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März 2019 - coolibri Bochum

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THEMA Ein Leben in

THEMA Ein Leben in Ungnade MissverstandeneTiere:Tauben Fotos (2): Lukas Vering R E G I O N In Kirchenfenstern symbolisieren Tauben mitweißemGefiederund OlivenzweigimSchnabel Frieden undHoffnung, als Turteltaube stehensie fürlebenslange Bindung, als Nutztiere warensie lange überall aufder Welt geschätzt. IhreRealitätsieht andersaus.Die Vögel werden gejagt, vertrieben, systematisch getötet. In ihreNistplätze legt manGift, zertrampeltihreKüken oderrüstetSimseund Fensterbänke mitSpießen aus. Nichtseltenruftihr Anblicksogar Ekel und Groll hervor.„DieTierekönnenaber nichts dazu“,sagtEva-Maria Servatius,Vorstandsmitglied vomVerein StadttaubenBochum.Sie seien lediglich Opfer vonvielenMissverständnissen. 12 Gummihandschuhe, Handtuch,vielEkel–so trug Eva-MariaServatius einsteineverletzte Taubezum Tierarzt.Danachblieb derVogel zur Genesung noch sechsWocheninihremGästezimmer,während Servatiusihre Vorurteile durchvielLese- undRecherchearbeitabbaute. DieVorsichtsmaßnahmen warenüberflüssig, wiedie heutige Vorstandsvorsitzende desVereins StadttaubenBochumnun weiß.Tauben übertragen beiKontakt keineKrankheiten. „Ein Tierarzt hatmir dazu gesagt:Man müsstedie Taubeschon essen, wenn siebereits drei Wochen in derSonne lag. Dann könnte sie, wiejedesGeflügel,Salmonellenübertragen. Ansonstenist dasBerühreneiner Taubeungefährlicher, als nach einerTürklinkezugreifen.Selbstein Fünf-Euro-Schein überträgt mehr Krankheitserregerals eine Taube.“Lediglich derKotstaubvon Tauben,die an Ornithoseerkranktsind, könnte beiImmunschwachenwie Kleinkindern oder älterenMenschenzuSchwierigkeitenführen. „Allerdings müssteesfür eine Ansteckung schon eine großeMenge Kotund einextremesEinatmensein, durch Vorbeilaufen oder Berührung holtman sich nichts.“ „KeinTier, das aufdie Welt kommt, will sich selberbeerdigen.“ Einanderes,weitverbreitetesBildder Stadttaube zeigtsie alsnimmersattesBettlergetier.Tatsächlich aber leiden dieTiere dauerhaftanHunger. „Man musssichnur maldie natürliche Nahrung vonTaubenanschauen.Das sind Körner, davonbrauchen sie40Gramm proTag,wenn sieKüken haben noch mehr.Inder Stadtaber findensichgenau Null Getreidefelder.“ Andere Grundnahrungsmittelfür Tauben wieMais,Weizen, ErbsenoderSonnenblumenkerne sowie genügendTrinkwasser sind gleichsamunauffindbar.„Aber keinTier, dasauf dieWeltkommt, will sich selber beerdigen“,sagtdie Taubenschützerin.Darum lungerndie durchaus cleverenund kaum scheuenTauben an Ortenwie Pommesbudenherum,woEssbaresfür sieabfällt. Essbar,aberebennicht gut verdaubar. „Ih-

