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Juni 2021 - coolibri

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INTERVIEW Foto: Michael

INTERVIEW Foto: Michael Bidner Nichts von alledem tut ihm leid PeterPlate mitHundJam Er ist einerder gefragtesten Komponisten, Texter undProduzentenDeutschlandsund seit mehrerenJahrzehnten äußerst erfolgreich –Peter Platewar einst eineHälfte des Kultduos Rosenstolz,ist jedoch seit knappzehnJahren fast ausschließlichimTonstudiostatt aufder Bühnezusehen.Christopher Filipecki sprach mit dem offenschwullebenden Berliner über seineKarriere, Gemütszustände unddie queere Szene. Peter, wiegehtesdir?Wennman dich aufSocialMedia beobachtet, bekommtman denEindruck, dirgeht’srichtig super… Ich, als Teil derUnterhaltungsbranche –ich hassedas Wort –, hattemich dazu entschieden, aufSocialMedia Optimismus zu verbreiten.Aberdie, diemichgenauer kennen, wissen, dass mir daszwar großen Spaß macht, es aber nichtwirklichprivatist.Ich gehörenicht zu denen, diealles mit derÖffentlichkeit teilen.Stattdessen mache ichmir eher Sorgen um die Jüngeren,die alles immer schnelldortniederschreiben.Mir geht’s ansonstensomittelprächtig.Wir haben viel vor. „Bibi&Tina“ gehenauf Tournee, Ende desJahresstartet unserMusical „Ku’Damm 56“–dastecken vieleHoffnungenund Arbeitsplätze hinter. Und es istmeinJob,zusagen, es findetstatt.Also: Es findetstatt.Optimismus kann mannur verbreiten, wenn manselbstdranglaubt, undich glaube,wir kriegendas hin. Hatsichüberhauptdeine Arbeit durchCoronaverändert?Duarbeitest ja fast nurnochals Komponistund Produzent. Ja,für mich undUlf (Anm.d.Red.: MitUlf LeoSommerschreibtPlate nahezu alleSongs gemeinsam) hatsichsehrvielverändert.Das Musicalsollte eigentlich 2020 Premiere haben.Bei„Bibi&Tina“warenwir schon am Schreiben fürdie neuenSongs undmussten beieiner Musicalproduktion auch Showsabsagen undrückabwickeln,was 1. garkeinenSpaßmacht und2.durch Kurzarbeitauch garnicht zeitlich klappt, weil wirdadurch fast nichts schaffen.Daspricht nunder Unternehmer in mir.Viele Projekte haben wir aus Spaß gestartet, aber durch Corona gemerkt,dasswir ein „echtes“ Unternehmen sind undauf einmal alles ernstwird. Mir, alsPeter, geht es natürlichgut –aberals Unternehmer finde ich’sproblematisch. 26 Wenigstens konntenwir aber immer arbeiten. Du arbeitestmit so vielen Künstler:innenzusammen.Ist die Arbeit immer anders oder gibtesDinge,die auch immergleichsind? DieFrage für mich undUlf nach Rosenstolz (Anm.d.Red.: Seit 2012 pausiertdie Band aufunbestimmteZeit) war, ob wirdas überhauptkönnen. Uns hatkeinerangerufen undwir hatten keineJobs. Egal,was wirvorher alles gemachthatten. Ichhatte dann einSoloprojekt versucht, beidem ich aber gemerkt habe, dass es quasiRosenstolzinklein ist. Icharbeite auch überhauptnicht gern alleine,ich binsoein Zweier.Gleichzeitigfingenwir an,mit Sarah Connor undmit Detlev Buck an „Bibi&Tina“ zu arbeiten.Das ging acht Monate undwar eine obskure,aberspaßige Zeit.Auf beiden Projekten war kein Druck drauf, weil es für Sarahdas erstedeutscheAlbum warund Buck zumerstenMal einenKinderfilm gemacht hat, beidem gesungen wird. BeideSachenfunktioniertenund danachhaben unsdoch Leuteangefragt.Esfühlt sich aber mitjedem anders an,dadufür diePlatte derjeweiligenKünstlerarbeitest undEmpathieder Schlüssel ist. Man musssichimmer aufden Künstleroderdas Projekt, zumBeispiel dasMusical, einstellen.Ich darf ja auch dieRollenwechselnund kann zu jedem malals Texter undmal als Produzentsprechen. Aber wenn mir jemand sagt:„DasLiedklingt so,als hättest du es für mich geschrieben“,ist das dasschönsteKompliment, auch wenn es vielleicht eher fürden Sohn,die Tochteroderden Ex-Geliebten war. Wiefunktioniert dein Schreiben? Angefangen habeich mitAkkordeon- undOrgelunterricht.Das fand ich

