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Juli 2021 - coolibri

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I N T E R V I E W Nur

I N T E R V I E W Nur die Musik Joriskommt am 3. August nach Dortmund:Ertritt beiden JuicyBeats Park Sessions auf. Foto: Doering Jorisfreut sich, nach LockdownzeitenendlichwiederKonzerte geben zu können –dennauf derBühne ist er glücklich. Dassdas so ist,ist nicht selbstverständlich. Beieinem Festival hater2016 einenNagelbombenanschlagmiterlebenmüssen.SandraHeick sprach mitdem Sänger über dasErlebteund darüber,was er mitgenommen hat. Seine Mission: Liebeindie Welt tragen. Joris–wasschafft nurdie Musik,was nichts anderesschafft? Nurdie Musikschafft,dasswir alle –egalwowir herkommen, egal wiealt wir sind,egalworanwir glauben –zusammenkommen,dreibis vier Tage im Matsch stehen,imMatschzeltenund trotzdem zusammen feiern.Das istetwas,das in derPandemieganz, ganz arggefehlt hat. KamenZukunftsängste beidir auf? Ja natürlich. Ichhab mir vorallem ganz vieleGedanken undSorgenumdie Mädels undJungs in meiner Crew gemacht, dieimGegensatzzumir von Job zu Job denken –und denenüberanderthalb Jahredie Existenzgrundlage entzogen war.Zudemwarendanatürlichnochdie gesundheitlichen Aspekte. Im ersten Lockdown habeich voller SorgeRichtungItalien und Spanien geblickt,wodie Zahl derToten ja dramatisch anstieg. Und ichhabe mir dieFrage gestellt: Waspassiertmit unsererGesellschaft, wenn wir nichtmehrzusammenkommen–ob beiKonzerten,inTheatern, in Museen oder Fußballstadien.All dasbringt unsjaineiner wunderschönen Stimmung zusammen –und erinnertuns daran, dass wir alle zusammengehören. Das istvielzukurzgekommen.Wir warengemeinsam einsam. Beider Tauschkonzert-Sendung„SingmeinenSong“ hast du eine Achterbahnfahrtder Gefühlemitgemacht,während andere mitCorona-Monotoniekämpften. Einschätzenswertes Privileg,oder? Aufjeden Fall! WirKünstlerwarenmit einerenorm großen Freude dabei, undobwohlwir allesoverschiedeneMusik machenund aussoverschiedenenBackgrounds kommen,war direkt nach drei Stunden Abendessen undfeuchtfröhlichem Ausklang aufdem Hotelzimmervon Nura völligklar, dass da eine wunderschöneEnergie ist. Unddawar eine großeDankbarkeit in derLuft! Wirwarenunendlich dankbar dafür, endlichwiederLivemusik machenzukönnen. Das Ganzewurde dann auch noch gefilmt und im TV ausgestrahlt –wie schön. Daswar fürmichetwas sehr Wertvolles in einersehrstillen undmonotonen Zeit. Wieist es,wennanderedeine Songsinterpretieren? Wasmacht das gefühlsmäßigmit einem? Ichhab mir vorher echtGedanken gemacht, wiedas so wird–denn es ist ja einoffenes Geheimnis,dassnicht jede Musikeinen sofort umhaut.Aber dann hab ichdaauf diesem Sofa gesessen undgespürt,mit welchemRespekt wir alle an dieMusik deranderen herangegangensind: Undeshat sich einfachgut angefühlt.Der Abend, an demmeine Musik im Zentrum stand, war dann wieein verrückterTraum für mich.DJBobosangauf einmaleinen Song vonmir!Und Gentleman–demich schonauf so vielen Festivals begegnetbin,den ichschon so oftabgefeierthabe! Jedersang in seinem eigenen Timbre,inseinereigenen Farbe. Wasalles verbunden hat, war unsere gemeinsame Liebezur Musik. 28

