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20 | Im Gespräch

20 | Im Gespräch Michael Patrick Kelly ist nicht mehr mit „The Kelly Family“, sondern solo unterwegs. Lange Zeit wollte er überhaupt nicht mehr auf Bühnen stehen. Foto: Harald Hoffmann WEN ER MIT SEINER MUSIK NICHT KRIEGT, DEN KRIEGT ER MIT STILLE MICHAEL PATRICK KELLY, den viele früher Paddy nannten, kommt auf seiner B.O.A.T.S.- Tour auch nach NRW. Sandra Heick hat mit dem Sänger über Krieg und Frieden , über emotionale und freaky Momente und Korallen im Seelenmeer gesprochen. Du beschäftigst dich viel mit Krieg und Frieden, Michael Patrick Kelly. Findest du die Welt oft beängstigend? Ich komme als Künstler viel rum, ich komme Kriegen nah, ich mache mir viele Gedanken und auch Sorgen. Vor allem aber schaue ich: Was kann ich tun? Wo kann ich helfen? Was kann ich mit meinem Einfluss als Künstler bewegen? Wenn du auf deiner B.O.A.T.S-Tour nach NRW kommst, wird auch wieder eine Peace Bell, eine Friedensglocke erklingen. Das #PeaceBell-Projekt ist mir sehr wichtig. Es ist ja so: Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurden über 150.000 Glocken beschlagnahmt und eingeschmolzen, um Waffen herzustellen. Ich habe diesen Prozess umgekehrt. Wir schmelzen Kriegsschrott ein, um Glocken herzustellen. Wenn sie Schweigeminuten einläuten, dann ist das sehr beeindruckend. Für die Arena-Tour haben wir eine 840 Kilo schwere Peace Bell hergestellt. Freunde von mir waren im Mai in der Ukraine, haben Trucks voll Nahrungsmittel, Medizin und Kleidung zu den Kriegsleidenden gebracht – und vor der Rückfahrt Teile von zerstörten Panzern, Granathülsen etc. für mich aufgeladen. Stell dir vor, wie 10.000 Menschen kurz mal innehalten, wenn die Glocke dann eine Schweigeminute einläutet. Es werden gewiss bewegende Momente. Die Stille hat manchmal mehr Kraft als die lauten Töne meiner Songs. Ich erinnere mich noch gut an ein Konzert in Friedrichshafen, da war ein Feuerwehrmann; ein starker, stämmiger Typ. Ich kam verschwitzt von der Bühne, dachte mir: „Wow, geile Show! Ich bin voll der Checker – alle haben mich gefeiert!“ – und da legte er seine Hand auf meine Schulter und sagte: „Herr Kelly, also mit Ihrer Musik kann ich nichts anfangen. Aber die Schweigeminute, die war geil!“ Vom Höhenflug down to earth. Aber hey: Wen ich mit meiner Musik nicht kriege, den kriege ich dann eben mit der Stille. (lacht) Du hast schon viele Schweigeminuten auf Konzerten eingeläutet. Was geht da in deinem Kopf vor? Das ist ganz unterschiedlich – es kann viel und es kann gar nichts los sein. Manchmal werde ich einfach sehr ruhig. Manchmal denke ich an Menschen, denen es grad nicht gut geht. Manchmal denke ich an Verstorbene. Manchmal bete ich. Manchmal bin ich mit dem Kopf schon bei der Auflösung der Schweigeminute und zähle Sekunden. Oder ich ärgere mich über einen Ton, den ich verkackt habe. Oder ich mache mir Gedanken über die Reihenfolge der Songs, ob ich sie nicht spontan verändern sollte. B.O.A.T.S steht für „Based On A True Story“. Viele Songideen kommen dir nachts, hab ich dich mal sagen hören... Beim Einschlafen oder auch kurz vorm Aufwachen, wenn die ersten Vögel zwitschern, höre ich manchmal Melodien – und dann bin ich wach, weil ich sie unbedingt aufnehmen muss. Meine Frau musste sich erstmal dran gewöhnen, dass

