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März 2018 - coolibri Dortmund

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INTERVIEW Auf

INTERVIEW Auf Prosper-Haniel... 2018 endet eine Ära. Die Ära des Steinkohlebergbaus in Deutschland. Dann wird die Subventionierung eingestellt und am 31. Dezember schließen die letzten beiden Steinkohlebergwerke. Deutschlandweit fördern nur noch zwei Bergwerke Steinkhohle: die Bergwerke Ibbenbüren (Ibbenbühren) und Prosper-Haniel (Bottrop). Sebastian Ritscher mit einem Bergmann und einem ehemaligen Bergmann über das Ende und die Zukunft gesprochen. ...geht das Licht aus. Unter Tage endet Alexander Sauermann (28) arbeitet auf Prosper-Haniel in Bottrop. Bis zur Schließung Ende Dezember wird er einer der letzten Bergleute der Region sein. Er erzählt, wie es dann weitergeht, was der Bergbau für ihn bedeutet und wie die aktuelle Stimmung unter Tage ist. Foto: Michael Schultz Als Aufsichtshauer? Das ist der Vorarbeiter einer Kolonne unter Tage. Ich bin für elektrotechnische Anlagen unter Tage zuständig, beseitige Mängel, errichte neue Anlagen und sorge für einen störungsfreien Abbau der Kohle. Hätten Sie während der Ausbildung gedacht, dass Sie so lange unter Tage arbeiten werden? Nein. Es war ja auch damals schon eine aussterbende Branche. Aber ich bin dann einfach dabei geblieben. Die Arbeit hat verdammt viel Spaß gemacht und macht noch verdammt viel Spaß. Auch der Zusammenhalt ist toll. Außerdem verbindet mich der Bergbau mit der Region. Ich war immer stolz darauf, ein Bergmann gewesen zu sein. Jetzt steht das Ende ja konkret bevor. Was bedeutet das für Sie? Ein Stück Unsicherheit, was die Zukunft bringt. Natürlich bin ich auch traurig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es was Vergleichbares gibt. Herr Sauermann, wie sind Sie zum Bergbau gekommen? Da bin ich durch meinen Oppa drauf gekommen! Ich habe eine gute Ausbildung gesucht und mich beworben. 2005 habe ich dann auf der Zeche Walsum in Duisburg angefangen. 2007 bin ich dann nach Prosper Haniel in Bottrop gewechselt und habe da meine Ausbildung fertig gemacht. Kommt ihr Opa denn auch aus dem Bergbau? Ja, deswegen führe ich auch ein bisschen die Familientradition fort. Mein Oppa war richtiger Bergmann. Damals war auch die Arbeit unter Tage noch anders. Es wurde noch viel von Hand gearbeitet, heute nehmen uns die Maschinen viel Arbeit ab. Was machen Sie denn unter Tage? Ich bin gelehrter Mechatroniker und arbeite auf Prosper Haniel als Aufsichtshauer. 6 Inwiefern vergleichbar? Die Mentalität der Leute und die Umgebung unter Tage sind einfach einmalig. Das wird es so nicht wieder geben. Haben Sie denn schon berufliche Pläne? Ich mache privat eine Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker für Elektrotechnik. Ich denke, dass es da noch genug Jobs gibt. Das hören wir auch oft genug, was natürlich auch motiviert. Wie ist denn momentan die Stimmung unter Tage? Die Leute blicken natürlich schon wehmütig auf das Ende. Aber wir sind ja noch voll in der Produktion, das lenkt auch ab. Deswegen ist die Stimmung noch ganz gut. Am 21. Dezember soll Prosper Haniel schließen. Ist das auch ihr letzter Tag? Nein. Auch nach dem 21. Dezember gibt es noch Arbeit im Bergwerk, dann steht der Rückbau an, der Bergmann sagt „rauben“. Ich bin so lange da, wie ich gebraucht werde. Der Letzte macht dann das Licht aus.

INTERVIEW Fotos (3): RAG Die Ära des Steinkohlebergbaus in Deutschland endet in diesem Jahr. Dirk Seemann (44) war bis Ende 2016 Bergmann auf Prosper-Haniel. Dann hat er dem Bergbau den Rücken gekehrt – zumindest ein bisschen. Jetzt arbeitet er im Deutschen Bergbau-Museum Bochum (DBM). Er berichtet von seinem Neuanfang, der Bedeutung des Bergbaus und dem Ende einer Ära. Herr Seemann, wie lange haben Sie unter Tage gearbeitet? 1990 habe ich meine Lehre als Industriemechaniker auf Prosper Haniel begonnen. Aufgehört habe ich Ende 2016. Was haben Sie denn nach ihrer Lehre gemacht? Nach einem Jahr Bund war ich wieder auf Prosper Haniel und war zuerst im Bergmännischen Revier. Da war man Mädchen für alles, wir waren zuständig für Baustellen, haben im Schacht gearbeitet oder auch mal ein Band freigescheppt. Dann bin ich in die Logistik gekommen und habe später als Aufsichtshauer gearbeitet. Außerdem war ich ehrenamtlich Mitglied in der Grubenwehr. Da haben Sie ja unter Tage einiges gesehen und erlebt. Was bedeutet Ihnen denn der Bergbau? Der Bergbau ist für mich mein Leben. Mein Vater war Bergmann, auch mein Opa, meine Onkels, mein Bruder und die jüngste Generation hat jetzt ihre Lehre gemacht. Was bedeutet Ihnen denn dann das Ende des Bergbaus? Foto: Helena Grebe Ich finde es sehr traurig, dass diese Entscheidung getroffen wurde. So geht eine Tradition und eine Ära zu Ende. Für Sie ging diese Ära ja vorher schon zu Ende. Wie sind Sie zum Deutschen Bergbau-Museum gekommen? Durch eine Stellenausschreibung an unserem Schwarzen Brett. Da dachte ich mir: „Das ist was, das hörst du dir mal an.“ Es hat sich gut angehört. Beim Vorstellungsgespräch hat es sich noch besser angehört. Warum haben Sie denn überhaupt eine neue Stelle gesucht? Ich bin einer von denen, die es auf der Zeche nicht mehr in den Ruhestand schaffen. Ich bin 44 Jahre alt. Wäre ich nur ein Jahr älter, dann hätte ich es geschafft und könnte in die sogenannte Anpassung gehen. Wir Jüngeren müssen uns allerdings was Neues suchen. Bei Ihnen ist es das DBM geworden. Seit wann sind Sie dort und was machen Sie? Mein erster Arbeitstag war am 2. Januar 2017. Ich arbeite als Grubenhandwerker. Wenn unter Tage was kaputt geht oder erneuert werden muss, dann machen wir das fertig. Aber wir arbeiten auch über Tage. Wir kümmern uns nach dem Umbau um die Rückführung der Objekte in die Ausstellungsräume. Haben Sie den Schritt zum DBM bereut? Nein, ich fühle mich hier pudelwohl! Es ist auch nicht viel anders, als auf der Zeche. Der Schlag Leute hier passt einfach und ich fahre jeden Morgen mit einem Lächeln zur Arbeit. Bedauern Sie es trotzdem, dass sie nicht bis zum Ende auf Prosper Haniel sein werden? Klar wäre es schön, auch die letzte Schicht auf Prosper Haniel zu machen, aber dafür habe ich mit dem Bergbaumuseum einen Sechser im Lotto gezogen. 7

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