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Mai 2021 - coolibri

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T H E M A Unter Druck

T H E M A Unter Druck Mobbingtrifft dieGemobbten meist mitvollerWucht. Foto: Adobe Stock Selbsthass isteine weit verbreiteteForm des Hasses. Er wächst beivielen, je mehr Finger aufsie zeigen. Undder Leidensdruckist groß.UlrikeBöhm-Heffels hatmit Psychiater Hans Joachim Thimmüberdas Thema Bodyshaming gesprochen –denn einUrteilüber dieKörperanderer ist schnell gefällt. Online werden rund um dieUhr Menschenfür ihrAussehen beleidigt. Dabeihat Schönheit unendlichvieleFacetten. Sängerin Adelehat denHasszuspüren bekommen,US-Schauspielerin Sophia Bush wettertgegenBodyshamingund Autorin MagdaAlbrecht schriebvor wenigenJahrenein Buch mitdem Titel„Fa(t)shionista -Rundum glücklich durchs Leben“. Mitihrem Buch gegendas geradezu inflationäre Mobbing in unsererGesellschaftmöchtesie anderenhelfen,sichin ihremKörperwohlzufühlen.Adele dürfte dasewige Gemecker um ihre Kilos(„Zudick!“/„Vielzukrass abgenommen!“)auch gründlichsatthaben, aber gleichzeitig steigtdas Selbstbewusstseinbei derFraumit derbombastischen Stimme. Adelefindeteswichtig,zusichselbstzustehen. In einemRadiointerviewsagte sie: „Dichgibtesnur einmal,alsowarum solltest du so aussehenwie alle anderen?“ Sophia Bush äußertesichzum ThemaBodyshaming. Seit es sozialeNetzwerkeund Photoshop gebe,stünden alleMenschenmehrunter Druck. „Das istdochverrückt! Wir sind als Frauen darauf konditioniert, unsständigselbstzuhassen. Doch wirhaben es in derHand, daszuändern. Let’s go!“ DieBilderflut aufInstagram,Formatewie „Germany’s next Topmodel“ tauchen Tausende vorallem jüngereFraueninSelbstzweifel undtreiben vielevon ihnenindie Praxen derplastischen Chirurgie: Fettabsaugungen, aufgespritzteLippen, vergrößerte Busen, KorrekturenimIntimbereich – dieListe ließesichendlosfortsetzen.Wenndie Beurteilung vonMenschenausschließlich anhandderer Körperund Äußerlichkeitenstattfindet, istdas Bodyshaming. Beieiner Umfrageder internationalenDataand AnalyticsGroup YouGov vorzweiJahrenkam heraus,dassbereits 25 Prozent derDeutschen dieErfahrung vonBodyshaminggemacht haben.Besonders häufigwerdenFrauenaufgrund ihresKörpers beleidigt(29 Prozent,bei Männernsindes20Prozent). Wiealsoentkommt mander Spiraleaus verordneterSchönheit,dem innerenZwang, sich daranhaltenzumüssenund derVerzweiflung,diesem angeblichenIdeal nichtnäherzukommen?Fragenanden Psychiater Hans Joachim Thimm,der vieleJahre als LeitenderOberarztdie AllgemeinePsychiatrie derLWL-Klinik fürPsychiatrie,Psychotherapieund Psychosomatik in Dortmund führte unddabei Tagfür TagDepressivebehandelte. HerrThimm,frühersprachman vonHänseln,das gerne schonmal im Kindergartenbegann und immerSpielkameradenbetraf,die irgendwieanders waren, nichtder vermeintlichen Norm entsprachen. Istdiesermiese Charakterzug,andereniederzumachen, also per se in unsMenschenangelegt? Außerhalb einerGruppe, die„Anderen“ zu findenund siemit unterschiedlichen Attributen zu bezeichnen,das istnicht nureinfach, sondernhilft 6