I N T E R V I E W InzwischenkannMusik auch wieder vorPublikum stattfinden. Du bist schonbaldwiederbei unsinder Region zu Gast, spielst in Dortmundbei denJuicy BeatsParkSessions. Wasverbindestdumit Dortmund? Ich kann mich gutanschöneKonzertevon dirimFZW erinnern. Oh ja!WunderschöneKonzerte. UndFußball.Ich binjaOstwestfale –und für mich istDortmundsoein bisschen dasHerzWestfalens. DieMentalität derDortmunderist dasperfekteBeispiel fürdie Mentalität, dieauch ichin mir trage. Da istdiesesMalochertum,aberauch eine Offenheitund Direktheit.Und ganz wichtig: DieMenschenpassenaufeinanderauf. Du spielst aufgroßenBühnen, deineSongs werden täglichzuOhrwürmern.Gab es einenMomentindeinemLeben,indem du dachtest:„Okay, jetzthab ich’sgeschafft.Jetztbin ichein Star!“? Ichbin einStar–holtmichhierraus!Ach...Ich finddiesesStar-Ding schwierig. Wann istman einStar? Das definiertjajeder anders.Leute,die meineMusik mögen,sehen mich vielleicht als Star –aberLeute,die deutsche Musikmal so rein garnicht interessiert,wohlehernicht. Gemerkt,dassesjetzt aufeinmal losgehtund alles anders wird, habeich 2015,als meineerste Single„HerzüberKopf“ rauskam. Daswar schon intensiv.Wir haben in Bayern geprobtund warenzwischendurch einkaufen –und aufeinmallief im Supermarkt ganz lautmeinSong. Ichdachtenur:Was passiertdennjetzt? Hatterichtig Angstdavor,dasssich plötzlichalleumdrehenund mich angucken!Was natürlich nichtpassiertist.Bis heute istesso: Mankennt meineSongs,man kennt meineStimme–aber ichhabetrotzdemmeinPrivatleben. MancherSongvon dirläuft im Radioraufund runter.Gibtesheute noch Situationen,indenen du dirdenkst: Es wäreschön,wennder Song jetzt geradenicht aufder Playlistgestanden hätte? Nein... Eigentlich nicht. (lacht)Der Supermarkt-Moment istüberwunden undman darf mich gernedrauf ansprechen. Ichfreue mich so gut wieimmer, wenn Fans dasGesprächsuchen oder auch nach Fotosfragen–weil icheinfachdankbar bin, dass siemeinerMusik zuhören undich heute wie damals aufBühnenstehenkann. Ichhabemal irgendwo gelesen, dassnachder Veröffentlichungvon „Herzüber Kopf“der Name Jorisinder Liste derbeliebtestenJungennamenca. 200Plätzenachobengeschossen ist. Wahrheit oder Mythos? Das hatman mir malineiner TV-Showberichtet.Eswar wirklichso–und darübermussteich echt schmunzeln.Ich habemit demSongoffenbar sehr viel fürmeinenNamen getan. „Sag mir, dasswas vonuns bleibt“singstduin„Game Over“. Istdeine Musik dein Denkmal? Ichmag diesen narzisstischen Ansatz nicht, dass mansichunbedingt ein Denkmal bauenmuss, dasfür alleEwigkeitbleibt. Es geht im Lebennicht darum, wievielErbeman aufbaut–wieviele Schätzeman anhäuft, um dann wieein Drache darauf zu sitzen.Wennman genau hinhört, hörtman am Ende desSongs ja einganzleises„Only love“–dennesist dieLiebe, diewir geben, diezählt undbleibt. Ichhabeinden vergangenenJahren gemerkt,wie wichtigErinnerungen an schöneMomente sind,wennMenschenplötzlichnicht mehr da sind. Aber Musik istdocheigentlich einschönes Denkmal –eins, das denMenschenvielgibt. Ja –das stimmt schon. EinbleibenderSongist schöner als eine bleibende Statue. In deinen SongsstecktvielGefühl und da istein gewisser Pathos.Wie filterstdudeine Worteund Gedanken,dassesnicht insKitschige rutscht? „Für mich ist Dortmund so einbisschen dasHerz Westfalens.