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Lust auf Familie im Tal - Nr. 2

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F A M I L I E N P A T E

F A M I L I E N P A T E N Mit dem Paten durch die Krise Wenn Kinder ihr Selbstvertrauen verlieren, sind die Familienpaten da, um zu helfen. Foto: Dmitri Maruta; / Fotolia Als eine Grundschülerin große Probleme hatte, sprang Waltraud Köhler als Familienpatin ein. Das Nachbarschaftsheim Wuppertal hatte sie mit der Familie zusammengeführt. Drei Jahre ist das her und die Seniorin verbringt auch heute noch im Rahmen des Projektes viel Freizeit mit ihrem Schützling. Zum einen, weil in der Familie nicht viel Zeit für das Kind da ist. Zum anderen, um sein Selbstbewusstsein zu stärken. „Ich erwarte nichts, aber ich freue mich“, sagt Waltraud Köhler. Seit drei Jahren ist sie ehrenamtlich bei den Familienpaten und unterstützt eine junge Schülerin, die in einer Familie mit drei jüngeren Geschwistern und ihrer alleinerziehenden Mutter lebt. Eines ihrer Geschwister ist schwer erkrankt, weshalb das Mädchen in der Familie zurückstecken muss. Ursprünglich hatte Köhler die Patenschaft übernommen, weil das Kind Schulprobleme hatte – auch wenn klassische Nachhilfe selbst nicht Teil des Familienpatenprojektes ist. „Es ist schwierig, wenn Kinder so belastet sind, dass sie sich nicht auf das Lernen konzentrieren könnten.“ Oft seien Streit mit Freunden oder Familienprobleme der Grund für solche Lernblockaden. „Es hat dann 6 auch sehr viel mit Selbstbewusstsein zu tun.“ Aber genau um dieses Selbstbewusstsein zu stärken, sei sie als Patin ja da. Mittlerweile ist ihr Schützling auf einer weiterführenden Schule und die Noten sind nicht schlecht. „Es ist ein gutes Gefühl, wenn man so eine Entwickelung sieht“, sagt Köhler. Grenzen ziehen Zu Anfang habe sie sich das alles anders vorgestellt. Sie musste lernen Grenzen zu ziehen. „Eine Herausforderung für die Paten ist es, zu sehen, dass oft mehr Hilfe bei der Familie benötigt wird, aber dennoch bei der ursprünglichen Vereinbarung zu bleiben“, sagt Juliane Dinn, die Freiwilligen-Koordinatorin im Nachbarschaftsheim Wuppertal. Aktuell gehören zum Projekt 67 Ehrenamtliche und 60 Patenschaften. Etwa 50 Prozent sind Familien mit Migrationshintergrund. Ihnen fehlt oft das Netzwerk in ihrem Stadtteil und sie haben Sprachschwierigkeiten. In anderen Familien ist jemand erkrankt. Das Projekt wurde vor zehn Jahren in Kooperation mit dem Jugendamt gegründet, das vermittelt auch heute noch in enger Kooperation mit dem Nachbarschaftsheim die Kontakte. Finanziert wird das Projekt aus Mitteln der Bezirkssozialdienste. Aber auch Schulsozialarbeiter kommen auf das Nachbarschaftsheim zu. „Die Idee ist, bei einer Belastungssituation niederschwellig zu unterstützen und über die Krise hinweg

