Events, Trends und Reportagen für die Rhein-Ruhr-Region
Aufrufe
vor 3 Jahren

September 2016 - coolibri Düsseldorf

  • Text
  • Wuppertal
  • Musik
  • Jazz
  • Festival
  • Krefeld
  • Lesung
  • Dortmund
  • Bochum
  • Sucht
  • Solingen
  • Www.coolibri.de

T H E M A „ O f f i g

T H E M A „ O f f i g e r g e h t g a r n i c h t “ Vor 20 Jahren hatte man im Kulturamt Düsseldorf eine gute Idee: die Kunstpunkte. Einmal jährlich im Spätsommer öffnen seitdem zahlreiche Ateliers in der Stadt ihre Türen für Besucher. Seit 2011 sind auch die Offräume an dem Spektakel beteiligt. Alexandra Wehrmann hat bei zweien dieser meist von Künstlern betriebenen Oasen vorbeigeschaut. In Holthausen bei Kunst im Hafen. Und beim W57 an der Worringer Straße. 6 Experimentieren im Keller: LAGER3, hier: Arbeit von Carolin Giessner Am Ende der Reisholzer Werftstraße liegt das Paradies. Und Robert Pufleb hatte Glück. Er durfte einziehen. Im vergangenen Jahr tauschte der Fotograf sein Atelier an der Flurstraße in Flingern gegen den vergleichsweise rauen Reisholzer Hafen ein. Seitdem „wurschtelt“ er auf dem Gelände, auf dem noch schwarze Kohleberge lagern, die täglich zum Henkel-eigenen Kraftwerk abtransportiert werden, vor sich hin. Insgesamt 20 Künstler, allesamt Mitglieder des Vereins Kunst im Hafen e. V., bevölkern die Gebäude mit den Hausnummern 75 und 77, die benachbarte Halle Werft 77 wird seit 2006 vom Verein für Ausstellungen genutzt. Fünf bis sieben finden pro Jahr statt. Im Gegensatz zu anderen Atelierhäusern herrscht hier wenig Fluktuation. Kein Wunder. Die Mieten sind niedrig und den Rheinblick, wo hat man den sonst schon als Künstler? „Ist wie Urlaub hier“ hatte Pufleb vorab geschrieben, als wir den Termin vereinbarten. Und das war keinesfalls zu viel versprochen. Areale dieser Art sind in Düsseldorf gemeinhin schon vor vielen Jahren platt gemacht worden. Wenn es nach dem verstorbenen OB Erwin gegangen wäre, wäre hier heute eine Marina. Aber es ist wie es ist. Eine Mixtur aus Gewerbe und Kunst. „Der Zufall spielt eine entscheidende Rolle“ An der Außenwand von Haus Nummer 75: eine erste Spur von Pufleb. Das Foto des Kaugummiautomaten stammt aus dem Jahr 1990. Aufgenommen wurde es im Bergischen Land. Der Fotograf öffnet in kurzen Hosen, T-Shirt und Sandalen. Er reicht zur Begrüßung eine riesige Pranke, seine Körpergröße flößt ein bisschen Angst ein. Der 2,02-Meter-Mann war früher Profischwimmer, hat sogar mal Michael Groß geschlagen: „Da hatte er allerdings seine besten Tage schon hinter sich.“ Pufleb lacht. Er hat grünen Tee gekocht. Seit er im vergangenen Winter drei Monate in China war, trinkt er kaum noch was anderes. Der Fotograf hatte über das Kulturamt der Stadt Düsseldorf ein Arbeitsstipendium für Chongqing. „Kennt man hier nicht“, sagt er, „ist aber, was die Fläche angeht, so groß wie Österreich.“ In der 30-Millionen-Metropole in der Provinz Sichuan war der Künstler tagtäglich mit seiner Kamera unterwegs. Suchen, das ist ihm sehr wichtig, suchen würde er nicht. Die Motive würden vielmehr ihn finden. „Der Zufall“, so Pufleb, „spielt eine ganz entscheidende Rolle.“ Rund 10 000 Bilder hat er in den drei Monaten in Chongqing gemacht. Auf Foto: Carsten Heisterkamp seinem Tablet sind sie bereits zu Gruppen sortiert. Bordelltüren. Flutlichtmasten und Laternen. Radarstationen. Straßenstillleben. Für die diesjährigen Kunstpunkte plant Pufleb eine Ausstellung mit den Straßenszenen. Jeweils zwei von ihnen hat er zu einem neuen Bild kombiniert. Bearbeitet hat er dabei nichts. Trotzdem ist die Zusammenstellung bei manchen so gelungen, dass man die Schnittflächen, an der die Bilder aufeinandertreffen, kaum bemerkt. Die Arbeiten präsentiert der Künstler in Form chinesischer Rollenbilder, sie werden auf Papier gedruckt. Groß, ziemlich groß, 3,50 mal 1 Meter, sollen sie von der bis zu sechs Meter hohen Decke der Werft 77 hängen. Für die Halle, die durch ein Schiebetor direkt zum Rhein hin geöffnet werden kann, will Pufleb zudem eine Bar bauen. „Tagsüber gibt es Getränke, Kaffee und Kuchen“, abends denkt er an Partys, vielleicht auch Konzerte. Nicht zuletzt soll es auch einen Stand geben, der über die Arbeit der Künstler auf dem Gelände informiert und von dem aus die Kunstpunkte-Besucher in die Ateliers weitergeschleust werden sollen. Der Besucherzuspruch bei den offenen Ateliers sei stets ziemlich gut, selbst der Shuttle-Bus mache am Ende der Reisholzer Werfstraße halt. „Im vergangenen Jahr hatten wir 300 bis 400 Leute pro Tag hier“, erinnert sich Pufleb. So voll ist es im Paradies selten. Hippietum + Kommerz = Weltherrschaft Kaum weniger idyllisch als der Reisholzer Hafen mutet das W57 an, auch wenn sich der Komplex mitten in der Innenstadt befindet: an der Worringer Straße. Im Vorderhaus steht die Galerie am Meer gerade leer. Sommerpause. Durch eine offene Toreinfahrt gelangt man in den Innenhof, der mit Kieseln ausgelegt ist. Bambus, alte Ledersofas und pastellige Eiscafé-Stühle laden dazu ein, den Tag zu vertrödeln. Genau das hat Za-