Im Gespräch | 21 da nachts immer mal wieder Gebrabbel ist. Inzwischen ist sie beruhigt und sagt sich: „Alles gut, der führt keine Selbstgespräche, der schreibt nur grad einen Song.“ Am nächsten Tag höre ich mir das Aufgenommene dann an und denke mir: Macht Sinn! Oder auch nicht. Wie ist die Quote? Ich würde sagen, einer von zehn nächtlichen Einfällen ist was wert. Und für den lohnt es sich. Viele deiner Fans erzählen dir sehr bewegende Geschichten, die sie mit deinen Songs verbinden. Was macht das mit einem? Wenn mir Menschen erzählen, dass sie zu einem Song von mir geheiratet haben oder dass ein Song von mir auf der Beerdigung eines geliebten Menschen gespielt wurde oder dass meine Musik jemanden in der Corona-Pandemie auf dem letzten Weg begleitet hat, als niemand da sein durfte – dann bedeutet mir das viel. Musik ist dann mehr als Entertainment, sie hat Relevanz. Das ist für mich mehr wert als Goldene Schallplatten oder Nummer-1-Platzierungen. Wenn du zum Soundtrack des Lebens eines Menschen gehörst, dann hast du als Künstler was richtig gemacht. Und manchmal geht es auch einfach darum, Menschen zum Lächeln zu bringen. Wenn du Songs wie „Beautiful Madness“ oder „Best Bad Friends“ rausbringst, dann hast du im Hinterkopf, dass es manchmal nur drei Minuten braucht, um Kraft zu tanken und wieder gute Laune zu bekommen, wenn da Musik ist. Auch das ist viel wert. Und nun können auch endlich wieder emotionale Konzertmomente geteilt werden. Musik hat die Kraft, Emotionen zu triggern – und ich denke, dass die Konzerte dieses Jahr ganz besonders emotional werden, weil uns allen die Live-Momente sehr gefehlt haben. Endlich wieder zusammen feiern. Zusammen loslassen. Schon Monate vor der Tour habe ich mich wie ein Rennpferd gefühlt, das nur darauf wartet, dass die Startschranke endlich aufgeht – selbst wenn es bei den ersten Konzerten auch mal einen schiefen Ton geben sollte, weil da so viel Euphorie in mir ist. Wenn du lange nicht tourst, entwickelst du Entzugserscheinungen mit Blick aufs Publikum. Ich vermisse es. Drei Jahre Fernbeziehung – sowas ist hart. Ein Konzert der B.O.A.T.S-Tour wird in der Dortmunder Westfalenhalle stattfinden. Ein besonderer Ort für dich, oder? Absolut. Ich verbinde mit der Westfalenhalle viele gute Erinnerungen. Ich erinnere mich zum Beispiel noch daran, dass ich Bon Jovi 1993 dort erlebt habe – und dass es ein großartiges Konzert war, nach dem ich nur dachte: „Wow!“ Am Tag darauf gab Bruce Springsteen ein Konzert, ich durfte ihn in der Pause zusammen mit meinen Geschwistern backstage in seiner Garderobe treffen – und wer war da? Jon Bon Jovi und Leadgitarrist Richie Sambora! Voll freaky. Und das war nicht alles: Bruce Springsteen hatte mitbekommen, dass meine Familie auf einem Hausboot lebte – und bat dann mitten im Konzert die Band von der Bühne, um alleine „The River“ zu spielen und uns den Song zu widmen. Wenn plötzlich der Boss für dich singt – das macht was mit einem. Ein Jahr später, als ich mit meinen Geschwistern in der Westfalenhalle gespielt habe, habe ich Bruce Springsteen dann einen Song gewidmet. Und noch ein Jahr später haben wir in der Halle an neun Abenden vor ausverkauftem Haus gespielt. Völlig absurd! Und nun spielst du dort zum ersten Mal solo. Ich freu mich sehr drauf! Die Halle hat eine ganz besondere Aura. Das ist schon magic. In den 90ern hast du viel Extremes erlebt – mal Positives, mal Negatives. Mit Mitte 20 hattest du dann eine Krise, hattest auch Selbstmordgedanken. Dein Ausweg war der Weg ins Kloster. Du hast dich selbst gesucht – und was hast du gefunden? Vor der Klosterzeit war ich ein sehr extrovertierter Mensch. Ich bin damals permanent vor etwas weggelaufen oder auf der Suche nach etwas in diese und jene Richtung gerannt. Der Lebensstil im Kloster hat mir geholfen, bei mir selber anzukommen. Ich war gezwungen, in mich hineinzuhören. Da waren zweieinhalb Stunden stilles Gebet, jeden Tag – und in den ersten Monaten war es echt schwer für mich, zu schweigen. Eine Minute Schweigen beim Konzert, das bekomme ich gut hin. Aber mach das mal eine Stunde lang! „WENN DU ZUM SOUND- TRACK DES LEBENS EINES MENSCHEN GEHÖRST, DANN HAST DU ALS KÜNSTLER WAS RICHTIG GEMACHT.“ Es ist gewiss herausfordernd. Es ist ein bisschen wie Seelentauchen. Du gehst in dich hinein und denkst dir: „Oh, da ist aber eine schöne Koralle!