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November 2022 - coolibri

26 | Theater Anne

26 | Theater Anne Riegmeijer und Steven Scharf in „Alkestis“. KOMÖDIE & PSYCHOTRIP 2500 Jahre alt sind die Stücke von Euripides, mit zwei Werken eröffnen RUHRBÜHNEN die Saison. In Bochum inszeniert Intendant Johan Simons „Alkestis“ mit viel Humor, in Dortmund verführt die Schauspielchefin Julia Wissert mit psychedelischen Bildern in ihren „Bakchen – die verlorene Generation“. Mit der modernisierten Alkestis- Textfassung von Mieke Koenen und Susanne Winnacker setzt das Bochumer Schauspielhaus auf Unterhaltung. Im Unterschichts- Campermillieu angesiedelt, sehen wir im Hintergrund ein altmodisches Mobilheim mit Plastikstühlen, außerdem einen Wäscheständer, ein Zelt, einen Leichenwagen. Nach vorne führt ein Steg, dort tritt Gott Apollon (Victor Ijdens) an die Bühnenrampe und erzählt, dass König Admetos wegen eines Vergehens sterben muss, es sei denn, er findet einen Stellvertreter, der für ihn gen Hades zieht. Da stolpert auch schon der maskierte Tod aus seinem Leichenwagen, er ächzt und stöhnt vor sich hin (Lukas von der Lühe). Die Wohnwagentür springt auf, Admetos und seine Frau Alkestis robben eng umschlungen nach vorne, wissend, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Denn Alkestis nimmt den Tod anstelle ihres Geliebten auf sich. Keine Zeit für Traurigkeit Aber in der Inszenierung von Johan Simons ist keine Zeit für Traurigkeit. Mit Vicky Leandros „Ich liebe das Leben“ auf den Lippen tanzt die Todgeweihte (Anne Rietmeijer im lila Glitzerfummel) ihren Abschied, das Publikum lacht, die Kinder von Alkestis schauen irritiert, der Tod drängelt. Endlich im Sarg platziert, streikt der Motor, der Tod flucht und verschwindet unter der Motorhaube. Nach der etwas überdrehten ersten halben Stunde findet die Inszenierung wieder zu mehr Ernsthaftigkeit zurück, Admetos (Steven Scharf mit schmieriger Zottelfrisur) lamentiert mit der Amme (Elsie de Brauw) über sein Unglück, da kommt Herakles mit Wanderrucksack angestiefelt. Zunächst ahnungslos, bandelt der Halbgott mit der Amme an und lässt es sich gut gehen. Es kommt zum Streit zwischen Admetos und seinem Vater Pheres, in dem es um die zentralen Fragen, um Verantwortung und Schuld geht. Stefan Hunstein im rosa Playboy- Anzug an der Grenze zur Lächerlichkeit, füllt seine Rolle mit unerschütterlicher Präsenz – ein Höhepunkt des Abends. Auch Pierre Bokma als Herakles gelingt der Drahtseilakt zwischen Komik und Dramatik, wird er doch Alkestis aus dem Todesreich wieder zurückholen. Chorische Elemente übernehmen vier Sängerinnen, deren Beitrag zur Live-Orgelmusik sehr berührend ist. Wer Johan Simons Inszenierung von „Accatone“ während der Ruhrtriennale 2015 gesehen hat, erkennt die Parallelen. Statt Camper gab es einen Container, statt Steg eine Bahnschiene, dem Schmutz der Umgebung setzten auch dort Sängerinnen ihren schönen Gesang entgegen. Das passt ganz zu Simons Aussage im Programmheft, nämlich, dass es ihm manchmal so vorkäme, „als ob alle Inszenierungen (…) ein einziges Werk seien“. „Alkestis“ am Schauspielhaus Bochum: 1.11. + 13.11. Einen eigenen Kosmos erschafft Julia Wissert mit „Bakchen – die verlorene Generation“ in Dortmund. Sie vermischt den Euripides Text mit aktuellen Aussagen von Jugendlichen einer Internetplattform. Texte, die ihre Verletzlichkeit zeigen und in denen sie das Aufbegehren gegen (elterliche) Erwartungen und Zwänge formulieren. Die Fassung von Sabine Reich funktioniert erstaunlich gut. Bereits im Foyer beginnt das Spiel, Dionysos macht sich lautstark bemerkbar. Nahtlos geht die Handlung vom Zuschauerraum auf die apokalyptisch anmutende Bühne über, dekoriert mit Überresten der Zivilisation (Bühne/Video: Nicole Marianna Wytyczak). Der Gott des Rausches verkleidet in Menschengestalt, will gefeiert werden; ist er doch voll freudiger Erwartung in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Doch König Pentheus (Adi Hrustemović) fühlt seine

Theater | 27 COMING SOON ADVERTORIAL all you need is love! – Das Beatles-Musical 60 Jahre „Please Please Me“: Das Erfolgs-Musical um die legendären Pilzköpfe kehrt zurück auf die Bühne und erzählt die Geschichte der Beatles, angefangen vom Star-Club bis hin zum Weltruhm. 10.01.2023 Stadthalle, Mülheim an der Ruhr www.beatles-musical.com #besteunterhaltungseit1895 Fotos: Birgit Hupfeld Muss man tragen wollen! www.ebertbad.de Macht und Ordnung durch den Fremden bedroht, er fürchtet dessen Lasterhaftigkeit. Seine Tochter ist dem maskierten Gott bereits verfallen, zügig lässt Pentheus den Verführer einsperren. Mittels göttlicher Kraft schnell befreit, zieht Dionysos mit der gesamten Jugend raus in die Natur, gibt sich dem Rausch und Tanz hin. Im Originaltext sind es wahnhafte Frauen, die dem getarnten Gott Dionysos folgen, hier sind es junge Menschen, dargestellt durch Folkwang Studierenden aus dem Fachbereich des Physical Theatres: Sie kriechen, winden, in einer ekstatischen, beeindruckenden Choreografie über die Bühne. Verfremdete Filmsequenzen verführen in eine psychedelische Welt. Die nach sportlichem Drill aussehenden Kleidungsstücke werden abgeworfen, die Jugendlichen häuten sich regelrecht (tolle Kostüme von Mascha Mihoa Bischoff). Das starke Bild bleibt hängen, der mal subversiv, mal laut dröhnende Dauersoundtrack des Bühnenmusikers Yotam Schlezinger komplettiert die Szenerie. Schade nur, dass die Texte der Nachwuchsschauspieler:innen durch Stimmverzerrungen teilweise unverständlich sind. Der schillernde Star des Abends ist Antje Prust, die schlangenartig, androgyn, gefährlich, verrucht und eindringlich mit artifiziellen Bewegungen die Dionysosfigur verkörpert. Und so gehört ihr auch der letzte Satz in der überaus sehenswerten Regiearbeit von Julia Wissert: „Aber jetzt sind wir frei“. AS „Bakchen – die verlorene Generation“ am Theater Dortmund: 5.11. COOLIBRI SINCE 1983 DAS SZENE- & KULTUR-MAGAZIN Kevelaerer Krippenmarkt 26. November bis 18. Dezember 2022 Physical Theatre Student:innen der Folkwang Universität der Künste Gastronomie bis 30. Dezember 2022

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