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Juli 2021 - coolibri

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T H E M A Schach ist

T H E M A Schach ist jetzt cool Graubärtige ältereHerren, diestundenlang auf einSpielbrett starren, dann mit Stirnrunzelnund behäbig eine Figurbewegen, dann sich zufrieden lächelndzurücklehnen. So sahSchachidealtypischinder Vorstellung vieler Menschenaus. In der Pandemie wurdeaus dem Spiel der Könige dasSpiel der Stunde.Allewollen zocken, wiekonnte das passieren? Währenddiese Zeilen getipptwerden, an einemWerktag gegenMittag, laufen aufder Online-Plattform Lichess.org36.800 PartienSchach. Das bedeutet, gut 70.000 Spielersitzenalsoirgendwoauf derWeltvor Rechner, Handys,Tablets undzockenSchach. Lichessist nureinevon drei,vier großen Plattformen fürdas Spiel, daslange mitRentnernimPark assoziiert wurde.Online-Schach istschon seit denspäten90ern präsent, seit derPandemie2020ist es allerdingsKult. Das hatgleichmehrere Gründe.Einer derwirkmächtigsten isteineFernsehserie:„TheQueens Gambit“, „Das Damengambit“, ist62Millionen mal aufNetflixangesehen worden,ist somiteineder erfolgreichstenMini-Serien aller Zeiten.Darin wirdder fiktive Wegeiner Schachspielerin an die Weltspitzegeschildert,ingrandiosenKulissen, mittollenKostümenund einerherausragenden Schauspielerininder Titelrolle,.Anya Taylor-Joy. EchteSchachspielerhattenoft,sehroft,Grund zu klagen über dieDarstellungihresSpielsinFilmen,inder Werbung, aufFotos. NichtregelkonformeStellungen undZügewaren zu sehen, es spieltenzumeist Klischee-Pappkameradenmit krassemNerdfaktor. Zuletztwaren es etwa dieSPD-GrandenHelmut Schmidt undPeerSteinbrück,die sich beim Schachspiel fotografierenließenund dabeidas Brettfalsch aufgestellthatten(Merke: WeißeDame, weißes Feld, dann kann nixschiefgehen). Für„Das Damengambit“hattendie Macher aber sogar senBlitzschach-Künsteregelmäßigvon mehrerenZehntausendFollwern bestaunt undauch honoriert werden.Massive Reichweite haben auch die kanadischen Schwestern Alexandraund AndreaBotez,die einerseits recht gut Schach spielen, dazu unddabei aber auch nichtauf denMundgefallen sind undblendendaussehen. Auch dieGroßmeister Armand Hambleton undEricHansenaus Kanada gebendem Sportein punkiges Gesicht, sie hörenmassivlautTechno undHouse zumSpiel undtrinken gerneJägermeisterund Cocktails. Hierzulande istesvor allem„TheBig Greek“, derdeutschsprachig dasSpiel emotionalund hingebungsvollseinenFansnahebringt.GiorgiosSouleidis istsehrbeliebt,das magauch an seinen gelegentlichen Ausrastern liegen, beidenen auch schon maldie Computermausindie Ecke gefeuert wird. So hatman Schach früher halt noch niegesehen. Und so boomtSchachauf einmal,ein uraltesSpiel,das durchtechnische Möglichkeitenplötzlich dasperfekte Spielineiner weltweiten Pandemie geworden ist. Ob dasSchach, dasirgendwozwischenSpiel, Sportund Wissenschaft steht, davondauerhaft profitiert,wird dieZeitzeigen.Der Deutsche Schachbund hateshistorisch natürlich noch immer notorisch vergeigt,irgendwelche Profiteaus kleinerenErfolgenseinerSpitzenspieleroderdes Sports allgemein zu ziehen.Ob das2021anderswird? DerInternationaleSchachtag wäre eine guteGelegenheit.Das Ex-WeltmeisterGarri Kasparow insBootgeholt,damit derlei nichtpassierte. Und für dieSzeneninSachen „BethHarmon“ am Brett istein weltweiter Aktionstag,der jährlich am 20.Juli gefeiert wird.Eshandelt sich dabeiauch um Blitzschachwurde sogareinedeutscheGroßmeisterin als Hand-Double eingesetzt. Und so entstand dieerste realistische Schach-Fernsehserie. Nichtganzrealistischdabei dieStory,denninder Zeit,inder dieSerie spielt, gabeskeine Spielerin,die in dieDimensionen vorstoßenkonnte, in dieBethHarmon sich spielt.Ihre Geschichte isteheranden kometenhaftenAufstiegdes exzentrischen AmerikanersBobby Fischerangelehnt,der es quasiimAlleingangmit derÜbermacht dessowjetischenSchachs aufnahm und1972Weltmeister wurde. Inspiriertvon derSerie begannen offenbarsehrviele,auch jungeLeute mitdem Schach.Soviele,dassBretter undSchachuhren beivielenHändlern gernemal ausverkauft waren. EinweitererPushereilte denSchachsport durchdie Gaming-Plattform „Twitch“.Plötzlich bekamen„Schach-Streamer“ massivenZulauf. In den USAist es vorallem derehemalige Top-10_Spieler Hikaru Nakamura,des- denGründungstagder FIDE,des internationalenSchachverbandes (20. Juli 1924). Fragtman allerdingsinSchachpielerkreisen,ist dieser Tag nichtbesonders populär. VielpopuläreringanzSchachdeutschland istdagegenein Turnier, das Jahr für Jahr in Dortmund Traditionhat.HierwirdSchachnochungefähr so zelebriert,wie es in derNetflix-Serie zu sehenist.Große Meisterwerden aufgroßerBühne gezeigt, langeBedenkzeitsteht zurVerfügung(meist2 Stundenfür 40 Züge), dieStellungen werden aufDemonstrationsbrettern zurVerfügunggestellt, dieAtmosphäre istfastsakral.Die Dortmunder Schachtage werden 1973 zumerstenMaleausgetragen miteinem Paukenschlag: DieTurnierhistorie erzählt:„Das Turnierbeginntam17. Mai 1973 im Westfalenpark. Am Brettsitzt auch Boris Spasski. Dererste Auftrittdes Ex-Weltmeisters seit seinem KampfgegenFischer zieht4500Zuschaueran. AmerikanischeJournalistensindlautPresseberichten ange- 6

