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Lust auf Familie im Tal - Nr. 2

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R E P O R T A G E

R E P O R T A G E Zweites Zuhause Die Ställe der Kinder- und Jugendfarm Fotos (4): Lina Niermann Wer hat sich als Kind nicht gewünscht, in der Villa Kunterbunt zu wohnen, mit einem eigenen Pferd und Herrn Nilsson auf der Schulter? Freiheit erleben und sich ein bisschen so fühlen wie Pippi Langstrumpf, das können Kinder auf der Kinder- und Jugendfarm in Wuppertal. Denn dort bestimmen größtenteils sie die Regeln. Im Eingangsbereich des Hofes lehnen Cityroller und Fahrräder am Gartenzaun. Gummistiefel und feuchte Socken liegen munter verstreut und wurden hier offensichtlich zum Trocknen aufgehängt. In der gemütlichen Farmküche hängt ein Holzschild mit der Aufschrift „Das ist keine Unordnung, hier liegen nur überall Ideen rum“. Der Spruch aus der Küche lässt sich auf die gesamte Farm übertragen. Hier ist es laut, bunt und unaufgeräumt. Überall wuseln Kinder durcheinander, vorwitzige Hühner trippeln einem um die Beine und ein Hängebauchschwein döst faul in der Sonne. Und dennoch hat man sofort das Gefühl, dass hinter dem kreativen Chaos eine Struktur steckt. Wie auch sonst ließe sich erklären, was hier mit viel Improvisationstalent in den vergangenen Jahren entstanden ist: Eine bunte Sitzecke mit Tisch, eine Bank aus einem alten Surfbrett und ein selbst gebauter Kaninchenstall sind nur drei Beispiele, Ute Schick mit Emily(10) und Frettchen Peaches die direkt ins Auge fallen. „Auf dem Hof leben etwa 50 Tiere“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Ute Schick. Mithilfe der Kinder rechnet sie noch einmal nach: drei Esel, sieben Ponys, zwei Schweine, zwei Katzen, vier Frettchen, zwei Gänse, vier Laufenten, etwa zwanzig Kaninchen und Meerschweinchen, sechs Hühner und ein Hahn ergibt die Inventur. Hinzukommen die Hunde, die Mitarbeiter von zu Hause mitbringen. Basisdemokratische Hof-Organisation Die Kinder- und Jugendfarm existiert seit über vierzig Jahren. Den Grundstein legte ein Wuppertaler Kaufmann, der sich 1972 drei Ponys zulegte. Die Pflege der Tiere übernahmen schon bald Kinder und Jugendliche aus der Umgebung. 1975 wurde der Verein „Ponyhof von der Jugend für die Jugend“ gegründet. Schon der Name zeigte an, worum es ging: um die Selbstverwaltung des Hofes durch die Jugendlichen. Ein elementarer Bestandteil, der bis heute so geblieben ist. „Einmal pro Tag gibt es eine Farmversammlung“, erzählt Ute Schick, „Dort können die Kinder ohne Beteiligung der Erwachsenen Kritik äußern, Vorschläge einbringen und über anstehende Entscheidungen abstimmen.“ Die 8

