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Januar 2017 - coolibri Düsseldorf

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I N T E R V I E W A u f

I N T E R V I E W A u f s t a n d d e r E r d m ä n n c h e n Dieter Nuhr ist bekannt für seine kabarettistischen, bissigen Jahresrückblicke. Was ihn im vergangenen Jahr besonders umgestrieben hat, verriet er Nadine Beneke im Interview. Genauso wie seine Lieblings-Reiseziele, Strategien für den Umgang mit Miesepetern und warum er 25 Stunden am Tag online ist. Herr Nuhr, 2016 gilt als Schreckensjahr in vielerlei Hinsicht. Wie würden Sie es rückblickend betrachten? Ich persönlich fand 1939 und 1618 schlimmer. Es gab im Jahr 2016 weniger Kriege auf der Welt als in den meisten Jahren des 20. Jahrhunderts. Allerdings sind in diesem Jahr auch viele Kräfte nach oben gekommen, die diesen Zustand gerne ändern würden; die AfD, die Europa gerne wieder in den Zustand von 1914 zurückversetzen würde; Donald Trump, der Trash und Krawall verkörpert wie kein Zweiter, oder Putin, dessen Heim-ins- Reichholung von Volksgenossen auf der Krim nicht unbedingt enden muss. Ich habe gehört, er sucht gerade noch Russen in Syrien, um eine Annexion durchzusetzen. Es ist alles ein bisschen unberechenbarer geworden. Das macht mir Sorgen. Welches Ereignis hat Sie am meisten getroffen? Die Anschlagsserie der Terrorpsychopathen hat mich negativ beeindruckt. Als sich dann der festgenommene Islamist in der Haft selbst umgebracht hat, war das eine ganz wichtige und interessante Nachricht. Da wurde nämlich klar, dass es sich bei den Terroristen gar nicht unbedingt um radikale Religiöse handelt. Die würden sich nämlich nie selbst umbringen, ohne Ungläubige mitzunehmen, denn ein sinnloser Selbstmord ist die schlimmste Sünde, die man im Islam begehen kann und führt einen geradewegs in die Hölle. Bei dem Festgenommenen handelte es sich ganz offenbar um einen ganz normalen Psychopathen. Mich wundert, dass diese Erkenntnis nicht breiteren Raum in der Berichterstattung eingenommen hat. 2014 wurden Sie selbst als „Hassprediger“ bezeichnet, 2015 provozierte Jan Böhmermann Sie aufgrund eines Postings zur Griechenland-Debatte. 2016 waren allerlei AfD-Verteidiger und sonstige Ideologen unterwegs. Sie werden dennoch nicht müde, zu einer positiven Weltsicht aufzufordern. Was lässt Sie Ihre Zuversicht behalten? Dass die Krawallmacher von links, von rechts oder von religiöser Seite nicht die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Meistens stehen ja gerade mal 1000 Leute auf der Straße und brüllen ‚Wir sind das Volk!‘ Eine lächerlich verzerrte Wahrnehmung. Man darf den Lärm, den die Medien erzeugen und verstärken, nicht mit der Realität verwechseln. Da draußen gibt es ziemlich viele zivilisierte Menschen, die sich von dem ganzen Radau angewidert abwenden. Für die möchte ich gerne ein Resonanzboden sein. Damit die sich nicht völlig alleine fühlen. 8 „Ignorieren und aus dem eigenen Leben löschen, was einem auf den Sack geht. Das hat sich bei mir persönlich bewährt.“ Welchen Rat würden Sie Wutbürgern aller Art fürs neue Jahr mitgeben? Entspannt euch. Die weltweite Armut ist in den letzten Jahrzehnten von fast 50 auf 12 Prozent gesunken. Der Wohlstand in Deutschland ist immer noch so groß, dass die Hälfte der Welt gerne bei uns wäre. Es ist nicht alles schlecht – im Gegenteil. Vielleicht hilft es schon mal, darüber nachzudenken, warum man eigentlich so empört ist. Dann fällt den meisten Wutbürgern schon nichts Konkretes mehr ein. Welche Themen werden, Ihrer Meinung nach, 2017 eine Rolle spielen, auch im Hinblick auf Ihr Programm „Nur Nuhr“? Das weiß man nie. Da bei uns erfahrungsgemäß nach einer kleinen Ruhephase immer wieder wöchentlich neue Säue durchs Dorf getrieben werden, kann man nie sicher sein, welches Thema als nächstes dran ist. Werden es wieder die Flüchtlinge sein? Oder gibt es wieder Pferd in der Lasagne? Oder vielleicht mal was ganz Neues, Streptokokken im Unterwäscheeinzelhandel oder ein Aufstand der Erdmännchen im Berliner Zoo. Ich bin gespannt. Sie haben einmal beschrieben, dass Sie für Ihre Darbietungen akribische Recherchen betreiben. Welche Medien nutzen Sie und wie oft? Ich bin faktisch 25 Stunden am Tag im Internet, weil ich für alles Belege sammeln muss, damit mir Nazis, Linke oder Islamisten nicht an den Karren fahren können. Ich erzeuge mittlerweile für jeden Text einen kleinen Quellenapparat. Das finde ich selbst ein bisschen mühselig, aber offenbar geht es nicht anders. Außerdem habe ich mehrere Tageszeitungen im Abonnement. Ich finde es eigentlich ganz schön, wenn man Journalisten für ihre Arbeit auch bezahlt. Ich finde es überhaupt schön, wenn Arbeit angemessen bezahlt wird. Bei uns wollen die Leute ja gerne alles umsonst haben, sind aber dennoch beleidigt, wenn die Löhne zu niedrig sind. Das scheint mir ein Widerspruch zu sein. Auf Ihrer Facebook-Seite schreiben Sie: „Beleidigte, Missgelaunte und Miesepeter werden entfernt.“ Welche Strategien empfehlen Sie bei der Begegnung mit ebensolchen Zeitgenossen im richtigen Leben? Ignorieren und aus dem eigenen Leben löschen, was einem auf den Sack geht. Das hat sich bei mir persönlich bewährt. Ich fühle mich, seitdem ich das so handhabe, seelisch sehr viel gesünder. Oft beschweren sich dann Leute, die ich von meiner Facebook-Seite lösche, über Zensur. Das ist ein

