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Februar 2020 - coolibri Düsseldorf, Wuppertal

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THEATER D Ü S S E L D O

THEATER D Ü S S E L D O R F Es ist ein treffendesBild, dasaktuell auf derKleinen Bühne desSchauspielhauses zu sehen ist:Die Bürgerbühnebringt – wortwörtlich –auf denTisch, wasjahrzehntelang unterden selbigen gekehrt wurde.„Blick zurück nach vorn –Familienchroniken gegen dasVergessen“betreibt Traumabewältigung und zeigt anhand vonkomplexenFamiliengeschichteneinekomplexe Vergangenheitauf. ChristophGötzen,Marlene Natusund SilkeGötzen Foto: Thomas Rabsch Familiengeschichten „Haben Siemal nachgefragt?“, „Sind Sievielleicht einNazienkel?“ –Das Stückbeginnt mit einemSchlagabtausch.Elf Ensemblemitglieder derBürgerbühnesetzensichmit ihrerVergangenheitauseinanderund bewegensichumden großen grauen Tischinmittender Bühneherum. AltertümlicheBilderihrer Familienmitglieder erscheinen aufdreigroßenLeinwänden. Männer in Uniformenwechselnsichmit Fotosvon Badeausflügenab. 32 Zwiespalt in Familienchroniken Oftist über dieZeitdes Nationalsozialismus berichtetworden, ob in derSchule, in Dokumentationen oder beiGedenkveranstaltungen.Der Unterschiedzur Herangehensweisevon Regisseur ChristofSeeger-Zurmühlen undDramaturgin undTexterin JulianeHendes: Das Geschehene warzwar erschreckend, aber weit,weitweg. Dieelf Ensemblemitglieder derBürgerbühne zeigen im Stückdurch denEinblick in ihre Familienchroniken denZwiespalt zwischen persönlicher Beziehungund politischeroderberuflicher Verantwortungauf.Allerdings: auch dieVerantwortungder Nachkommen.Esist kaum möglich,sichdem Stückzuentziehen,weildie Menschenauf derBühne mitihren echten Geschichtenexemplarisch fürdie Zuschauerstehen, die wiederum ebenfalls Teil einerFamiliemit ihrer eigenen Historie sind.Azthelferin SilkeGötzing etwa,die zusammen mitihrer 82-jährigenMutterMarleneNatus undihremSohnChristoph auf derBühnesteht,hat,wie sieerzählt,nicht nachgefragt. Es fälltder Satz:„Manche Dinge fragtman seineElternnicht.“ Doch istdas so? Oder stimmt es,dassdie ältere Generation wohlwissend über dasGeschehenegeschwiegenhat?Und dieAngst derer, diehättennachfragen können, einfachzugroßwar? Marina Feldker,der aufgrund ihresasiatischen Aussehens immer wiederdie Fragegestelltwird, wohersie denn komme(„Aus demEmsland.“), plädiertzunächst dafür,vielmehrdas Ende des Kriegeszufeiern, als Trübsalzublasenund wirftKonfettiindie Luft. Gestoppt wirdsie vonStefanieSchreiber,deren GroßvaterHeinz in ihrem„totalpazifistischen Elternhaus“als Kriegsheld glorifiziert wurde.Alle elfEnsemblemitglieder erzählenErgreifendes undTriviales,Schweresund Leichtes.Esgeht um Sauerbraten, eigeneErfahrung mitder Hungersnotund dieErinnerung an dienächsten undentfernten Verwandten.Dassessich, bis aufSchauspielerin HannaWerth,die ebenfalls Ahnenforschungbetrieben hat, nichtumprofessionelle Darsteller handelt, tutder messerscharfen Inszenierung keinenAbbruch.Die wohl stärkste Szenedes Stücks spieltsichab, als Christa Hecker mitden Tränen kämpft,während sievon ihremVater,dem Caféhausgeiger, erzählt. Videoprojektionen,auch vonBriefen aus derZeitdes Krieges, undzurückgenommene Musikziehen ebenso in denBann wieInterviewsmit Ored Horowitz, demVorsitzendender JüdischenGemeindeDüsseldorfs,mit Jeanne Andresen,der Enkelin desWiderstandskämpfersTheodor Andresen sowiemit ErhardMannheim,dem Bruder vonEnsemblemitgliedWilli Mannheim. DieAfD istnatürlich ebenso Themawie dieStimmung im Land undder Rassismus dieser Tage. Schauspielerin HannaWerth erzähltvom „Schandfleck Täterfamilie“ undeigentlich bleibt allen,egalaus welchen Familienkonstellationen nur einesübrig:das Erinnern undder offene Blick nachvorn. Nadine Sole Blickzurücknachvorn: 6.+23.2.,5.3., Schauspielhaus,Düsseldorf; dhaus.de

