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Februar 2017 - coolibri Bochum

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C O O L I B R I L O K A

C O O L I B R I L O K A L Nachtschicht Foto: Dominique Schroller Der Mikrozensus hat es ans Licht gebracht: Jeder neunte Bochumer ist nachtaktiv. Wenn andere schlafen gehen, krempeln sie die Ärmel hoch. Was es bedeutet, nachts zu arbeiten, haben drei Mondzeit-Jobber Dominique Schroller berichtet. Heike van gen Hassend (50) ist Konditormeisterin der ältesten Bäckerei Bochums. Über ihre nächtlichen Einsätze zwischen Tortenböden und Kuvertüre macht sie sich schon lange keine Gedanken mehr. „Daran habe ich mich gewöhnt. Ich habe eben einen anderen Rhythmus und gehe abends schneller schlafen“, sagt sie lachend. Um 21 Uhr geht bei ihr das Licht aus. Viel Schlaf bekommt sie dennoch nicht, denn um 3 Uhr ist die Nacht zu Ende. Eine gute halbe Stunde später ist sie bereits bei der Arbeit. Dort schieben ihre Mitarbeiter gerade die ersten Brötchen in den Ofen. „Die Bäcker fangen schon um 2 Uhr an.“ Während sie das Angebot für die Frühstückskunden fertigen, kümmert sich die Chefin um die tägliche Tortenparade, taucht Schweineohren in Schokolade und springt da ein, wo sie gebraucht wird. Denn die ersten Kunden klopfen oft schon um 5.20 Uhr an die Glastür. „Es gibt noch mehr Menschen, die früh anfangen und für sie sind wir die erste Anlaufstation“, sagt Heike van gen Hassend. Ihr Tag ist lang, häufig steht sie mit Ausnahme der Mittagspause bis 19 Uhr im Laden, manchmal noch länger. Denn seit sie den Betrieb vor zwölf Jahren übernommen hat, ist sie auch für Bestellungen und Buchhaltung verantwortlich. „Sobald ich am Schreibtisch sitze, fallen mir die Augen zu.“ Ausschlafen kann sie auch am Wochenende nicht, samstags beginnt ihre Schicht sogar noch früher und auch sonntags öffnen sich die Ladentüren. „Das geht nur mit viel Leidenschaft. Das hier ist mein Leben, mein Wohnzimmer.“ Zur Entspannung genießt die Konditorin im Sommer stundenweise ihren Garten. Gerne würde sie auch Motorradfahren, doch sie fürchtet, dass die Müdigkeit sie dort übermannen könnte. Abends auszugehen, ist für die 50-Jährige ausgeschlossen. „Der Freundeskreis hat sich sehr reduziert. Doch es kommt auch nicht auf die Menge an.“ 20 Stefan Hille (50) gehört zur Belegschaft von Thyssenkrupp in Bochum. Seit 25 Jahren ist er regelmäßig nachts im Einsatz. „Anfangs hatten wir noch sieben Schichten am Stück, inzwischen arbeiten wir zwei Tage früh, zwei mittags, zwei nachts und haben anschließend vier Tage frei.“ Hellwach zu sein, wenn andere schlafen, fällt ihm jedoch längst nicht mehr so leicht wie früher. „Die Nachtschichten sind schwieriger geworden, weil ich mir zu Hause doch nicht so die Ruhe gönne, die ich eigentlich bräuchte – schließlich habe ich auch eine Familie.“ Die nimmt zwar Rücksicht auf seinen verschobenen Lebensrhythmus, soll aber auch nicht darunter leiden. Damit seine Frau und die beiden erwachsenen Kinder morgens etwas länger schlafen können, macht Stefan Hille erst einmal einen Spaziergang mit dem Hund, wenn er um kurz nach sechs Uhr nach Hause kommt. Erst danach gönnt er sich ein paar Stunden Schlaf. Seine Nacht ist allerdings kurz. „Meistens bin ich um 11.30 Uhr schon wieder wach. Ungefähr seit zwei Jahren versuche ich mich daher gegen 18 Uhr noch einmal für eine bis anderthalb Stunden auf das Sofa zu legen, doch auch das gelingt nicht immer.“ Bis 22 Uhr muss er jedoch ausgeschlafen sein, denn dann beginnt die nächste Nachtschicht. Am Arbeitsplatz herrscht dann eine andere Atmosphäre als tagsüber. „Es ist deutlich ruhiger, niemand kommt mal eben vorbei. Der Fokus liegt ganz auf der Produktion.“ Die Abteilung fertigt feuerbeschichtete Bleche für die Automobilindustrie. Stefan Hille bereitet das Material entweder auf den Verarbeitungsprozess vor, übernimmt die finalen Schritte nach Kundenwunsch oder die Qualitätskontrolle. „Das ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben, die hohe Konzentration erfordert.“ Zwischendurch steht er aber auch am Zinkpott und beseitigt die Schlacke. „Das ist körperlich sehr anstrengend.“ Besonders gerne ist der 50-Jährige am Einlauf im Einsatz. „Da kenne ich mich gut aus und mit dem passenden Kollegen herrscht dann blindes Verständnis.“ Das bringen auch die meisten seiner Freunde auf, wenn Stefan Hille mal wieder einen Grillabend absagen muss. „Die Arbeit geht vor. Viele sind auch im Schichtdienst und wissen, was das bedeutet.“ Foto: Jürgen Tatenhorst

C O O L I B R I L O K A L Foto: Volker Daum / Bergmannsheil Julia Tewes (32) arbeitet als Nachtschwester auf der unfallchirurgischen Station im Bergmannsheil. Seit drei Jahren ist sie zwischen 21 und 6 Uhr für ihre Patienten da. An den veränderten Lebensrhythmus hat sie sich gewöhnt. „Die Umstellung war nicht schwierig, da es immer die gleiche Schicht ist.“ Nachts wach zu bleiben und sich tagsüber auszuschlafen, stellt ihren Alltag nicht auf den Kopf, sondern hilft ihr, ihn zu organisieren. „Wenn ich morgens nach Hause komme, bringe ich meine Kinder in die Kita und lege mich anschließend ins Bett. Noch kann ich gut schlafen und darüber bin ich sehr glücklich.“ Der Wecker klingelt um 14.30 Uhr, damit Julia Tewes den Nachmittag mit ihrer vier Jahre alten Tochter und ihrem einjährigen Sohn gestalten kann. „Als Familienmensch möchte ich möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen. Deshalb bin ich meinem Arbeitgeber dankbar, dass er mir dieses Modell ermöglicht.“ Denn ihr Mann ist im Einzelhandel beschäftigt und den ganzen Tag unterwegs. Wenn er nach Hause kommt, ist das gemeinsame Abendessen ein wichtiges Ritual. „Für die Kinder ist das ein schöner Tagesabschluss“, sagt Julia Tewes. Sobald sie ihren Sohn und ihre Tochter ins Bett gebracht hat, übernimmt ihr Mann das Familienmanagement und sie geht zum Dienst. „Es ist alles genau durchgetaktet.“ Verabredungen mit Freunden lassen sich nur langfristig planen. „Spontan geht gar nicht. Doch ich würde nicht sagen, dass es viel weniger geworden ist. Es ist immer eine Frage, wie man sich selbst aufrafft.“ Die Krankenschwester wünscht sich, diesen Rhythmus mindestens bis zum Ende der Grundschulphase durchzuhalten. Wie ihr Körper das auf Dauer verkraftet, kann sie allerdings noch nicht absehen. „Wie es in zehn Jahren ist, weiß ich nicht.“ 21

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