T H E M A Paradiesisch: Werft 77 (vorne) und Atelierhaus (hinten) Foto: Jürgen M. Wogirz lar eigentlich vor: „Ich habe nämlich diese Woche Urlaub.“ Eine Seltenheit für den ansonsten obligatorisch Umtriebigen, der seinen bürgerlichen Vornamen zum Künstlernamen umgemodelt hat. „Den Nachnamen kannst du weglassen“, sagt der Perser. Die Konzeptidee des W57 stammt von ihm. Gemeinsam mit „meinem Partner“, dem Immobilienentwickler Rolf-Moritz Webeler, hat er sie in die Tat umgesetzt. Seit 2015 fungieren die Räume im Vorderhaus der Worringer Straße 57 als Wohnraum für Kunst- Studenten und Künstler. 20 von ihnen leben derzeit auf vier Etagen. Viereinhalb Meter hohe Decken. Stuck. Parkett. „Eigentlich viel zu schick für Künstler“, lacht Zalar. Er darf das sagen. Der 34-Jährige hat selber an der Kunstakademie studiert, Film und Video in der Klasse von Marcel Odenbach. Das Studium wartet allerdings bis heute auf seinen Abschluss, genauso wie das der Medien- und Kulturwissenschaft, das er zusätzlich absolviert hat. Zalar gehört zu den Leuten, denen ständig Ideen dazwischen kommen. Und Projekte. „Willst du die Räume mal sehen“, fragt er. Will ich. Wir durchqueren die Galerie am Meer, wo einst die Galerie Max Mayer residierte. Der ist mittlerweile nach gegenüber verzogen. Über eine Treppe geht es in den Keller. Auf den 120 Quadratmetern des LAGER3 spielt das Geschäft mit der Kunst so gar keine Rolle. Zalar hat wie immer den passenden Slogan parat: „Offiger geht gar nicht“. Die nackten Backsteinwände tragen einen Hauch weißer Farbe. Das Ambiente: äußerst rough. Kein Zweifel: Hier darf experimentiert werden. Und zwar von Kreativen jeglicher Art. Die Räume seien keinesfalls Leuten von Kunsthochschulen vorbehalten, erklärt Zalar. Wer das LAGER3 nutzen wolle, sei es zum Arbeiten oder zum Ausstellen, kann das machen. Kostenlos. Es ist diese Kombination aus Dingen, die vielen Leuten unvereinbar erscheinen, die das W57 prägt. In der Galerie geht es um Geld. Prestige. Verkaufen. Im Untergeschoss sind Kunst und Künstler völlig frei. Zalar hat dafür eine Formel aufgestellt: Hippietum + Kommerz = Weltherrschaft. Er lacht. Klar ist: Er möchte nichts ausschließen. Sich nicht auf einer Seite positionieren. Im Rahmen der Kunstpunkte ist im LAGER3 unter dem Titel „Her majesty, you beat me too hard“ ein Querschnitt der Dinge zu sehen, die in den anderthalb Jahren, seit der Raum besteht, dort passiert sind. Eine Etage weiter oben werden derweil Werke von Jens Kothe, Raphael Brunk, Pascal Sender, Viktoria Strecker und Nils Bleibtreu gezeigt. Und auch für die ehemalige Werkhalle im Hinterhof gibt es einen speziellen Kunstpunkte-Masterplan. Dort setzt sich die Gruppe Tatraum Projekte Schmidt an insgesamt vier Abenden gewohnt performativ mit dem Begriff Demokratie auseinander. Der September dürfte also alles in allem ein weiterer arbeitsreicher Monat werden für Zalar. Schließlich findet die „DC Open“ in diesem Jahr parallel zu den Kunstpunkten statt. Und im gleichen Monat stehen auch noch die Messen „Berlin Art Week“ und „ArtRio“ an. Wenigstens dürfte der Hunde-Nachwuchs bis dahin aus dem Gröbsten raus sein. Denn natürlich haben Typen wie Zalar viele Asse im Ärmel. Den größten Trumpf aber spielte er in diesem Fall erst zum Ende des Gesprächs aus: einen Korb mit zwei Wochen alten Welpen. Kunstpunkte 2016: 3.+4.9. (Norden), 10.+11.9. (Süden), zahlreiche Ateliers und Offräume, Düsseldorf; Sa 14–20, So 12–18 Uhr; kunstpunkte.de Werft 77, Reisholzer Werftstraße 77, Düsseldorf (10.+11.9.) W57, Worringer Straße 57, Düsseldorf (3.+4.9.) coolibri verlost 2 x 2 Tickets für den Kunstpunkte-Shuttle-Bus auf coolibri.de. 7

coolibri Magazine 2019

coolibri Magazine 2018

coolibri Magazine 2017

edition coolibri

Ruhrgebeef No. 8 - Leseprobe
Ruhrgebeef No7 - Leseprobe
Ruhrgebeef No6 - Leseprobe
Backmagazin
Ruhrgebeef No5 - Leseprobe
Ruhrgebeef No4 - Leseprobe
Leseprobe: Ruhrgebeef - Vol 2
Landtagswahl NRW 2017
coolibri Campus NO 02