THEATER O B E R H A U S E N Raphael Westermeier(Jeannot), Nina Karimy (HaseHase),LiseWolle (Lucie) Foto: Isabel Machado Rios Vom anderen Stern „Heute machen wirblau“ sagt Mama Hase zu ihrer fünfköpfigen Sippeinder Oberhausener Komödie „HaseHase“.Kostümbildner Daniel Kroh nimmtdieswörtlichund kleidet dieGroßfamilie in verschiedene Blautöne. Seine aberwitzigenKostümeerinnern an die Ästhetik des Kasperletheaters, dertrotteligePolizistkommt im krassen Grün,die furioseNachbarin in Feuerrot daher. In derbeengten, knallweißenPuppenhaus- Wohnkulisse vonMaria-Alice Bahrastapeln sich nacheinanderdie drei erwachsenenKinderder FamilieHaseauf Matratzen, dasunverhoffte Familientreffennimmt denerwartbarenchaotischenVerlauf.Während Nesthäkchen Hase Hase als außerirdisches Adoptivkindmit Spezialzauberkräften dasSchlimmstezuverhindern versucht, gestehen alle nacheinander ihr persönlichesoderberufliches Scheiternbei Mama. Miteinnehmender PräsenzspieltNinaKarimy dieseZwitterfiguraus nörgelndemTeenagerund allwissendemErzähler. Eine ähnlich hohe EnergieentlädtLiseWolle aufder Bühne. Alsrasende Lucieimüberdimensionalen Tüllkleid schleudert sieEinrichtungsgegenständeauf ihrenVerlobtenGérard(Christian Bayer). „Eigentlich ist alles gut“, vermeldet dieRegierung im Fernsehen, außer... Nungut,SohnBébertwirdvon der Polizeigesucht, diebeiden TöchterMarieund LuciehaltenihreMännerbeziehungenfür gescheitertund Papa istüberraschendarbeitslos geworden. Mama Klaus Zwick FlorianFiedlersRegieeinfall,die Figur derMama mitKlaus Zwickund Papa mitSusanneBurkhard zu besetzen,setzt demIrrsinn dieKrone auf. Es istherrlich, mitanzuschauen,wie Zwick alias Mama dasFamilienschiff durch dendrohendenOrkan steuert,während derPapaunbeholfen im Gewitter steht. DassColineSerreaus Gesellschaftssatire nichtinoberflächlichem Boulevardtheater mündet, istder Doppelbödigkeitdes Textes unddem famosenEnsemblezu verdanken.Timingsicherund mitvielSelbstironiepersiflieren siedie thematisierteAuflösung derOrdnung in Familieund Staat. DieAngst vor demdrohenden sozialen Abstieggehtumund lässt daseigeneLachenerstarren. Da isteslogisch,dassamEndeallegemeinsam miteinem Raumschiff diesen Chaosplanetenverlassen. Manchmal möchte manesihnen gleichtun. Ariane Schön Hase, Hase:12.,22.,23.2.,Theater Oberhausen 33

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