Foto: Jutta Hasshoff-Nuhr großer Irrtum. Ich verbiete niemandem, zu sagen, was er meint. Er kann auf seiner eigenen Seite jeden Schwachsinn verzapfen, den er möchte – nur nicht auf meiner. Bei uns gibt es keine Zensur, jeder kann alles sagen, aber wenn sich bei mir zuhause jemand als Nazi outet, dann schmeiß ich ihn raus. Das ist keine Zensur. Das ist geistige Haushygiene. Er kann draußen jederzeit weiter pöbeln. Darauf habe ich keinen Einfluss. Ich verbiete gar nicht das Pöbeln, ich lasse es nur in meinem eigenen Haus nicht zu. Sie reisen gerne und viel und dokumentieren ihre Entdeckungen in ihren Bildern. Wo sind Sie am liebsten? Und warum? Ich bin in erster Linie gerne an wechselnden Orten. Ich kehre immer wieder gerne nach Indien oder Nepal zurück, warum auch immer. Dieses Jahr war ich in Bolivien, die Anden sind großartig, der Titicacasee unglaublich schön. Aber in Südamerika ist die Stimmung auch teilweise ziemlich aggressiv. Im hinduistischen und buddhistischen Kulturbereich strahlt alles einen gewissen Frieden aus. Da bin ich eigentlich am liebsten. Denken Sie manchmal darüber nach, sich ganz dem Dieter Nuhr auf Reisen Reisen und der Kunst zu widmen? Ganz ehrlich? Ab und zu schon. Bilder zu machen, ist etwas ausgesprochen Friedvolles. Sich auf der Welt umzusehen, betrachte ich quasi als Sinn des Lebens. Dann verarbeite ich das Gesehene in Bildern und Texten. Das liebe ich sehr, das ist meine Lebensform. Durch das Fernsehen findet das, was ich mache, eine große Verbreitung. Das ist großartig, bringt aber auch immer wieder mit sich, dass man sich mitten im Krawall befindet. Das stört mich manchmal. Mir gehen diese bemühten Spaßmacher auf den Sack, die alles tun, um sich ein bisschen mehr Prominenz zu verschaffen. Ich bin eher ein ruhiger Zeitgenosse, ich halte Hysterie nur ganz schwer aus. Ihre ersten Bühnen- und Texterfahrungen haben Sie am Düsseldorfer Schauspielhaus gesammelt. Wie erleben Sie die Debatte um die Sanierung des Hauses? Das Schauspielhaus ist eine absolute Ikone. Ich empfinde die Debatte um einen Abriss als absurd. Das Ding muss erhalten bleiben, das ist gar keine Frage. Und zu guter Letzt: Welche Entwicklung wünschen Sie der Fortuna im neuen Jahr? Oh, mein Gott. Ein sehr sensibles Thema. Dieser Verein hat mich schon so viele Nerven gekostet, dass ich nun ein bisschen Abstand suche. Immer wenn man gerade denkt, jetzt gerät alles mal in ein bisschen ruhigeres Fahrwasser, kommt ein 1:6 oder ein 0:3. Dann weiß man wieder: ‚Ach ja, natürlich! Es ist ja Fortuna.‘ Das wird sich wahrscheinlich auch nicht mehr ändern. Ich wäre für einen Mittelplatz in der Zweiten Liga sehr dankbar. „Nur Nuhr“: 15.1. Unihalle, Wuppertal; 27.1. Chapiteau des Sparkassenparks, Mönchengladbach; sparkassenpark.de 9

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