THEMA re permanente Fehlernährungführt zu Durchfall –und derist es dann, derklebrig dieHauswand runterläuft.“ Werden unschönenAnblickvon matschigenFladenverhindern will,sollte aber laut Servatiusnicht unbedingt zur Fütteroffensive übergehen. „Inden meistenStädten ist dasgar nichterlaubt.Die Gesetzeslage istje nachKommune anders,inBochumdarfman nurimWinterbei Schnee füttern,inHattingen undDatteln isteserlaubt.“Essei durchausso, dass aufgesunde ArtsattgefütterteTauben aus demStadtbildverschwänden, weil sieauf den Dächern blieben, doch einenGefallen tueman denTierendamitselten. „Lockt mansie mitFutterauf Balkon oder Innenhof, beschwerensich sofort Nachbarn undVermieter –und vertreibendie Vögel wieder.“Hierentstehtzudemoft einweiteresMissverständnis.Wer glaubt, dass diewohlmeinenden Füttererdie Tauben zurVermehrunganspornen,liegt daneben. „Tauben brüten achtmalimJahr zwei Eier aus,auch im Winter undunabhängigvom Nahrungsangebot. Sievermehren sich nicht, weil siegefüttert werden, sondernweilesgenetisch so angelegt ist.“ Dienachhaltigere Alternative: Populationskontrolle. „Die Städte sind auchohne Tauben dreckig, dafür sorgen wir Menschenschon.“ Taubenhäuserals nachhaltige Lösung „Wir setzen unsfür Taubenhäuserein“, erklärt Eva-MariaServatius.Dortwerdendie Tierenicht nurgefüttert,sondern eben auch ihre Eier gegenAttrappen ausgetauschtund somitdie Zahl derTauben im Stadtbildkontrolliert. Außerdem, so dieTaubenexpertin,verbringendie Vögel die meiste Zeit ihresAlltags im Taubenhaus und setzen zudem80Prozent ihresKotes hier ab. Derlande dann nichtauf Windschutzscheiben, Fensterbänken oder Gehwegen, sondernkönnte als Guanosogar an Gärtnerverkauft werden, dieden Taubenkotals Dünger verwenden. Übrigens:EineUntersuchungder TechnischenUniversität Darmstadtstellte schon 2004 fest, dass Taubenkotkeine Schädenanden gängigstenMaterialien zumHausbau anrichtet, wie Sandstein,Klinker,ZiegeloderNadelholz. Lediglich bestimmteBlechekönnten nach mehrwöchiger Kotbeschichtung schnellerrosten. Die Kosten füreinen Taubenschlag kalkuliertder Deutsche Tierschutzbund in einemaktuellen Leitfadenauf 1500 bis2000Europlusmonatlich laufende Kosten vonungefähr120 Euro. Laut Servatiusist es wichtig, dieTaubenhäuser dortzuinstallieren,wodie Vögelsichauch tatsächlich aufhalten, an densogenanntenTauben-Hot-Spots. Unddas seiennun maldie Innenstädte. Es sind Hinterhöfe, Hausdächer, Parks,Kirchtürme oder einfachGebäude mit leeren Räumen. DieInnenstädtemit ihrengroßen, grauen Steilwänden samt Vorsprüngen undNischen erinnereeine Taubezudem an ihr einstigesnatürliches HabitatinfelsigenKlippenlandschaften.„Man kann sienicht außerhalb derStadt unterbringen, siewürdenimmer wieder zurückfliegen. Tauben sind ortstreu,dortwosie geschlüpft sind,ist ihre Heimat.Sie werden einLeben lang zu diesem Heimatortzurückkehren–deswegenklapptjaauch derBrieftaubensport“, erklärt dieVorstandsvorsitzende. Undklapptauch derTaubenschutz?Eva-Maria Servatiuskann keine pauschaleAussage treffen: „70deutscheStädtehaben bereitsKonzepte,Neuss undHagen haben sogarausgewiesene Taubenbeauftragte. In Bochum gibt es da leidernochgar nichts Konkretes.“ LediglichInformationenzum Fütterungsverbot findensichauf derHomepageder StadtBochumoderauf der „Roten Karte“,dem Sündenregisterdes Ordnungsamtes. Kampfgegen Vorurteile Aktuell kämpftder Verein für dieGenehmigung einesBauwagens alsTaubenhaus an derRuhr- Uni. Finanzierung undPflege würde derVerein komplett übernehmen,nur dieStandortgenehmigungvon derStadt fehle.Bisherhabeman keinesinnvolleEinigung findenkönnen. DeborahSteffensvon derSPD undSprecherin des Ausschusses für Umwelt, Sicherheit undOrdnung im Stadtrat sagt dazu:„Grundsätzlich unterstützen wir dasVorhaben,dennEiertausch isteineguteMethode im Sinnedes Tierschutzes, um dieTaubenpopulationzukontrollieren unddas Stadtbildsauber zu halten.“ DieAufenthaltsqualitätund derWohlfühlfaktorinder Innenstadt seienwichtigeBaustellen,andenen mankonstantarbeite. DieGenehmigungfür den Bauwagenbefinde sich trotzmehrfacherThematisierung aber weiterhin in Bearbeitung. Eva-MariaServatius weiß: Verständnisfür die gefiedertenStadtbewohner zu wecken,ist eben keinleichtesUnterfangen.Die Vorurteile dominieren dieKonversation. Tötung undAusrottung halten vieleimmer noch für diesinnvollste Lösung,wennsie an Tauben denken.Dafür findet sieklare Worte: „Mal ehrlich:Wer beiein bisschen Kackeauf demBlech eine ganzeTierart ausrotten will,der hatdie Relation verloren.Die Städte sind auch ohne Tauben dreckig, dafür sorgen wir Menschenschon.Die Tierekönnen nichts dazu,wir aber könnten Kippen, Kaugummi undAbfall in denMülleimerwerfen –und machenesnicht!“ LukasVering StadttaubenBochum e.V. wurde im April 2017 gegründetund setzt sich für den tierschutzgerechtenUmgang mitund für dieNotfallversorgung vonTauben ein. Mehr Infos zum Thema auf stadttauben-bochum.de 13

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