Events, Trends und Reportagen für die Rhein-Ruhr-Region
Aufrufe
vor 5 Jahren

März 2016 - coolibri Düsseldorf

  • Text
  • Wuppertal
  • Jazz
  • Charts
  • Oberhausen
  • Oper
  • Krefeld
  • Dortmund
  • Lesung
  • Musik
  • Sucht
  • Www.coolibri.de

I N T E R V I E W „ S

I N T E R V I E W „ S a c h e n , d i e a n d e r e n i c h t k e n n e n “ D Ü S S E L D O R F Bei BiBaBuZe gibt es keine Teddybären, sondern in erster Linie Bücher. Politische Bücher, Fußballbücher, ausgewählte Belletristik und mehr. Und das schon seit fast 40 Jahren. 1977 wurde die Bilker Basis Buch Zentrale von einem Kollektiv gegründet und in den ersten Jahren noch ehrenamtlich betrieben. Heute lenken Hans Schmitz und Antje Westermann die Geschicke der Buchhandlung mit angeschlossenem Café. Obwohl keiner von beiden eine klassische Buchhändlerlehre absolviert hat, kennen sie die Branche wie die in solchen Fällen gern herangezogene Westentasche. Grund genug für Alexandra Wehrmann, mit ihnen zu sprechen. Über ihr Erfolgsrezept. Über den Stern-Verlag, der Ende März nach 115 Jahren seine Pforten schließt. Und natürlich über Bücher. Die Nachricht vom Aus des Stern-Verlags hat ziemlich heftige Reaktionen ausgelöst. Wie beurteilt ihr das? Schmitz: Es heißt ja immer, der Stern-Verlag sei zerrieben worden – zwischen der Mayerschen Droste und Thalia in den Düsseldorf Arcaden. Das stimmt natürlich nicht, zumal gerade Thalia überhaupt keine Rolle spielt. Jetzt Bestandsschutz für den Stern-Verlag zu fordern, wie es manche tun, ist jedenfalls Quatsch. Ich denke, deren Probleme waren größtenteils hausgemacht. Der Laden hätte nicht schließen müssen, zumal dem Eigentürmer die Immobilie an der Friedrichstraße gehört. Es fehlte einfach an einer Strategie für die Zukunft. Wer wird von der Schließung profitieren? Schmitz: Ich denke, das werden zu einem Teil die Buchhandlungen in den Stadtteilen auffangen. Ein Teil der Kunden wird auch ins Netz abwandern. Und der Rest wechselt zur Mayerschen Droste auf der Kö. Allein wegen der Größe, auch wenn deren Sortiment mit dem des Stern-Verlags nicht mithalten kann. Die gehen ja viel weniger in die Breite. Die bauen eher höhere Stapel. Werdet ihr an eurem Sortiment – als Reaktion auf die Schließung – etwas ändern? Westermann: Das Sortiment einer Buchhandlung ist grundsätzlich immer in Bewegung, in Veränderung. Aber natürlich werden wir an ein paar Schrauben drehen. Zum Beispiel, was den Import von ausländischen Büchern angeht. Der dauert einfach im Moment noch viel zu lange. Niederländischsprachige Bücher zu besorgen ist zum Beispiel so schwierig, dass man am besten nach Venlo fährt und sie dort einfach kauft. Auch die Sparte Hörbuch möchten wir ausbauen. Und mehr Reisebücher werden wir ins Sortiment nehmen. Unser Schwerpunkt sind Reiseführer für Städtereisen. Lasst uns über Geld reden, das ist ja seit Jahren ein Riesenthema in eurer Branche. 2015 ist das Geschäft des stationären Buchhandels um 3,6 Prozent geschrumpft. 8 „Bestandsschutz für den Stern-Verlag zu fordern, ist Quatsch.“ Schmitz: Das können wir für uns nicht bestätigen. Und es ist wie bei vielen Erhebungen: Man fragt sich, wie die Zahlen zustande kommen. Zumal es viele Läden wie unseren gibt, die derartige Zahlen gar nicht liefern können. Wie viel verdient ihr eigentlich an einem Buch? Schmitz: Das sind im Schnitt 30 Prozent vom Verkaufspreis. Es hängt aber immer von unseren Quellen ab, da gibt es auch Unterschiede, was den Einkaufspreis angeht. Und an Büchern, die wir für Kunden von einem Tag auf den anderen bestellen, verdienen wir wesentlich weniger. Aber dieser Service ist für uns Teil des buchhändlerischen Selbstverständnisses. Wie viel Prozent des Jahresumsatzes macht man im Buchhandel mit dem Weihnachtsgeschäft? Westermann: Bei uns ist das schwer zu sagen. Zumal das Weihnachtsgeschäft heute auch wesentlich früher anfängt als früher. Ich würde sagen, es geht schon weit vor dem 1. Dezember los. Grundsätzlich heißt es jedenfalls immer: 30 Prozent des Jahresumsatzes im Buchhandel werden mit dem Weihnachtsgeschäft gemacht. Das trifft bei uns aber definitiv nicht zu. Welche waren eure Bücher des Jahres 2015? Schmitz: Jan Brokkens „Die Vergeltung“. Westermann: „54“ von dem italienischen Autorenkollektiv Wu Ming. Lest ihr auch schon mal was von der Spiegel-Bestsellerliste? Schmitz (überlegt): Könnte ich jetzt gar nicht sagen… So was wie „Hummeldumm“ von Tommy Jaud vielleicht? Schmitz: Na, das jetzt vielleicht nicht gerade. Ich muss aber auch sagen, dass ich die Bestsellerliste nicht im Auge habe. Westermann: Das ist für unser Geschäft auch nicht wichtig. Die Leute, die was von der Bestsellerliste kaufen, wissen ja schon, was sie wollen. Die brauchen keine Beratung.