“ Dasist ja einDrahtseilakt. Wieich Songsschreibe, istvon Song zu Song unterschiedlich. Oftist da zuerst dieMusik, eher selten derText. Ichschreibedann,was mich gerade bewegt –und es istmir völligegal, wasdie Leutedarüber denken.Ich habe dasgroße Glück, dass ichmit vielen meiner Songsviele Leuteerreichen kann.Und vielleicht istgenau dasdas Erfolgsrezept: Sich nichtzuviele Gedanken über alles machen undwestfälischgeradeaus zu sein. WelcheMusik magstdulyrisch grad besondersgern? Aufdem Albumvon Gentlemanfindetman echt genialeTexte. Da habeich gemerkt,wie gutReggaeauch aufdeutsch funktionieren kann. Du freustdichdarauf, wieder livespielen zu können –esgab aber auch mal eine Zeit,inder dasLivespielen eine emotionaleHerausforderung war. 2016 hast du einenAnschlagauf einemFestivalinAnsbachmiterlebt. Ichstand in derNäheeiner detonierendenNagelbombe–daswar prägend. Damals haben wir Abendfür AbendohnekleinsteFragezeichenMusik machen dürfen.Wir hatten natürlich mitbekommen,was in Paris passiert ist, beim Anschlag im Bataclan.Wir wussten, dass derTerrorexistent ist–aber ichdachtenicht,dassersonah herankommt.Überdas Erlebte an sich sprecheich ungern.Was zähltist,was wiraus demErlebtenmitgenommen haben.Wir reistennachdem Anschlag plötzlich mitPolizeischutz,hatteneinen Psychologen an unsererSeite. Icherinnermichbesonders an eine großeRunde,inder jedergesagthat,wie es ihm gerade geht.Unser Lichtmann sagte: „EyLeute,ich kann es eigentlich ganz kurz machen: Wir haben jetztmehrdennjedie Mission, Liebeindie Welt zu tragen.“ Nach diesem Leitsatz lebenwir seitdem. Bemerkenswertist,dassdudreiTage nach demAnschlagwiederauf eine Bühnegegangenbist. Daswar allesandereals einfach, oder? Icherinneremichnochandas KonzertinKassel, als ob es gesterngewesenist.Ich standdaund dieMusik ginglos –aberich habemichüberhauptnicht danach gefühlt, aufdie Bühnezugehen.Ich habegeweint, ich hattewahnsinnigeAngst unddachtenur:Gleichknallt‘swiederund uns fliegenwiederNägel um dieOhren. Dann standdaeineHüllemeiner Selbst aufder Bühneund hatMusik gemacht –und irgendwann habeich Nasenbluten bekommen.MittenbeimAuftritt.Bei einerruhigenBallade. Ichbin dann vonder Bühnegegangen–undeshörte einfachnicht auf. Aber du hast das Konzertnicht abgebrochen. Irgendwann habe ichesgeschafft,zurückzum Publikum zu gehen–und habeganzoffen undehrlich gesagt:„Leute, ihr habt glaubeich allemitbekommen,was vordreiTagen passiert ist. Ichfühlmichgeradeüberhaupt nichtdanach, hier zu stehen undMusik zu machen.Und dashat nichts miteuch zu tun.“Dann gabesvier, fünf Minutenlangeinfachnur Applaus –und daswar so befreiend: Zu wissen, dass dasLeben Schreckliches mit sich bringenkann –daaberauch so vieleMenschensind, diedir Halt gebenund dich durch schwere Zeiten durchbringen. Wirwollten dann auch garnicht mehr aufhören zu spielen.Anfangs drohte es dasschlechteste Konzertzuwerden, dasich jemals gegebenhabe–aber ab demMoment, in demdie Leutesignalisiert haben „EyAlter,esist voll in Ordnung, wir verstehendich, wir sind hier,wir halten dich“–abdem Moment waresein wunderschöner Abend. Möchtestduden coolibri-Lesernnochetwas mitgeben? Unbedingt! Haltet durch.GehtimSommerauf vieletolle Konzerte,geht gutessen –und passtdabei aufeinanderauf.Das Lebenwirdlangsam aber sicher zurückkommenund wir werden wieder allezusammenwunderschöneAbendeerleben.Ganzbestimmt. 29

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