T H E M A Fotos (4): Christian Lünig /www.arbeitsblende.de ChessMeeting2007 Vladimir Kramnik wiesen,alleZügedes Turniers nachNew York zu kabeln –zuFischer.Aber Turniersiegerwirdder Berliner GroßmeisterHans-Joachim Hecht. Mitgleicher Punktzahl landet er nach Wertungvor Spasskiund demSchweden UlfAndersson.“Boris Spasskibildete nach einschlägigerMeinung dasVorbild zum „Endgegner“ derFilmfigur Beth Harmon,den sowjetischenWeltmeisterVasilyBorgov. Ausden „DortmunderSchachtagen“wirdein Dauerbrennermit stetsguter internationalerBesetzung. Doch derHöhepunkt sollte noch kommen.Das ChessMeeting 1992 sieht GarryKasparow,der in einerspektakulären Inszenierung in derMitte einerArena in den Westfalenhalleseine Gegner empfängt.Der Weltmeisterund -starbeendetdas Turnier als Sieger, doch er verlierteinespektakuläre Partie gegenden deutschen Schach-Exzentriker Dr.RobertHübner. Fürviele Schachfans im Ruhrgebiet eine Sternstunde. Danachblieb Dortmund immer einWeltklasseturnier, bekameinst sogarden Beinamen „Das Wimbledon des Schachs“.Tatsächlich istdas SpielamBettimmer noch so etwaswie die Königsdisziplin,auch wenn deraktuelleWeltmeister gut20Millionen Dollarfür eine immernochlaufendeOnline-Turnierserie akquiriertund verteilt hat. Auch in diesem Jahr wirdDortmund(jetzt als SparkassenChess Trophy) einWeltklassefeldzusammenbringen. Mitdem UzbekenRustamKasimjanov unddem Ukrainer Ruslan Ponomarjow spielenzweider eher unpopulärerenEx-Weltmeisteraus einerZwischenzeitstreitender Verbände im Hauptturnier,dem DeutschlandGrand Prix.Dochder 14.und der15. Weltmeisterder Schachgeschichte,der RusseWladimir Kramnik undder InderViswanathanAnand werden einenShowkampf spielen.Allerdingsin einerSchachvariante,dem No Castling Chess, also Partienohnedas Recht zu rochieren. WeitereTeilnehmerdes DeutschlandGrand Prix sind dasehemalige englischeWunderkind Luke McShane, der staubtrockenePawel Eljanow, derschillernde Ex-Vize-WeltmeisterGataKamsky, MateuszBartelaus Polen, derlange fürWattenscheid in derBundesligaspielte,und gleich vier deutscheTop-Spieler:GeorgMeier,Daniel Fridman, Dmitrij Kollars undmit besonderer ViswanathanAnand Aufmerksamkeitzubeobachten: Derjunge VincentKeymer, derals deutscheHoffnung aufhöhereWeihengehandelt wird.Erhat zuletztetwas Bodenverlorenauf diezahlreichenindischen Wunderkinder, doch diegehen wohl auch nichtindie Schule. Ob mandas Turniervor Ortansehen kann,ist eher unwahrscheinlich. Stattdessen wirdesvom 10.bis 18.Juli natürlich umfangreiche Web- Übertragungenmit Kommentarenund Berichtengeben. TomThelen 7

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