I N T E R V I E W Antje Westermann und Hans Schmitz Foto: Christof Wolff Ansonsten ist Beratung für eine Buchhandlung wie eure aber sicher ein wichtiger Faktor, oder? Westermann: Auf jeden Fall. Der Bedarf hat in den vergangenen zehn Jahren zugenommen. Schmitz: Und wir haben auf jeden Fall den Impetus, Leuten zu vermitteln, dass es eine literarische Welt jenseits von Goethe, Hesse und Martin Walser gibt. Wir kennen eben Sachen, die andere nicht kennen. Der Unionsverlag veröffentlicht zum Beispiel sehr schöne Sachen. Von denen haben wir einiges im Programm. Wie würdet ihr eure Kundschaft beschreiben? Schmitz: Unsere Kundschaft ist heterogen bis zum Geht-nicht-mehr. Früher hat man häufig unterstellt, sie sei studentisch. Aber das gibt es hier gar nicht. Düsseldorf ist ja trotz der Uni keine Studentenstadt. Mittlerweile kommen auch Leute zu uns, die früher keinen Fuß in eine politische Buchhandlung gesetzt hätten. Da macht die Beratung natürlich besonders viel Spaß, weil man die mal auf ganz andere Sachen bringen kann. oder wohlmeinende Buchhandlungen handelt. Und, was die Musik angeht, da gibt es einen großen Unterschied: Belletristischen Autoren fehlt leider häufig das Bewusstsein und der Wille, für ein anwesendes Publikum zu lesen. Für Musiker hingegen sind Orte wie BiBaBuZe nach eigenen Angaben oft die einzige verbliebene Möglichkeit, für ein konzentriert zuhörendes Publikum zu spielen. Auch aufgrund eures Programms habt ihr 2015 von Kulturstaatsministerin Grütters das Gütesiegel „Ausgezeichneter Ort für Kultur“ bekommen. Westermann: Stimmt. Das ist ein Preis für unabhängige, inhabergeführte Buchhandlungen, der im vergangenen Jahr zum ersten Mal an insgesamt 108 Buchhandlungen in Deutschland vergeben wurde. Kriterien sind zum einen das Sortiment. Es geht aber auch um Kulturvermittlung und Kooperationen in der Stadt. Von dem Geld, mit dem die Auszeichnung dotiert war, werden wir uns die ein oder andere zusätzliche Veranstaltung leisten, zum Beispiel zum Schwerpunkt der diesjährigen Frankfurter Buchmesse „Niederlande/Flandern“. Bei euch finden auch regelmäßig Lesungen statt. Ist die Gagen-Entwicklung im Bereich Literatur eigentlich ähnlich wie bei Musik? Westermann: Das ist leider so, ja. Das hat viel mit Festivals wie der lit.cologne zu tun. Die Verlage wollen ihre Autoren auf Teufel komm raus bei solchen Events unterbringen und versuchen, hier eventuell entgangene Honorare bei anderen Veranstaltern wieder einzuspielen – egal ob es sich um staatlich beziehungsweise städtisch alimentierte Veranstalter Habt ihr eigentlich jemals bei Amazon bestellt? Westermann und Schmitz: Nein. Schmitz: Ich habe auch noch nie bei McDonald’s gegessen. Westermann: Und ich habe noch nie bei Zalando bestellt. BiBaBuZe, Aachener Str. 1, Düsseldorf, bibabuze.de 9

coolibri Magazine 2020/21

coolibri Magazine 2019

coolibri Magazine 2018

coolibri Magazine 2017