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coolibri Campus No 08

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LANGEWEILE

LANGEWEILE 08:28Uhr Tagzweides Blockseminarssteht kurz bevor. In denReihender Kommilitonenhaben sich Mitstreitergefunden,die ebenfallshart an ihrerSchmerzgrenze vegetieren.Nach erfolgreichemÜberlebenvon Tageinsrottete mansichzusammen und lästerteinbekannterStudi-Art über denUnsinndieser Veranstaltung, dendrögen Dozenten,die Sinnfreiheitder Inhalte unddas man, wenn es denKursschon alsPflicht gebenmuss, diese wenigstens modernisieren könne. Und darüber,dassman zwei weitereTage so aufkeinenFallertragenkönne.Drum wurden kleine Flachmännermitgebracht. In höchstungesunder, ja fastselbstzerstörerischerManierwirdHochprozentiger in Pappkaffeebecher ausgeschenkt.Die erstenSchlückebrennen noch in derKehle.In ein, zwei Stundenwirdesgeheime Trinkspieleüber drei Tischreihenhinweggeben. Und einwohligesGefühl vonBenommenheit,dasseinen Tropfen Wärme in diekühleSee derLangeweilewirft… Rückblickend fragtman sich:War dasgesund? Kaum.Kann Langeweileuns wirklichsoweit treiben? SilkeOhlmeierweiß: „Langeweileagiert in verschiedenenDimensionen. Neben einemverlangsamtem Zeitempfindenoderdem Gefühl derSinnlosigkeit, kann sieauch mitMüdigkeit, Lethargie, Gereiztheit undUnruheeinhergehen. Die Folgen können langfristigsehr schädlich sein:Langeweilekorreliertmit Depressionen,Risiko- undSuchtverhaltenoderArbeitsunfällen.ZudiesenZusammenhängengibtesviele quantitativeStudien.“Nicht schwer vorstellbar,wie oftder Schnapsindie Pappbecher fließen würde,wennjeder Studientagsoaussehenwürde,wie dasungeliebte Blockseminar.SilkeOhlmeierrelativiertdie Gefahr einesbis in dieKrankheit treibenden Studiumsaber: „Langeweileander Uniführt meiner Meinungnacheherzum Schwänzenvon Seminarenund im schlimmstenFall schließlichzum Studienabbruch –diesist ja eine Situation, der manbesserentfliehen kann unddie mehr Abwechslungbereithält.“ImKontrastdazusieht sie, wieviele andere Forscher, Situationenam Arbeitsplatz. Hier gibtesForschungen zu einem PhänomennamensBore-Out, alsoquasi einer Artverwandten desBurn-Outs.Die Symptome sind ähnlich,Ohlmeiererklärtsie so:„Bore-Out beziehtsichinvielenForschungen,die ichgesichtethabe, aufdie LangeweileamArbeitsplatz. Damiteinhergeht einGefühldes Gefangenseins in einerSituation. Manist alsozeitlich oder inhaltlich vonseinerArbeitunterfordert, gleichzeitig willoderkann mandiese aber nicht BeweisstückimFalldes langweiligenBlockseminars: DerCollegeblock. „Langeweileist ein Tabuthema in unserer Gesellschaft.“ quittieren.Beispiel:Ein 50-jährigerBeamter langweiltsichamSchreibtisch.Erkönntekündigen, aber dieAnreizezubleiben sind groß,etwa derfeste Vertrag, dieSicherheit, dasGeld. Wasfolgt,sindgesundheitlicheReaktionenauf dieseStresssituation.“Ein extremer Zustand, laut Ohlmeier,die Langeweile eher als Spektrum mitvielenAbstufungensieht –wobei Bore- Outdie wirklich massivste Form wäre. 16:01Uhr Tagzweizieht sich. DieFlachmänner sindleer,der Schwipsverflogen,zurück bleibt einbrummenderSchädel.Die Sitznachbarin, immernochbegeistertvon den Möglichkeiten derWundermaschineComputer, hatmeinLeiderkanntund mirihreCollegeblockrückseitegespendet.Vielleichtwillsie aber auch nursocoole Kritzeleieneiner geplagtenKünstlerseele zur Showtragen. Ichhätte ihr Geld dafürabnehmensollen. Ichhätte ein Start-up gründensollen: „Kritzelcool –der totalfescheBlock!