F A M I L I E N P A T E N zu helfen“, erklärt Dinn. Etwas im Gegensatz dazu steht das Projekt Wunschverwandte, bei dem Ehrenamtliche einen bewusst langfristigen Kontakt zu Kindern aufbauen. Köhler wollte sich, nachdem sie in Rente gegangen war, eigentlich für Mütter engagieren. Mittlerweile begleitet sie neben der jungen Schülerin auch einen somalischen Flüchtling. „Man muss sich auf die jeweilige Situation immer einlassen können“, sagt sie. Bevor sie vor drei Jahren ihre erste Patenschaft übernommen hatte, war sie zu Vorgesprächen bei Juliane Dinn. „Ich führe lange Gespräche mit den Ehrenamtlichen, unter anderem auch um einschätzen zu können, wie gut sich ein Pate abgrenzen kann.“ Wenn eine Familie und ein Pate zusammenpassen, treffen sie sich zunächst in den Räumen des Nachbarschaftsvereins. „Natürlich ist zunächst etwas Misstrauen da, weil die Familie jemand Fremden in ihr Leben lässt“, so Köhler. Auch bei ihrer Patenschaft erforderte es Geduld und Feingefühl, bis alles lief. „Man akzeptiert die Situation der Familie, wie sie ist und kritisiert sie nicht, sondern hilft einfach dem Kind.“ Mittlerweile weiß sie, wann es besser ist, sich zurückzuhalten. „Es ist auch durchaus eine Herausforderung für die Paten, Dinge nicht persönlich zu nehmen“, sagt Dinn. Über den Umfang ihrer Hilfe, haben Köhler und die Mutter anfangs eine Vereinbarung unterzeichnet. Und an solche Übereinkünfte sollten sich alle halten, auch wenn es da durchaus Spielraum gibt. „Es ist ein Graubereich zwischen Professionalität und Beziehung. Die Paten müssen sich bewusst sein, dass sie zur Unterstützung da sind und eben nicht die Oma, die nun etwas kauft“, so Dinn. Gerade bei einem Teenager geht es irgendwann auch um finanzielle Bedürfnisse, zum Beispiel um mit den Freunden mithalten zu können. Die Familien erhalten häufig Hartz IV und können sich kaum Zusatzausgaben leisten. Die Paten müssten für sich selbst Grenzen ziehen, damit ihnen das Ehrenamt Spaß macht, das sei der Freiwilligen-Koordinatorin wichtig. Köhlers Schützling kommt ebenfalls gerade in die Phase, wo Geld eine immer größere Rolle spielt. Aus ihrer Erfahrung mit der Familie heraus, wünscht sich Köhler, dass die Öffentlichkeit anders mit dem Thema Hartz IV umgehen würde: „Es reicht manchmal einfach nicht zum Leben.“ Wie groß die Not sei, sei ihr vorher selbst nicht bewusst gewesen. Irmine Estermann Infos zum Projekt bei Juliane Dinn familien-paten.de und 0202-2451956 Waltraud Köhler engagiert sich seit drei Jahren beim Familienprojekt. Foto: Irmine Estermann Nachbarschaftsheim Wuppertal Ursprünglich von den Quäkern für Familien im Stadtteil gegründet, heute mit Projekten weit über die Grenzen des Quartier hinaus bekannt: Das Nachbarschaftsheim am Platz der Republik im Wohnquartier Ostersbaum ist seit seinen Anfängen 1948 stetig gewachsen und greift nach wie vor Problemlagen auf, die Familien, Nachbarn und Senioren in der Stadt beschäftigen – zum Beispiel mit den Projekten „Familienpaten“ und „Besuchdienst“. Ursprünglich halfen die Gründer Familien, die noch bis in die Nachkriegszeit hinein im Hochbunker im Park untergebracht waren. Die Kinder dort konnten selten draußen spielen, deshalb entstand auf dem Platz eine Baracke zur Freizeitgestaltung. Das grundsätzliche Ziel war damals zunächst, die Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg durch Partizipation an Demokratie heranzuführen. Schnell kam eine Erziehungsberatung hinzu, da die Ehemänner häufig traumatisiert aus dem Krieg zurückkehrten. Heute sind hier 60 Hauptund Nebenamtliche tätig, hinzu kommen mehr als 200 Ehrenamtliche. Die Bildungs-, Freizeit-, Beratungs- und Qualifizierungsangebote erstrecken sich bis über die Wuppertaler Stadtgrenzen hinaus. Mittlerweile gehört nicht nur das alte Gemeindehaus am Platz der Republik dazu, sondern auch die alte Feuerwache an der Gathe. Beide Häuser wollen durch ihre Angebote zu einem toleranten und weltoffenen Miteinander beitragen. EI Nachbarschaftsheim Wuppertal Platz der Republik 24-26 nachbarschaftsheim-wuppertal.de 7

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