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S P E C I A L Dr. Georg

S P E C I A L Dr. Georg Cornelissen Foto: Andrea Külkens A u f r e g e n d e J a h r e Eine „Kleine Sprachgeschichte von Nordrhein-Westfalen“ heißt das Buch von Dr. Georg Cornelissen. Er ist Dialekt- und Sprachforscher und Leiter der Abteilung Sprache am Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte des Landschaftsverbands Rheinland in Bonn. David Nienhaus hat mit dem 62-Jährigen über 70 Jahren Sprache in Nordrhein-Westfalen gesprochen. Sehr geehrter Herr Dr. Cornelissen, wie würden wir uns begrüßen, hätten wir uns vor 70 Jahren an dieser Stelle getroffen? Ziemlich sicher mit „Guten Tag Herr Nienhaus“. Das war förmlich und für fast alle Fälle zu gebrauchen. Wie sehr kann sich in 70 Jahren eine Sprache verändern? Wir haben die aufregendsten 70 Jahre der Sprachgeschichte an Rhein und Ruhr gerade hinter uns gebracht. Vor 70 Jahren war die Mehrheit der Menschen hier noch Dialektsprecher. Heute ist es doch nur noch eine ganz kleine Minderheit. In den vergangenen 70 Jahren hat sich das grundlegend verschoben. Warum hat sich das so sehr verschoben? Ganz wichtig dabei ist das schlechte Image oder Prestige des jeweiligen Dialektes und sicherlich der Einfluss der Medien. Vor 70 Jahren konnten sich fast alle Menschen ein Radio leisten, das Fernsehen ist später noch dazugekommen und in den vergangenen Jahren noch zusätzlich die neuen Medien. Bis auf Nischen sind diese Hochdeutsch orientiert. Zuletzt ist natürlich auch noch die Migration und der Zuzug nach dem weiten Weltkrieg, der Arbeiter und der Flüchtlinge, wie aktuell, ein wichtiger Punkt. Deren Integration fiel dort, wo Platt gesprochen wurde, richtig schwer. Alles sprach zugunsten der Einheitssprache. Verstehen Sie eigentlich die Jugend von heute? Ich habe Kinder, die noch zur Schule gehen. Das hilft natürlich. Da ich aber kein Jugendsprachforscher bin, geht die eine oder andere Mode auch an mir vorbei. Auffallend dabei sind die ins Deutsche transponierten Anglizismen und Amerikanismen. Ich staune ja, wie viele Wörter sich ohne Weiteres eindeutschen lassen durch die Lautgestalt oder Flexionänderung – und dann sind sie da. Und das geht immer so weiter. Das war zwar vor 40 18

S P E C I A L Jahren auch so, aber maßvoller. Jetzt geht das alles viel flotter. Sind Sie dabei eher konservativ oder finden Sie diese Sprachentwicklung spannend? Ehrlich gesagt, ist es nichts Ungewöhnliches, dass junge Leute immer wieder neue Formen kreieren und gebrauchen. Das ist schon seit über tausend Jahren so und hat etwas mit dem Generationenverhältnis zu tun. Als ich jugendlich war, haben wir alles ‚bärenstark‘ genannt. Dieses Wort wird heutzutage manchmal noch aus dem Sarg herausgeholt. Aber es gibt auch Wörter, die aussterben. Wie ‚Bandsalat‘ zum Beispiel. Solche Wörter, die an Gegenstände gebunden sind, können metaphorisch überleben. Zum Beispiel kann ich „mit offenem Visier kämpfen“ ohne, dass ich jemals so einen Helm aufgesetzt habe. Aber vieles verschwindet mit den Gegenständen, das ist klar. Sprache ist ein Durchflussbecken. Es kommt rein, es schwimmt und es schwimmt wieder raus. „Was in Sprache passiert, hat oft mit Prestige zu tun.“ alle Untersuchungen haben bislang ergeben, dass es von kultureller Potenz eines Dialektes keine Rückwirkungen gibt auf die Alltagssprache. Wir haben keine Anzeichen dafür, dass mit den Liedern von BAP oder Bläck Fööss dem Alltagskölsch irgendwie gedient wäre. Es schadet ihm auch nicht. Einflüsse des Dialekts in NRW waren Fränkisch und Sächsisch. Wie sehr wurden Sie in den vergangenen Jahrzehnten auch von Polnisch, Türkisch oder gar Arabisch beeinflusst? Die Polen, die als Arbeitsmigranten gekommen sind, haben so gut wie keine Spuren hinterlassen. Was in Sprache passiert, hat oft mit Prestige zu tun. Die türkischen Arbeiter hatten nicht das größte Prestige. Auch nicht die polnisch sprechenden Arbeiter um 1900. Deshalb war deren Sprache kein Leitbild für den Rest. Wir haben heute noch in NRW viel mehr französische Wörter als polnische. Obwohl hier nie wirklich viele Franzosen gelebt haben. Aber die Lehnwörter haben, gesprochen von den Eliten an Rhein und Ruhr, den Weg in unsere Sprache gefunden. Was ist der Unterschied zwischen Mundart, Dialekt und Plattdeutsch? Sie meinen in Nordrhein-Westfalen dasselbe. Sie stehen für eine Sprache, die hier ungefähr seit anderthalb Jahrtausenden gesprochen wird und die eine eigenständige Sprache ist – mit einer eigenen Grammatik und einem eigenen Wortschatz. Diesen Dialekten – in NRW gibt es unendlich viele – steht das Hochdeutsch gegenüber. Was noch hinzukommt, ist der Regiolekt. Das ist erkennbar kein Dialekt, aber definitiv auch kein Hochdeutsch. Wie wichtig ist der Karneval im Rheinland für den Erhalt des Dialekts? Karneval und der rheinische Dialekt sind eng miteinander verbunden. Aber Wenn wir uns in 70 Jahren an dieser Stelle wieder sprechen, wie würden wir uns dann unterhalten? Keine Ahnung. Möglicherweise Englisch, das halte ich für eine Möglichkeit. Die Entwicklung in den vergangenen 70 Jahren war so schnell, ich denke, es wird sich alles noch mehr verschnellen. Es ist unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit sich gesellschaftliche Prozesse jetzt vollziehen. Wenn man den Leuten vor 70 Jahren gesagt hätte, demnächst spricht kaum noch jemand mehr Platt, ich glaube, sie hätten es nicht geglaubt. Vielleicht heißt es dann: Deutsch als Erinnerungsdialekt. Alles Gute zum Geburtstag, liebe Landeshauptstadt. www.150JahreamWerk.de

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