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Kommt zum Likör nun

Kommt zum Likör nun noch das Lokalkolorit dazu, dann hat am Tresen die Globalisierung schnell das Nachsehen – und Jägermeister oder Ramazzotti (Nummer zwei beim Kräuterlikörumsatz) können nach Hause gehen. Mit anderen Worten: Wer etwa je in einer emsländischen Scheune mit den Einheimischen zechte, weiß: Wenn’s gesellig zugeht, kommt hier „HKT“ ins Pinnchen – im weiten Kreis um Haselünne, dem Sitz der Kornbrennerei Heydt, schwört man auf deren „Herzhafte Kräutertropfen“. So hat jede Region sein Festtags-Elixier. Natürlich auch das Ruhrgebiet – hier jedoch präsentiert sich die lokale Spirituosensituation noch weit differenzierter. In der vermeintlichen „Metropole Ruhr“ pflegt man – genau wie in der Politik – auch in Spirituosenfragen das Kirchturmdenken. Hier hat nicht nur jede Stadt, sondern mitunter jeder Stadtteil sein eigenes Likörchen. Wer eintauchen möchte in diese vielfältige Welt, dem sei ein Besuch bei Banneke in Essen empfohlen. Der alteingesessene Fachhändler für Spirituosen und Weine (Eigenwerbung: „Feinkost flüssig“) hat neben einer großen Auswahl nationaler und internationaler Liköre (mit und ohne Kräuter) auch diverse lokale Spezialitäten im Angebot – natürlich nicht zuletzt aus Essen selbst. Und die Stadt, die sich namentlich doch scheint‘s der festen Nahrung verschrieben hat, ist ein perfektes Beispiel für Likör gewordene Verbundenheit zum eigenen Stadtteil. Denn wer würde in Essen-Steele wohl zum Borbecker Schlosstropfen greifen, den die Borbecker liebevoll „Kaseldrop“ nennen, wo man mit dem „Steeler Krieger“ doch sein eigenes Traditionströpfchen hat. Die Tatsache, dass Letzterer längst nicht mehr in der einstigen Likörfabrik Bömer in Steele selbst, sondern in Goch produziert wird, vermag daran nichts zu ändern. Was bei keinem Steeler oder Borbecker Stadtteilfest fehlen darf und in ganz Essen zumindest ein Begriff ist, davon mag etwa in Bochum noch nie jemand gehört haben. „Wieso auch?“, sagt man sich dort bei Vorberg – schließlich versorgt man als traditionsreiche Spirituosen-Manufaktur die eigene Stadt doch selbst seit 1923 mit hochprozentigen Kräuterdestillaten. Und mag die Produktion zwischenzeitlich auch geruht haben – inzwischen gibt es ihn wieder, den „Alt Bochumer“, einen „Halbbitter nach (logisch) altem Rezept“. Wer es etwas milder mag, dem schenkt man bei Vorberg gern die „Langendreer Kaisertropfen“ ein. Die haben mit 30% Alkohol 5% weniger als der „Alt Bochumer“, dafür aber fünf Kräuter mehr in der Rezeptur, nämlich 33. Hier kann sich der Konsument also entscheiden, worauf er den Schwerpunkt legen möchte. 106

BRENNEREI EHRINGHAUSEN EST. 1962 No fancy story, just good gin. www.Brennerei-Ehringhausen.de In Dortmund versorgt bereits seit über 150 Jahren die Brennerei und Likörfabrik Krämer die Bevölkerung mit Hochprozentigem – und noch heute wird in vierter Generation Dortmunder Korn gebrannt. Zum Kultgetränk hat es aber vor allem „August mit dem Schlips“ gebracht. Den herzhaften Magenlikör verkaufte Firmengründer August Krämer den Dortmundern einst als „Medizinal-Bitter“ mit Rezeptfahne und der Aufschrift: „Alle zwei Stunden einen Esslöffel voll nehmen“. Die hochprozentige Medizin wurde zum Hit und ging, wegen des Rezepts am Flaschenhals, als „August mit dem Schlips“ in den Volksmund ein. Beliebt ist er bis heute – inzwischen trinkt man ihn allerdings nicht mehr wie Hustensaft, sondern auch schon mal als Longdrink auf Eis. Bis weit über die Grenzen Dortmunds hinaus hat es eine weitere Dortmunder Likörspezialität zu Popularität gebracht: „Bachmann“ entstammt der 1884 gegründeten Dortmunder Likörfabrik der Familie Hageböck und verdankt seinen Namen einem Dortmunder Ordnungshüter. Der Legende nach ließ sich jener Wachtmeister Bachmann vor über 100 Jahren in den Hageböck’schen Probierstuben eine besondere Mixtur zusammenstellen, die bald in Serie ging. Das Besondere an diesem Kräuterlikör ist seine Dosis Jamaika Rum und eine leichte Kaffeenote, die ihm trotz handfester 36 % Alkohol einen mildsüßen Charakter verleihen. Weshalb die Händlerschaft dem Bachmann im kaufmännischen Werbesprech völlig zu Recht eine „hohe spontane Geschmacks-Akzeptanz“ bescheinigt. Das wiederum kann man von einem sehr speziellen Likör aus Oberhausen so pauschal nicht unbedingt behaupten: Das „Artilleriefeuer“ der Firma Wollberg polarisiert gelegentlich mit seinem martialischen Namen und geht auch geschmacklich nicht gleich bei jedem so geschmeidig den Rachen runter wie Peter Alexander ins Ohr. Fruchtige Süße von Kirschen und die Schärfe von 40 % Alkohol treffen sich in dem roten Tropfen, der vor über 120 Jahren in den „Chemischen Fabriken“ Krebber in Lirich erfunden worden sein soll. „Artilleriefeuer“ ist in der Likörlandschaft fraglos einzigartig und hat (nicht nur bei der Bundeswehr) zahlreiche Fans. Gleichwohl verhält es sich bei ihm und allen anderen erwähnten lokalen Likören genau wie mit der anderen großen Geschmacksfrage im Ruhrgebiet: Welche Stadt oder welcher Stadtteil den besten Likör zu bieten hat, wird so ungeklärt bleiben, wie die Frage, wo es die beste Currywurst gibt. Auf jeden Fall macht man nichts verkehrt, wenn man sie alle mal probiert. 107

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