. Siehat sich sehr gefreutund sofort zugesagt. Ritchie: Beiihr kann manauch diealten Rocksongswie „Die wilde Mathilde“wiederherauszuholen,was für viele Sängerinnen eine Herausforderungist.Sie machtdas aber mitBravour. Ihrhabtaber anscheinendimmer malLustauf einenTapetenwechselund eine Neudefinition derBand? Uwe: Mankann dieSängerinnen nichtwechselnwie die Hemden.Wir würden unsschon freuen, eine Kontinuität hineinzubekommen.Aberwir lassen unsauch nichttreiben. Nach solchenzwölf Jahren wiemit Anna Loos kann mannicht sofort wieder heiraten,damussman sich erstmalgegenseitigprüfen. Ritchie: AnNahat auch ganz deutlich gesagt,dasssie großeLustdaraufhat,aberinihremeigenen Projekt „Gleis 8“ Herzblut steckt. Juliaist in erster Linieauch Solokünstlerin.Das istauch wichtig, dass dieLeute wissen, dass beidekeine festen neuenSängerinnen sind.Wie langedas in derKonstellationstattfindet, wirdman sehen. Schön istaberauch,dassman solche Wechsel heutzutagebesser machenkann als früher,daesauch andere Bandsgibt, diekonzeptionell mehrereSängerhaben, diewechseln. Beiuns isteszwarmehreine Zwangslage,aberwir müssenuns wohl auch dazu bekennen. Uwe: Wirnehmenjaauch schonGesangsunterricht… (allelachenlaut) Im Herbstgibtesdie zweite Tour.Wie siehtdie aus? Uwe: Es gibtnicht wiebei der2019-Tour beijedemKonzert einanderes Programm.Wir haben unsdiesesMal fürein eher festes Programm entschieden,inklusive neuerSongs natürlich. Eigentlich hatten wir dasauch schonletztes Jahr geplant. Ritchie: Undwir sind auch endlichinNRW! Am 5.11.sindwir in Köln im E- Werk, waswir sehr mögen undwowir schonfrüher gespielt haben.Generell mochtenwir dasKölner Publikum schonzuDDR-Zeiten, als unsim Westen kaum einerkannte. Vorwenigen Wochen warder 25.Todestageurer ursprünglichen, ersten Sängerin Tamara Danz. Wiefühlt ihreuch, wenn ihrdaran denkt? Uwe: Aufder einenSeite istesein Erstaunen, dass dasschon so langeher ist, auch wenn viel in unserenLeben passiert ist–aufder anderenSeite sind dieErinnerungennochsehrnah.Man kann garnicht richtigsagen,ob es langeher istodernicht.Tamarawirdimmer als Teil beiuns sein.Wenn wirspielen,lebtsie auch durch diealten Songsinuns weiter,was aber keine Belastungist,sondern eher Zeugnisse ihresLebenssind. Ritchie: DieBandist auch unsergemeinsames Werk. Wirhaben Tamara ja Sillysindaktuell zu fünft: NebenJäcki (Mitte l.), Uweund Ritchie(vorne v.l.)stehenJulia Neigel (hinten)und AnNaR.(Mitter.) aufder Bühne. nichteinfachauf derGitarre oder am Klavierbegleitet,sondern es istetwas, waswir gemeinsamgeschaffen haben. Ritchie, du hast nächstesJahrdein40-jähriges in derBand. Uweund Jäcki, ihrungefährinfünfJahren. Washat sich in denvierDekaden verändert hinsichtlich Musikmachen, aber auch eurerBeziehung zueinander? Ritchie: DieBeziehung istdurch dievielenAuf undAbs,die wir bewältigen mussten,immer mehr zusammengeschweißt. Das haben wir stetsirgendwiehingekriegt undkriegenesauch weiterhin hin.Esgibtauch malStreit, aber wir kommen immerwiederzusammen. Unsist derWertder Band zu wichtig. Jäckiund Uwesindsoetwas wiemeine besten Freunde –ich hab‘auch garkeine anderen. Uwe: Wieman Musik macht undproduzierthat sich insofern verändert, dass manfrüher fürvielGeld in einStudio gegangenist,heute aber jeder in seinem Kämmerlein erstmaletwas vorbereitetund mandann zusammenkommt.InCorona-Zeitenist es aber oftein sehr einsames Arbeiten. Wirhaben viel Abstandgehalten, um unsnicht anzustecken.Aberdas ist alles derDigitalisierunggeschuldetund hatsomit Vor- undNachteile.Das Studio ist, wo ichbin. Jäcki: Fürmichist aber immer noch dasSchönste, dass es größtenteils einfachhandgemachteMusik ist. 29 Foto: Friederike Goeckeler

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