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Juli 2021 - coolibri

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I N T E R V I E W Timon

I N T E R V I E W Timon Karl Kaleytaist mitseinemDebütromanauf Erfolgskurs. Foto: Christian Werner „Ich habe großes Mitleid mit meiner Romanfigur“ Dergebürtige Bochumer Timon Karl Kaleytaveröffentlichte mitseiner Band Susanne Blech vierAlben undist heuteunter anderem alsKolumnist(FAS) und Drehbuchautor („jerks“)tätig.Nun ist seinRomandebüterschienen: „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ handelt voneinem namenlosen Ich-Erzähler, der auf seinem Wegnach oben dasWohlwollen vonFreunden,Frauenund Familie rücksichtslosausreizt. Dassder Erzählung jede Menge Tragikinnewohnt, unterstreichtTimon Karl KaleytaimInterviewmit RobertTargan. Herr Kaleyta, beim LesenIhrer „Geschichteeines einfachenMannes“ möchte manSeite um Seiteverschlingen,mussobdes Protagonisten jedochstets fassungslosPauseneinlegen. (lacht)Das höre ichimmer wieder.DagibtesMenschen, diedas Buch an nurein biszweiTagen durchgelesenhaben –und dann wiederum Leserinnenund Leser, diesichdie Haare gerauft habenund zumSchluss kamen: „Wasfür einfürchterlicherMensch!“InKritikenwar mitunter voneinem „Kotzbrocken“ oder auch „Dreckssack“ dieRede. Dabeiwollteich dieFigur garnicht so böse anlegen, sonderneinfachvon einemnaiven,jungen Mann erzählen, derglaubt, etwasBesondereszusein. „Das Leben“,soberichtet derErzähler,„warstets eine einzige, nieendende Aneinanderreihungschöner und allerschönster Momente.“Bis sich im Jahre1998… …mit derAbwahl HelmutKohls dieerste großeErschütterung seines Lebens ereignet. Dabeihandelt es sich für meinen Protagonistennicht um eine politische Frage, es geht ihm vielmehr darum, dass einfachalles beim Altenbleiben sollte.Für ihn istdie Welt,inder er aufwächst, wunderschön, es könnte nichtbesser werden.Veränderungen bergen dahergroße Gefahren. Mehr ausVerlegenheitbeginnt derProtagonistnachdem Abitur das Studium „irgendwelcher Geisteswissenschaften“. Waserwartetihn da? Sein Weltbild,etwas ganz Besonderes zu sein,wirderschüttert.Als er 10

I N T E R V I E W erstmals feststellt, dass ihm nichtalles zufliegt,ersichaneiner Massen-Universität wiederfindet undeinen Studiengangbelegt, vondem er zuvor niegehörthatte –Soziologie–,bemerkt er:Erist nureiner vonvielen. Eine hoffnungsloseEnttäuschungmacht sich breit. Er istverbittertüberdie brechend vollen Hörsäleund seinegleichgültigenMitstudierenden.Wie nur, fragtersich, kann der StaatsolcheineBildungspolitik zulassen? Eine naiveSichtweise? Ja,wobei es in einerIdealweltjadurchaus so wäre,dassman alsjungerMenschindie Welt hinaus geht undkurzfristigentscheidet,worin mansichversuchen mag. Ohne langePlanung oder Spitzenabitur. Eigentlich legt mein Erzähler einensehrpositiven Blickauf dieWeltanden Tag: Er glaubt, dass alles möglich ist. Erst an derUniversität lernter, dass dieWege ihm verbautsind. Doch das lässt er nielange gelten. Er sagt:„Es kommtnicht darauf an,woher mankommt, sonderndarauf, wiesehrman bereitist, sein Glückeinfach zu akzeptieren.“Ist das Größenwahn? Oder einfachnur Zuversicht.Auch ichdachteinmeinemLeben meist: „Eswirdschon alles gut gehen, auch ohne großeAnstrengung.“Man kann sein Glückdank harter Arbeitfinden, wiedie meisten. Oder manvertrautdarauf, einTalentzubesitzen, dassichirgendwannauszahlt. Leider gibt es gerade im kulturellen Bereichnicht wenige Beispiele, wo Letzteresnicht funktionierthat.UnerschütterlicheZuversichtist ja eine ArtSelbstermächtigung, siesagt: Ichakzeptieredie Realitätnicht. DemErzähler bleibt dieses„Glück“ jedoch erst mal hold:ErlandetimVorbeigehen einenPop Hitund erhält einAuslandsstipendium! Als Autorhabeich großes Mitleid mitmeinerRomanfigur.BeimSchreibprozess dachte ichoft:„Was für einarmer Tor!“ Tragisch,sofestdaran zu glauben,auf demrichtigen Wegzusein, undesentgegenjeder Realitätnicht akzeptierenzukönnen, dass dasGegenteilder Fall ist. Viele seiner im Buch beschriebenenHandlungen haben sich erst beim Schreiben entwickelt; natürlich liestsicheiniges davonunfassbar aberwitzig undkomisch.Vor allem aber istesunendlich traurig… …sodassseinEllbogen-Gehabe in tiefeScham und Unsicherheit kippt? Er suchtvon früh bisspätBestätigung, wenn sieausbleibt, schämt er sich. Und so sind es am Ende ja auch „die Blickeder anderen“,die ihn hinfort in dieAnonymität Berlins treiben. HabenSie dieüberhöhte Abbildungeines wohlbehüteten AufwachsensimWestdeutschland der 1980er-Jahreaufgeschrieben? Ichkann nursagen,ich selbst binjainUmständenaufgewachsen,die denenmeinesProtagonistennicht unähnlich waren.Eswar eine Kindheit, wiesie schöner undeinfacher undsorgloser nicht hätte sein können,ein einziges familiäresGlück. Ichdenke bisweilen, dass es nichtfalschsein kann,daran zu erinnern, dass es auch glückliche Kindheitengab.Ein junger Mann aus derArbeiterklasse hattealleMöglichkeiten,anseinemNiedergangträgt er vorallem selbst dieSchuld. Er ist einechtesIndividuum. Waslernt er schlussendlich? Er gibtvor,akzeptiertzuhaben,nicht dasGenie zu sein,für dasersichhielt –befreit voneiner unmenschlichenLast. Er geht,ohnedas Romanende vorweg zu nehmen,ineiner neuenTätigkeit auf, gibtsichhin,stelltsichinden Dienst eines anderen. Ichwürde sagen, er erfährteineArt Erlösung.Und darin liegtnatürlicheineungeheure Brutalität. Timon Karl Kaleyta: Die Geschichte eines einfachen Mannes. Piper,320 Seiten

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