T H E M A auch,den Zusammenhalt dereigenen Peer Groupzustärken. „Wir,mich natürlich eingeschlossen,sindallegleich(gut)und besser als dieanderenMenschen.“Das Phänomen beginntschon im Kindergartenund setzt sich in derSchulefort. Erziehungund sozialeKontrolle können dieEntwicklungsolcherdissozialen Charakterzüge sicher beeinflussen. Wirddas Mobben unsheute leichter gemacht durchdie angeblichsozialenMedien? Mobbing bekämpft man, indemman dieMobbenden undihre oftfragwürdigenBehauptungen insLicht derÖffentlichkeit stellt. Dies istinsozialen Medien leider kaum möglich,solange sich Mobber hinterPseudonymen verstecken.Manchmal wirddann deutlich,dass eine diffamierendeAussage wie„Du bist zu dick und unförmig“ aufzeigt, dass derMobbendemöglicherweiseein sehr beschränktes Schönheitsbild hat oder vielleicht auch an seinem eigenen Körper zweifelt. In sozialen Medien istzudem das schnelle Statementüblich. Es lohnt sich,vor derrasch hingeschriebenenemotionalen Äußerung dasHirneinzuschalten. Und die durchSocialMedia erreichteweltweite Öffentlichkeit wirkt beim Bodyshaming wie einTurbo,nicht wahr? Hans JoachimThimm Dieüberlegten, leider auch dieunüberlegtenÄußerungen,erreichenüberSocialMedia in Sekundenschnelle eine großeÖffentlichkeit.Sie werden vonvielenUsern,oft ohne weitereReflektion, zitiert. Das macht solcheÄußerungensehrbrisant.„Wenn so vieleMenschendiesoderjenesDenken,dann mussdas wahrhaft sein.“ Wahrhaft? Mitnichten.Wahnhaft sehr oft! Foto: priv at Mitwelchen Konsequenzen?Man liestimmer wieder vonSelbsthassbis hinzum Suizid. SozialeMedienmachenPersonenzuObjekten. Ohne persönlicheBegegnung undohneDiskurs entfernenwir unsvon menschlichem undsolidarischenZusammenleben. Das macht es denTäternleicht, sich herablassend undbeleidigendüberAndere, dievielleichtnicht derNormentsprechen,zuäußern. Opfervon BodyshamingoderMobbing im Netz sindoft allein. Es fehlt dieoffeneAuseinandersetzungmit denUrhebern. Auch für dieOpfer wirdvielzuoft dieMeinung andererMenschenzur Wahrheit. Der Gedanke: „Ich binanders, gehöre nichtdazu“, macht einsam,kann zur Selbstabwertungführenund macht mitunter depressiv. Fallen Angriffe im Netz oftauchauf fruchtbarenBoden,weilman sich selbst zu dick, zu klein, zu alt, zu hässlich findet?Was lässtsichalso tun, um endlichmit sich insReine zu kommen,damit dieverbalen Angriffe künftignur abprallen, ohne seelischen Schadenanzurichten? Zunächst einmal sind dieTäter,die Urhebervon Bodyshaming, meistselbstunsicherund brauchen denFeind da draußen. Siewollensichmöglicherweise, wie schonimKindergarten, durch ihre Äußerungen derSolidarität ihrerPeerGroup versichern. Aber auch dieOpfer halten es mitdem,oft transportiertemIdealbildvon derFrau, diegertenschlank undstets attraktiv zu sein hat oder mitdem Mann,der hochgewachsenund trainiertzuseinhat.Menschen, diediesem Idealbildentsprechen,haben es oftleichteran Jobs zu kommen undgeltenals erfolgreich. Studienbelegen, dass Bewerber:innen,die dem Idealbildnicht entsprechen, wenigeroft vonArbeitgebern eingestelltwerdenund später beruflich nicht so erfolgreichsind. Solche Misserfolgserlebnisse,gepaartmit beschämendenÄußerungen, führenbei denGemobbtendazu, dass siesichüberkritischbetrachten.Den Fülligen sagt manvielzuoft nach,dasssie zwar lustig undkumpelhaftaberauch undiszipliniertund faul sind. Welch einUnsinn. Beider Frage, washilft gegenBodyshaming, miteinem Patentrezept zu antworten,scheint mir zu einfach. Mirfälltauf,dassnur sehr wenige Menschendem transportiertemfalschen Idealbildentsprechen.Dicke,Dünne, Schwarze,Gelbe,Weiße,CouchpotatoesoderSportliche, Einfache, Schlaue, Mobber oder Opferzeigen mir:Die Welt istvielfältig,divers. Ichbin entschiedengegenEinheitsbrei. Schönheitswahnund fieseKommentare können schlimme Folgen haben. Foto: pixabay 7

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