INTERVIEW aber alles langweilig. Deswegenkannich auch nichtgut spielen,weilich lieber einfachLiederschreiben wollte. Das war wieein Tagebuch fürmich. BeiRosenstolzhabeich alles immer alleingeschrieben oder mitUlf.Zehn Jahrewar Daniel Faustdabei,jetzt schreibeich mitJoshuaLange,der allesnochvielbesser kann als ichund noch mehr.Wir spielenuns dieIdeen immer zu.Ulfsund mein Talent istes, dass wir eigentlich keineAhnunghaben, waswir tun, aber es einfachmachen. Vermisst du denn die Bühne? WarRosenstolzdie besteZeitfür dich? Ganz ehrlich:DassUlf undich dasjetzt so erlebendürfen,ist ganz toll und fast schöner als dieersten20Jahre.Ich mussnicht ständiginder ersten Reihestehen. Rosenstolz waren98Prozent meiner Energie, dieich hatte, unddafür mussten Kosten wieGesundheitoderPrivatleben bezahltwerden. Wenn’s mir gut ging, war es dasSchönsteüberhaupt, aber sich dorthin zu beamen,empfand ichoft alsanstrengend, dasmöchteich nicht mehr heute. Kritischseheich aber Rosenstolz überhauptnicht.Das war eine mega Zeit undich würde alles wieder so machen. Aber es istauch gut,dassesjetzt so ist, wieesist.DaraufsindAnNa(Anm.d.Red.: AnNaR., zweite Hälfte vonRosenstolz) undich auch ziemlich stolz, dass wirdann dienicht endenwollendePause angefangen haben,als es derrichtigeMoment war.Eswar alleserzählt. Es wird auch mitjedem Tag, dervergeht, unwahrscheinlicher, dass wirnochwas machen, aber manweißesnicht, wasnochkommt.Wir sind nichtverfeindet,imGegenteil. Allesist gut. Hast du Songs, beidenen du sagst, diesindampersönlichsten oder am wichtigsten? Ichbin totalstolz auf„Vincent“ mitSarah Connor,auf „Der perfekte Moment“mit MaxRaabe undbei Rosenstolz „Liebeist alles“,„Ichbin ich“ und „Aus Liebewollt‘ich alleswissen“. Bei„AusLiebe wollt‘ ichalles wissen“ warich völligbekifft undich verstehe denTextbis heute nichtwirklich, habe aber dasGefühl, da istalles vonmir drin –bin jedoch gleichzeitig sehr froh,dassich nichtmehrkiffe. Washat sich in den30Jahren, in denendumitwirkst, in derMusikszene verändert? Als ichjungwar,eröffnetegeradeinHamburgdie Popakademie. Ichhabe mir damals dieUnterlagennachBraunschweig schicken lassenund habe nichts verstanden, weil ichkeine Notenlesen kann undesnicht umsTextenging. Undich würde sagen, im Popist dieHälfte Musikund dieandere HälfteText. Dadurch,dassman dasjetzt studierenkann,gibtes–wenn mandas mitdem Baueneines Hauses vergleicht –einen Keller, eingewissesWissen, wasman sich aneignenkann undworauf mandann Kreativitätaufbaut.Sowas gabeszumeinerZeitnicht,sogibtesaberheute eine Singer/Songwriter-Kultur.Seitdem wir jedoch Streamingsysteme haben, istesfür jungeLeute nahezu unmöglich, davonzuleben,auch wenn ich generell Streaming eine guteSache finde. Du bist seit Anfanganein offenschwullebenderMusiker.Wurde dirdas irgendwann malzum Verhängnis? Als wir anfingen, hatteunser Entdeckerund späterer ProduzentTom MüllersoeineAngst um mich,weilich als schwul wahrgenommen werden wollte. Dasgingdann