R E P O R T A G E Farm ist basisdemokratisch organisiert. Die Kinder wählen Farmsprecher, die ihre Wünsche und Belange gegenüber dem pädagogischen Team und dem Vereinsvorstand vertreten. Es gibt ein Farmregelwerk, das per Mehrheitsbeschluss von der Farmversammlung verabschiedet wird. In dieser Ordnung ist der Hof-Alltag genauestens geregelt. Manchmal stehen traurige Entscheidungen an, etwa, wenn ein krankes Tier eingeschläfert werden muss. Auch in diesen Fällen stimmen die Kinder darüber ab, wie es mit dem alten oder schwachen Stallbewohner weitergehen soll. Hier beträgt das Mindestalter allerdings 12 Jahre. Der Hof als Hobby Die 14-jährige Emilie ist seit zwei Jahren auf dem Hof. Am liebsten versorgt sie die Tiere, reitet und hilft bei den alltäglichen Aufgaben. Nur im Winter den Ponystall auszumisten, findet sie nicht so toll. „Ich mag es hier, weil ich mit meinen Freunden zusammen bin und wir lustige Sachen machen und zum Beispiel zusammen ausreiten“, erzählt sie. Auch Ilayla ist mit Begeisterung dabei. „Die Farm ist für mich wie ein Hobby“, sagt die Zwölfjährige, „vorher war ich nicht viel draußen. Aber hier habe ich viele Freunde kennengelernt.“ Kayleena (9) hat vor allem die Esel Rocco und Elvis ins Herz geschlossen. Die Eselstute Anna ist ihr dagegen etwas zu brav. „Ich mag lieber die frechen Tiere“, meint sie. Danach gefragt, was sie an dem Ponyhof besonders schön findet, antwortet sie lächelnd: „Ich finde es toll, dass man sich hier richtig schmutzig machen kann.“ Berufliches Glück und volles Haus Für die Leiterin Ute Schick ist die Arbeit auf der Farm der absolute Traumjob. „Als meine alte Stelle auslief, habe ich mich hier beworben und den Job zum Glück bekommen. Mit den Jugendlichen, Kindern und Tieren zusammenzuarbeiten und den ganzen Tag draußen zu sein, etwas Besseres gibt es für mich nicht“, schwärmt sie. Insgesamt arbeiten sechs Kollegen im pädagogischen Bereich. Außerdem helfen noch sechs Ein-Euro-Jobber aus und drei weitere Mitarbeiter, die im Rahmen des Bundesprogramms „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“ dort beschäftigt sind. „Das sind die guten Geister hier“, sagt Ute Schick. Finanziert wird die Farm zum Teil über die Stadt Wuppertal und zum Teil vom Landesjugendamt. Die Tiere stammen meist aus zweiter Hand, aus Tierheimen oder Tierauffangstationen. Gefragt sind stressresistente und kinderliebe Geschöpfe, die etwas aushalten. Welche Tiere auf dem Hof einziehen dürfen, bestimmt das Team gemeinsam mit den Kindern. „Manchmal sprechen uns Leute sogar auf der Straße an und wollen uns ihre Haustiere schenken. Die sind dann immer ganz enttäuscht, wenn wir Ihnen sagen müssen, dass wir solche Angebote nicht annehmen können“, erzählt Schick. Die Ställe der Farm sind auch so schon oft bis auf den letzten Platz belegt. Auch beim Ausmisten packen alle mit an. Selbstständigkeit lernen „Dienstags ist Eseltag. An diesem Tag werden die Esel gestriegelt und herausgeputzt. Die Kinder dürfen die Esel über den Platz oder durch den Wald führen“, erzählt die Diplom-Pädagogin. „Manchmal werden sie allerdings auch durch den Wald geschleift“, ergänzt sie augenzwinkernd. Denn einen Esel in der Spur zu halten, ist gar nicht so einfach. Insgesamt lernen die Kinder auf der Farm viel Selbstständigkeit. Sie müssen sich absprechen, Aufgaben verteilen und Verantwortung übernehmen. „Jeder muss hier mit jedem kooperieren, um das gemeinsame Ziel, die gute Versorgung der Tiere, zu erreichen“, sagt die Leiterin. Zusätzlich trainierten die Kinder ihre Koordinationsfähigkeit. Sie helfen bei der Heuernte, misten Ställe aus oder reiten. Körperliche Arbeit und Bewegung an der frischen Luft, die heute bei vielen Stadtkindern zu kurz kommt. „ Hier sind sie den ganzen Tag draußen, immer im Kontakt mit den Elementen: Feuer, Wasser, Luft und Erde“, meint Ute Schick. Ein bekanntes Zitat von Astrid Lindgren lautet: „Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.“ Auf der Farm in Wuppertal haben Kinder und Jugendliche die Gelegenheit dazu. Lina Niermann Die Kinder- und Jugendfarm sucht regelmäßig Ehrenamtler, Praktikanten und natürlich Kinder, die Lust haben, sich auf dem Hof einzubringen. Kinder- und Jugendfarm Wuppertal e.V. Rutenbecker Weg 167 42329 Wuppertal Tel.: 0202 741901 E-Mail: info@jugendfarm-wuppertal.de jugendfarm-wuppertal.de 9

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