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IM REICH DES GAMBRINUS

IM REICH DES GAMBRINUS Bottrop hat dem König des Bieres ein Denkmal gesetzt von Stefan Moutty Wer beim Thema Bier an Bottrop denkt, dem mag als erstes Jürgen von Mangers Trinklied aus dem Jahr 1977 in den Sinn kommen, das beide Begriffe einst so lyrisch zusammenschweißte: „Bottroper Bier“, gesungen auf die Melodie von „Griechischer Wein“ und im unnachahmlichen Ruhridiom „Adolf Tegtmeiers“, verdankt seinen Titel gleichwohl einzig der Freude des Liedtexters an der Alliteration. Denn ein echtes Bottroper Bier gab es 1977, als von Manger selbiges als „Saft für’t Leben“ pries, gar nicht mehr. Just ein Jahr zuvor nämlich verschwand die Westfalia Brauerei, die ein Jahrhundert lang den Durst der Bottroper löschte, endgültig aus den Registern. Gebraut hatte man schon länger nicht mehr – als Folge der Übernahme durch die Duisburger KöPi-Produzenten Ende der 60er Jahre. 1978 wichen schließlich die letzten Gebäude der Westfalia-Brauerei einem Einkaufszentrum. Bier und Bottrop, das war also lange Zeit – nachdem auch die Tegtmeier-Weise bei nachwachsenden Zecher-Generationen allmählich in Vergessenheit geriet – nicht mehr als die banale Beziehung zwischen Produkt und Konsument. Bier wurde eben getrunken in Bottrop. Gerade so wie in all den anderen Kommunen des Reviers, die nicht gerade stolze Bierstadt waren wie Dortmund oder Duisburg. Bis zum 9. Mai 2015. Jenem Tag, als Bottrop seine Biertrinker wieder stolz machte – und dem „König des Bieres“ ein Denkmal setzte. Da mag Dortmund sein „U“ haben und Duisburg die Nation mit KöPi laben – Gambrinus, der sagenhafte Erfinder des Bierbrauens und Namenspatron zahlloser Wirtschaften, Kneipen und Schnitzelstuben, er stemmt seinen Krug ruhrgebietsweit nur in Bottrop gen Himmel. Fünf Meter hoch über dem Pflaster der Gladbecker Straße thront er seit seiner Enthüllung und prostet von dort jovial den Passanten zu. Sowie – bei entsprechender Witterung – den Gästen der umliegenden Außengastronomie. Denn dies war der Wille jener couragierten Bottroper Bürger, die dem Gambrinus auf den Sockel halfen: Er solle dort den Becher heben, wo man dem Biere zuspricht. Und da bot sich im heutigen Bottrop – in Ermangelung einer echten Kneipenmeile – eben nur jener fußläufige Abschnitt der Gladbecker Straße an, der unter den gütigen Augen des Gambrinus zukünftig denn auch weiter an gastronomischem Profil gewinnen soll. Schließlich war es um Letzteres einst weit besser bestellt, Bottrops Kneipendichte beachtlich – als Folge der vielen Viehmärkte und ihrer durstigen auswärtigen Besucher. Damals bereits mit dabei: Gambrinus! Seine Aufstellung im Mai vergangenen Jahres war ein glanzvolles Comeback, denn schon einmal wachte er über Bottrops Zecher. Damals als Giebelfigur der legendären Kneipe „Zum Gambrinus“ – älteren Bottropern bis heute ein Begriff –, die in den 1970er Jahren abgerissen wurde. Fast 40 Jahre war der Bierkönig danach verschwunden, mussten die Bottroper Biertrinker ohne ihren royalen Patron Pilstulpe und Willibecher zum Munde führen. Doch dann kam der umtriebige Lokalhistoriker Wilfried Krix dem Gerstensaft-Regenten auf die Spur. Als Verfasser einer umfänglichen Abhandlung zur Alt-Bottroper Kneipenlandschaft war er tief in die Gastronomie-Geschichte seiner Heimatstadt eingetaucht und hatte dabei den einst vor der Abrissbirne geretteten Gambrinus aufgespürt. Der gefallene Giebelstolz war allerdings in erbarmungswürdigem Zustand und musste ordentlich aufgepäppelt werden. Genau genommen entstand unter der Hand des Restaurators eine Replik des ursprünglich über Bottrops Dächern thronenden Gambrinus. Ein (kosten)aufwändiges Unterfangen, das samt Aufstellung vom Mülheimer Restaurator Uwe Kühn und den Bottroper Unternehmern Oliver Helmke und Karl Reckmann gestemmt wurde. 60

So reckt nun seit gut einem Jahr eine Kopie des originalen Bottroper Bier-Monarchen den Humpen zeptergleich gen Himmel. Doch was ist am Gambrinus schon original? Das Attribut „sagenhaft“ verschleiert ja euphemistisch eine gelinde gesagt nebulöse Herkunft. Und wer ihr auf den Grund geht, bemerkt bald: Einen wahren Gambrinus hat es so wenig gegeben wie Siegfried, den Drachentöter, König Artus oder Krusty, den Clown. Schon sein Name: das Resultat eines Abschreibfehlers! Denn das 1574 erstmals belegte „Gambrinus“ geht auf den germanischen König „Gambrivius“ zurück. Den wiederum hatte sich der Dominikaner-Mönch Annius von Viterbo schlicht und einfach ausgedacht. Abgeleitet vom bei Tacitus erwähnten Stamm der „Gambrivii“ – frech! Doch ist so ein Name erst in der Welt, wird darum rasch allerlei sagenhaftes Garn gesponnen – auch wenn es in diesem Fall nicht seemännisch ist. Und mancher verleibt sich diesen Sagenkönig gleich ganz ein – wir sprechen hier immerhin vom Erfinder der Braukunst. So kam es, dass man in den Niederlanden bald den Brabanter Herzog Jan I. als Gambrinus identifizieren zu können vermeinte. Aufgrund der klanglichen Ähnlichkeit der Namen Jan Primus (lat.: Jan, der Erste) und Gambrinus. So weit dazu … Was kann man daraus lernen? Vielleicht: Gambrinus ist für alle da! Zumindest für alle Biertrinker. Nur in Bottrop jedoch animiert er seine Untertanen ganz plastisch und weithin sichtbar, es seinem Vorbild nachzutun. Prost! 61

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