Anfangder 90er auch ganz gut,weilwir in der Schwul-LesbischenSzene undder Kleinkunst aufgetretensind. Wenn wir aber an dieRadiostationenSongs schickten,kam immer zurück:„Das ist doch schwule Musik“.Wir fragtenuns,was dasseinsollte, besondersweil AnNajaauch garnicht homosexuell ist. Und dashat leider noch nichtkomplettaufgehört. Wirsindimmer noch Kilometer weit davonentfernt, wie es sein sollte. Ichlebezwar in meiner KünstlerblaseinBerlin, binprivilegiertund hatteGlück,aberich kriege immer noch so vieletraurige Zuschriftenvon Leuten,die wirklich mitihrem Coming-Outstocken,weilsie aufder Arbeitdiskriminiertwürden. WiebetrachtestdudennqueerePersönlichkeiten in derMusikweltheute? Istdas komplett ok?Nutzenesmanchevielleichtals Attitüde? Ach, ichprobieredaeherbei mir zu bleiben. Wenn ichheute Ausschnitte vonmir vondamals sehe –ich wardochselbsttotal tuckig undbin da rumgewackelt. Ichhab‘mir darüber garkeinenKopfgemacht,ich war einfach so.Heute binich etwasälter undeshat sich einStück weit vertanzt, aber ichfinde es wichtig, dass jedereinfachso, wieerist,seinZeichen setztund mansichauch so gibt.Das istdochschön. Wo fehlt es derSzene denn noch an Transparenzund Toleranz? Ichhabedie Szenefrüher geliebt. AlsStudenthabeich meineTypen im AStA aufgerissen, ichwar gernevielfeiern. Ichwürde mirwünschen, dass aber dasPolitischeauch nichttotal verloren geht undman denBlick für Länderwie PolenoderRusslandnicht verliert, undman dran denkt,dass auch in Deutschlandnochlängstnicht alles in Steingemeißelt istund es hier sicher bleibt.Wenig istnicht genug. Wirmüssenfür unsere Rechte einstehen, biswir wirklich allegleichberechtigt sind.Jeder istwichtig und musssogenanntwerden,wie er genanntwerdenmöchte–mandarfniemanden vergessen. Wasbedeutetdir das „Ku’Damm 56“-Musical?Was wünschstdudir ansonstennoch? „Ku’Damm“ istdas Projekt, aufdas Ulfund ichseitJahrenhinarbeiten. Wir haben dieSerie gesehenund es istuns garnicht aufgefallen,wie gutdie Vorlagefür einMusical war.Als wir aber angefragtwurden, haben wir sofort „Ja“ gesagt.Inder Geschichte istsovieldrin.MeinOnkel zumBeispiel ist79, politischengagiert undauch schwul.Dafür isterals junger Mann durchdie Hölle gegangen, daskann sich selbst meineGenerationschon nichtmehrvorstellen. Angefangen,dassdukeinenMietvertrag bekommst,gesellschaftlich nichtanerkanntwarstund es sogarElektroschocksgab.Ich bineinfachganzstolz aufdas Projekt. Aber beidem Scheiß, denwir gerade alledurchmachen, kann ichmir nurwünschen, dass endlichein bisschen mehr Freude insLeben zurückkommt. Gibt es Highlights in deiner Karriere?Sinddas Nr.1-Alben,eineMillion verkaufte Einheitenvon einemAlbum oder wasanderes? Nee, dasist wasanderes.HierimStudio hängenviele goldene Schallplatten, dieman auch nichtzuHausehaben will, da sieeinen direkt an Stress erinnern. Beruflich einabsolutes Highlightwar einRosenstolz-Open Airin Dresden im Jahr 1996 oder 97.Esregnete in Strömen. Alle Regenschirme warenobenund in demMoment, in demwir aufdie Bühnekamen,gingen alleRegenschirmezu, weil dieLeute mitsingenund Spaß haben wollten. Da mussten wir weinen,weilessounfassbar war.Das vergesse ichnie. Das fühltman viel mehr als einenAward. PeterPlate,Ulf LeoSommer undAnnette Hess schriebengemeinsam dasMusical "Ku'Damm56". Premiere istimDezemberinBerlin. 27 Foto: Jörn Hartmann

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