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September 2016 - coolibri Ruhrgebiet

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T H E M A W i e d a s R

T H E M A W i e d a s R u h r g e b i e t E u r o p a d e n W e g z e i g t e Bedrohung und Chance zugleich: Dieses Spannungsfeld um das Ruhrgebiet in der frühen Nachkriegszeit sollte 1951 zum ersten Mal nicht zu Krieg führen, sondern die Initialzündung zur Idee eines vereinigten Europas geben. Eine Idee, die aktuell nicht nur durch den Brexit unter Beschuss steht. 8 Letze Schicht auf Prinz Regent in Bochum, 1960 „Mehr Sicherheit durch offene Grenzen“, so erklärt Professor Jürgen Mittag, Vorstand der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets, den Vorschlag des damaligen französischen Außenministers Robert Schuman zur Zusammenlegung der deutschen und französischen Montanindustrie. „Frankreich hatte aus den bekannten geschichtlichen Gründen gegenüber Deutschland ein enormes Sicherheitsbedürfnis.“ Man empfand das Revier als Bedrohung, weil man vor der einstigen Waffenschmiede Europas noch immer schauderte. Aber das Ruhrgebiet bot Schuman auch Chancen: Die in der Region reichhaltigen Kohle- und Eisenvorkommen versprachen seiner politischen Führung Reichtum und Einfluss. „Frankreich hatte erkannt, dass ein bloßes Kleinhalten Deutschlands wie im Versailler Vertrag langfristig nicht zu bewerkstelligen war.“ Also machte man sich den ehemaligen Feind schließlich zum Verbündeten. Aber es war nicht allein der Wunsch nach Frieden und einer supranationalen Kontrolle des wieder erstarkenden Deutschlands, der vor allem bei Frankreich den Wunsch nach einer gemeinsamen Kohle-und Stahlproduktion antrieb: „Es ging um die Frage, wer die Verfügungsgewalt über die enormen Ressourcen des Ruhrgebiets erhalten sollte“, so Mittag. Besonders Frankreich erhoffte sich wirtschaftliche Gewinne, u.a. durch den vereinfachten Zugang zu deutschen Rohstoffen, die bis dahin noch in der britischen Besatzungszone lagen. Gegengewicht zu USA und Sowjetunion Durch den Aufbau eines europäischen Binnenmarktes erhoffte man sich außerdem, mit den USA, dem Commonwealth und der Sowjetunion in Konkurrenz treten zu können und sich unabhängig zu machen.Auch von deutscher Seite aus war das Angebot attraktiv: „Es war die Chance zur Rückkehr auf die internationale Bühne als gleichwertiger Partner. Deutschland hatte 1949 keine souveräne politische Macht, sondern stand unter Besatzungsstatut. Das wollte Adenauer unbedingt ändern und sagte deshalb sehr schnell zu.“ Am 18. April 1951 unterzeichneten Italien, Belgien, Luxemburg, die Niederlande, Deutschland und Frankreich den EGKS-Vertrag und gründeten damit die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (auch als Montanunion bekannt), die sich als Vorreiter für die spätere Europäische Gemeinschaft und heutige Europäische Union erweisen sollte. An ihrer Spitze stand mit Jean Monnet ein Franzose, der schon zuvor die Fäden im Hintergrund gelenkt hatte, was noch zu Misstrauen führen sollte. Testgebiet für Europa Freizügigkeit und günstige Handelsbedingungen durch Abschaffung der Zölle: Diese beiden zentralen Punkte der heutigen Europäischen Union gehen ursprünglich auf die EGKS zurück. Hier waren es zunächst nur die Beschäftigten der Montanindustrie, die schon damals ohne Zusatzanträge in jedem der sechs Mitgliedsstaaten leben und arbeiten durften. So wurden auch die Arbeitskraft-Ressourcen der Länder gemeinsam genutzt. Die Arbeiter profitierten außerdem von der starken Einbindung der Gewerkschaften, die für angepasste Tarife und betriebliche Absicherungen kämpften. Auch in die Errichtung von Arbeitersiedlungen flossen Gelder der EGKS. Insbesondere im Ruhrgebiet wäre das schnelle Wachstum der Kohle- und Stahlindustrie ohne die Montanunion nicht denkbar gewesen: „Der Markt vergrößerte sich enorm“, erklärt Mittag, „man konnte nicht nur in Deutschland, sondern auch in den übrigen sechs Mitgliedsländern frei handeln.“ Strukturell war die EGKS eine Art Blaupause für die heutige EU: „Es war das erste Mal, dass es eine supranationale Behörde mit Entscheidungsgewalt gab. Das ist

T H E M A Demonstration zur Kohlekrise , 1959 Fotos (2): Stadt Bochum, Referat für Kommunikation noch heute einzigartig.“ Zwar gibt und gab es weitere internationale Institutionen und Vereinigungen, doch keine andere kann rechtskräftige und verbindliche Regeln für Staaten und Unternehmen aufstellen. „Mehr Sicherheit durch offene Grenzen.“ So bedeutsam die Montanunion gestartet war, so sang und klanglos ging sie 2002 mit dem Auslaufen der Verträge in den EG-Vertrag über. Lediglich Teilregelungen wurden dabei übernommen. In der Krise war die Montanunion aber schon wesentlich früher: „Den ersten Bedeutungsverlust gab es bereits 1958, als u.a. der Atom- und Wirtschaftsbereich ergänzt wurde und zugleich das Öl an Bedeutung gewann“, erklärt Mittag. „Später überlagerte die Bedeutung der Landwirtschaft zusätzlich die der Kohleund Stahlindustrie. Mit den gesamtwirtschaftlichen Folgen wurde das Ruhrgebiet damit von der Großchance zum Problemfall.“ Die Zukunft Europas Hier sieht Mittag auch gleichzeitig eine Stärke und eine Schwäche der Union: „Die EGKS hat den Strukturwandel durch Förderungen sicherlich erleichtert. Vielleicht hat sie ihn aber zuvor auch hinausgezögert und weniger dynamisch gemacht.“ Trotzdem gilt die Montanunion insgesamt als eine Erfolgsgeschichte: In einem Teilgebiet wurde deutlich gemacht, dass ein Zusammenschluss tatsächlich Frieden stiftender wirkt als Alleingänge und Grenzen. Den Grund dafür, dass der EU heute dennoch so viele Menschen misstrauen, sieht Mittag allerdings in einem zu viel an Miteinander: „Der Bestand an erreichten Gemeinsamkeiten, gerade was den Binnenmarkt angeht, weckt bei vielen die Sorge vor einem europäischen Superstaat.“ Hier müssten Kompetenzen wieder klarer abgesteckt und stellenweise eingegrenzt werden. Dennoch stecke in der EU auch weiterhin ein großes Potenzial, die Komplexität der Globalisierung nachvollziehbarer zu machen. Denn so unübersichtlich diese auch sei, macht er deutlich: „Wir haben mit der EU ein Parlament, das demokratisch gewählt wird und damit einen verfassungsgebundenen Rahmen schafft, um verbindliche wirtschaftliche und politische Entscheidungen zu treffen. Das bietet mehr Struktur, als einzelne Schiedsgerichte und rein marktorientierte Entscheidungen.“ Dazu brauche es aber durchsichtige Strukturen, die helfen, die aktuelle Frustration abzubauen. Lisa Sänger 9

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