“ Und dann siehst du eine Plastikflasche. Du fragst dich, wo sieherkommt, und weißt, dass es nicht der richtige Ort für sie ist. Und im nächsten Moment schwimmt da ein Fisch vorbei. Du lernst dich kennen – mit den schönen und den nicht so schönen Seiten. Und du beginnst, dein Inneres zu reinigen. Den Müll zu entfernen. Manches aus der Klosterzeit habe ich dann auch in meinen Künstleralltag integriert. Ich nehme mir jeden Tag mindestens eine halbe Stunde Zeit, um in der Stille zu beten, und das hilft mir, meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Es ist wie bei einem Computer: Wenn du zu viele Fenster auf hast, überfordert es dich. Ich logge mich dann gerne mal bei Gott ein und chatte mit ihm. Lange war er für mich Wunsch, nun ist er für mich Wirklichkeit. Ich habe Gott gefunden, Zuversicht und inneren Frieden. Was symbolisierten die schönsten Korallen, die du beim Seelentauchen entdeckt hast? Der Klosterzeit habe ich zu verdanken, dass ich meine Liebe zur Musik wiederentdeckt habe. Das ist eine sehr wertvolle Koralle. Ich hatte nach der Kelly-Family-Zeit ja eigentlich komplett mit dem Musikersein abgeschlossen. Aber du bist ein Musiker. Ich bin zum Ende meiner sechsjährigen Klosterzeit hin auffallend oft krank geworden und konnte mit dem Kloster-Rhythmus nicht mehr mithalten. Ein Arzt hat mich gefragt, was ich früher gemacht habe, und ich sagte zu ihm: „Musik.“ Er fragte: „Wie viele Stunden am Tag?“ Meine Antwort. „Zwei bis zwölf.“ Und dann hat mir der Arzt neben Medikamenten zwei Stunden Musik am Tag verschrieben. Was sagte die Klosterleitung dazu? Ich habe das Rezept meinem Prior gezeigt und betont, dass es nicht meine Idee war, woraufhin er meinte „Mach, was der Arzt sagt.“ Und das zu machen, was der Arzt gesagt hat, hat gut getan. Ich bin täglich zwei Stunden in den Keller gegangen, wo mich keiner gehört hat, und habe Musik gemacht. Habe meine Leidenschaft und Freude am Komponieren wiedergefunden. Das Ende von Entzugserscheinungen? Definitiv. Es gab auch einen Mönch bei uns im Kloster, der einst Profischwimmer war. Der hatte mit heftigen Rückenproblemen zu kämpfen, und die sind erst weggegangen, als er mehrmals die Woche schwimmen gehen durfte. Hast du das Kloster, in dem du gelebt hast, je wieder betreten? Ja, ich war vor kurzem wieder dort – und es war sehr, sehr bewegend, wieder in dem Keller zu stehen, in dem ich damals das Songschreiben neu lieben gelernt habe. Es war eine prägende Zeit. Wenn du deine Songs nun wieder live auf die Bühnen des Landes bringst – auf welchen Live- Moment freust du dich am meisten? Auf „America“. Eine Hardrock-Nummer, die ich im Grunde für Live-Momente komponiert habe. Da ist aber auch ein Song, vor dessen Live-Umsetzung ich mich fürchte: „Paragliding“. Den habe ich für meine verstorbene Schwester Barby geschrieben. Ich möchte den Song teilen und all denen widmen, die auch jemanden verloren haben. Manchmal tut es ja gut, einfach mal zu trauern, wenn du ansonsten ein Mensch bist, der viel verdrängt. Aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe, den Song zu singen. Da kann man wohl nur Show für Show auf sein Herz hören. Genau das. Termine in NRW: 17.9.22 Oberhausen, Rudolf Weber Arena 18.9.22 Köln, Lanxess Arena 4.2.23 Dortmund, Westfalenhalle Zur Person Michael Patrick „Paddy“ Kelly wurde am 5.12.1977 in Dublin geboren. Als „The Kelly Family“ machten er und seine Geschwister Musik. Erst war es Straßenmusik, dann füllte die Band Mitte der 90er-Jahre die großen Hallen des Landes – und sorgte auffallend intensiv für Kreischalarm. 2003 veröffentlichte Michael Patrick Kelly sein Solodebüt „In Exile“ – dann machte er einen radikalen Schnitt und zog sich 2004 in ein Kloster in Frankreich zurück. Nach sechsjähriger Medien- und Bühnenabstinenz kehrte er mit neuer Kraft in die Musikwelt zurück – und füllt nun wie damals die großen Hallen. Solo. Der Kelly Family hat er sich nicht wieder angeschlossen.

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