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LANGEWEILE

LANGEWEILE LAAAAANGWEILIG! Langeweilekenntjeder.Kaum einStudium,indem man sich nicht mindestens in einer Pflichtveranstaltung zu Tode langweilt. Oder ganze Blöcke vollkritzelt. Aber was, wenn diese Gefühle unsnicht nur sprichwörtlich, sondernganzakutschaden? LukasVering erinnertsichanein verhängnisvollesBlockseminar* undfasst dazuaktuelleForschungsergebnisse zumPhänomenLangeweile zusammen. 18

LANGEWEILE Foto: Lukas Vering 10:07Uhr Schonmehrals sechzigMinuten geschafft. Noch sieben elendiglange,drögeund hirnzersetzende Stunden bisdas Blockseminar endlich vorbei ist. Thema: EDV-Kenntnisse fürKulturwissenschaftler.Oderandersausgedrückt: Word vonAwie „AndereSchriftgröße“ bisZwie „Zeilenabstand verringern“. Dazu einpaarAusflügezuInDesignund Photoshop,die auch nur behandeln, wasich mirzum Setzen derSchülerzeitung vorJahrenselbstanlernenmusste. Ergo: Langeweile macht sich breit. Siesetzt sich wieein fetter Zwergauf meineSchultern, dermeinenKopf immerwiederauf die Tastatur hämmern will. Bevormeine Stirnwirklichdie Leertasteküsst,suche ichinfastschon panischerVerzweiflungnachAblenkung.Gefunden wirdsie letztlich in Stiftund Papier.Ich beginne zu kritzeln.Zuerstist dieRückseite derausgedrucktenTagesordnung dran.Den Ablaufplan meines langsamen Abstiegs in denWahnsinn braucheich eh nichtmehr, ichwerde mich durchden Rest desTageseinfachtreiben lassen. Beziehungsweise:michhindurchkritzeln. Ob das funktioniert? Jahrespätersollich diesen vollgemalten Zettel beim Aussortieren diverser verstaubterKartons wiederfindenund mich fragen: Warumwar diesesBlockseminar so schmerzlich? Zeit,eineExpertin zu fragen.Silke Ohlmeier vomInstitutfür Medizinsoziologie, Versorgungsforschungund Rehabilitationswissenschaftder UniKöln forschtaktuell für ihre PromotionimFachSoziologiezum ThemaLangeweile. Ihre Beschreibung,was Langeweileeigentlich genauist,trifft dieGefühle meines damaligenSelbstauf den Punkt:„Langeweileist derunerfüllteWunsch nach einerbefriedigendenTätigkeit. Dasbeinhaltet auch,dasswir unsineiner Situationgefangen fühlen unduns aufdas,was wirtun müssen, nichtkonzentrieren können oder wollen.“Ohlmeier richtetsichhier, da es keineeinheitlicheDefinitionvon Langeweile gibt, nach demPsychologen John Eastwood. Sieerklärtweiter: „Langeweileist perseein negativesGefühl. Haben wir gerade nichts oder nichtvielzutun undgenießendas, istdas keineLangeweile, sondern Entspannung, Meditation oder Muße.Wichtig ist also, Langeweilenicht mitNichtstun oder Monotoniegleichzusetzen. Prinzipiell kann mansich in jedererdenklichenSituationlangweilen– oder auch nicht. Es istalsonicht wichtig, ob manetwas zu tunhat,sondern vielmehr,ob mandas,was mantut alssinnvolloderbefriedigend erlebt.“ DieAbwesenheit vonSinnwar es also, diemichquälte. DerLernstoff,zudem ich verdonnert wurde,weildie Prüfungsordnung meines Studiengangesnun malfestvorsah, Wintersemester2018/19 „Langeweileist der unerfüllte Wunsch nach einer befriedigenden Tätigkeit.“ dass jederStudiunabhängigvon seinem Wissensstand, dengleichenEDV-Kurs zu durchlaufen habe, schien mir frei vonNutzen. 12:34Uhr Währendneben mir eine offensichtlicheTechnik-Legasthenikerin mitder Verblüffungeiner Zeitreisendenaus dem18. Jahrhundertdie Freudender Dokumentenformatierung erprobt, habeich diegeforderten Aufgaben in einerMinute durch. MeineAufmerksamkeit gilt längst schonwiederdem Kritzeln. Inzwischen istder Ablaufzettelvon beiden Seiten minutiös und bis aufden letztenZentimeter mitkleinen Zeichnungen versehen worden und siehtimrichtigen Winkel betrachtet aus, wieder volltätowierte Rücken einesBikergangbosses.Als nächstes istdie Rückseitedes Collegeblocks dran.Auchdie könnte dochMitglied in derBikergang werden.Ich nenne sie: „Doodle-Dogs from Hell“. Aber warumnur stauntdie Word-Grundschülerin zu meiner Linkensodermaßenüber dieWunder von Word,während ich langsam aber sicher dieKraft verliere,umdie Zeit totzuschlagen? SilkeOhlmeier führtdazuihre Definition von Langeweileweiteraus:„Es istwichtig zu beachten, dass Langeweilekeine Charakteristikeiner Person oder Situationist,sondern eine Beziehung zwischen Situationenund Personen –also immer eine Interpretationeiner Situation.