“ Ich hätte…nachHause gehensollen. Um 16:04Uhr istder Entschluss gefasst: Tagdreiwirdgeschwänzt. AusSelbstschutz. Alkoholist auch keineLösung. Dasschreibeich der Techniklegasthenikerin zwischen dieSkizzen verdorrter Bäumeund weinenderDinosaurier. FürSoziologin Silke Ohlmeier istdas keinezwingend verwunderlicheReaktion. „Neuere Strömungen in derLangeweile-Forschungbeschreibendie Langeweileals eine ArtSelbstregulierungsmechanismus.Esist zwar einnegatives Foto: Lukas Vering „Wenn ichnicht denganzen Schmerzder Langeweile spüre, dann ändereich nichts.“ Gefühl, aber wieSchmerz hateseinen Sinn:Das Unangenehme fordertuns auf, etwaszuändern.Esgibteinen Anstoß,darüber nachzudenken,was falsch läuftund zu erkennen, dass wasich tueoffensichtlich nichtimEinklang mitmeinenWünschen, Interessen undFähigkeitensteht.“ Langeweilehelfe unsalso, aufunsere Emotionenzuhörenund aufdie Spur zu kommen,was unseigentlich wirklichinteressiertund waswir machenwollen. Aufdie Lektionender Langeweile, sollte manauch im Studium hören. „Wennich mich malin einerPflichtveranstaltung langweile, muss ichjetztnicht sofort mein Lebenumkrempeln,wennich aber 80 ProzentmeinesStudiumsals langweiligempfinde,sollteich anfangen, darüber nachzudenken,obes für mich dierichtigeWahl ist.“ Generell,soOhlmeier, müssten wirviel mehr darauf hören,was dieLangeweile unssagen will.IhreExistenz wird laut derSoziologinoft ignoriertodersogar geleugnet. „Wenn ichmit Leuten über dasThema rede,höre ichoft Dingewie:‚Langeweile? Da musstdumichnicht fragen,das habeich nicht! Werhat denn heutzutage noch Langeweile?‘Langeweileist einTabuthemainunserer Gesellschaft. Wirversuchen ständigLeerstellen im Lebenzuvermeiden – dieLangeweilezuvermeiden heißtabernicht, siezuüberwinden!“ Mitanderen Worten: Den Collegeblockvollkritzeln, bedeutetnicht,die Sinnlosigkeitder Situationaufzulösen. Manfüllt dieLeere nurmit etwassogehaltlosemwie Zuckerwatte. Oder anders:„EinBeispiel:Wennich jedesMal,wennich eine Minute Langeweilehabe,das Handy raushole, dann nimmt nichtdie Langeweileab, sonderndie Langeweileschwelle sinkt–manist immer schnellergelangweilt. Das ewigedurch Facebook scrollen istgenauso eine Vermeidungsstrategie,wie wenn manauf derArbeitzehnmal zurToilettegeht, noch eine raucht undmit denKollegenquatscht.“ Aufdie Langeweilezuhörenund Tagdreieines sterbenslangweiligenBlockseminars zu canceln, isthingegendie gesündere Alternative. Ohlmeier: „Wennich nichtden ganzen Schmerzder Langeweilespüre, dann bleibe icheherinder Situation –und ändere nichts.Man muss Langeweilealsoauch annehmen können. Manmussder Versuchung widerstehen, sich dieganze Zeit abzulenken unddie Leeremit Sinnlosem zu füllen,nur damitsie gefülltist.Dann kann ausLangeweile auch etwasPositives entstehen.“ LukasVering *Die hier dargestelltenEreignisse entsprechen höchstens lose wahren Tatsachen und sind zu rhetorischen Zwecken teilsstark fiktionalisiert. 20 Wintersemester2018/19

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