“ Soll alsoheißen: Nurweilich persönlich ein Blockseminar unerträglich lahm finde,muss dasnicht fürjeden gelten.Woder eine dasFormatierenvon Word-Dokumentenals unsäglich langweiligwahrnimmt,erlebtder nächste vielleicht einenRausch derBegeisterung.Wer weiß, wäre derLernstoff besagten EDV-Kurses für mich nichtvölligüberholt gewesen, würde mein Collegeblockheute nichtauf demMotorradim Rudelder Doodle-Dogsdie Straßenunsichermachen.Wie dieSoziologinsagt: Es geht darum, wieich dieSituation wahrnehmeund ob ichsie als sinnvoll erlebe.Kommt dann noch dasGefühldazu, dass maninder Situationgefangenist,beziehungsweise in siehineingezwungenwurde –etwavon einerStudienordnung – wird dieLangeweileschmerzhaft. 15:49Uhr Rück-und Vorderseitedes Collegeblocks sind inzwischen zu Doodle-Schlachtfeldern mutiert. DieMotivewerdendüsterer. MeineStimmung auch. DerKursbeschäftigt sich inzwischenmit demZauberstab-ToolinPhotoshop.Die Computer-Schleicheneben mir markiert wieeinewildgewordeneHexeFarbflächenund erforschtdie „Langeweile ist immer eine Interpretation einerSituation.“ Wunder derBildbearbeitung,während sich auf meinem Bildschirm schonpsychodelischeCollageninachtEbenenübereinandertürmen. Inzwischenfühle ichmichfastschon verzweifelt, so langweiligist mir.Die Ablenkungsstrategien greifen vielleicht fürMinuten,aber derFrust darüber,wie ichhiermeinenTag verschwende, kehrtimmer wieder zurück.Als würde ichden fetten Zwergauf denSchultern vonmir werfen, nurumkurz durchzuatmen,bevor er schonwiederaus denSchattenherbeigekrochen kommt undanmeinemKörper emporklettert. Wielange kannich ihnnochdavon abhalten,meinen Schädelauf die Tasten zu dreschen?Nur noch knappeineStunde. UndMorgenalles wieder von vorne. UndSonntag. Währendich mein Gesichtinden Händen vergrabe,quältmicheine Frage:Was,wennmeinganzesStudium so wäre –und nichtnur ein kleinesBlockseminar? „Lauteiner Studieaus Großbritannien langweilen sich 60 Prozentder Studierendeninüber 50 Prozentihrer Veranstaltungen“, weiß SilkeOhlmeier.KeinseltenesPhänomenalso. Das hätte entwedermit einerUnterforderung zu tun, sieheEDV-Kurs,könneaber auch miteiner Überforderungzusammenhängen: „Etwa weil manden Inhalteiner Veranstaltung nichtversteht, sich nichtdaraufkonzentrieren kann undsoden Anschluss verliert.“Also quasi, wenn dieTechniklegasthenikerin eine echteTechnik-Analphabetin gewesenwäreund sich vonvornhereinausgeklinkthätte.Sokann auch dasganze Studium als eine einzigeLangeweilewahrgenommen werden: Wenn maneinfach keinenSinn in demsieht,was mantut. Wenn manein Studienfach nichtgewählthat, weil manein aufrichtiges Interessedaran hat undauch in keiner anderenFormBegeisterung dafür in sich wecken kann.„Schuld daransind einerseits passiveLernsituationenwie Frontalunterricht,wenig InvolvierungoderAuswendiglernen,sowie wenigEntscheidungsspielraum in derSeminar-oderThemenwahl,“erläutertdie Soziologin. „Andererseitsstehenaberauch die Studenten selbst in derSchuld: Wersichvorab nichteinarbeitet, etwa dienotwendigen Texte liest, kann derVorlesung verständlicherweise nurschwerfolgen. Das istdie Eigenverantwortung derStudierenden.“Indiese fälltwohlauch dieWahldes richtigenStudienfaches, für das manwenigstensein bisschen brennenkann. Unförderlich fürein interessantesund gesundesStudium sind nachdieserLogik dann Dinge wiePflichtseminare oder dieaktuell malwieder in der(Hochschul-)Politik debattierteAnwesenheitspflicht, dieStudenteninals langweilig wahrgenommeneSituationen zwingen. Und diese Langeweilekann zu mehr als nurzuvollgekritzeltenCollegeblockrückseitenführen. ---> 19

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