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coolibri CAMPUS No 06

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Einsame Spitze Fotos:

Einsame Spitze Fotos: Lukas Vering Sich in der Menge einsam fühlen ist schon lange kein Paradoxon mehr. Es ist eine Realität, in der immer mehr Menschen leben. Keinen Anschluss zu finden, keine Kontakte zu knüpfen, keine bedeutsamen Verbindungen herstellen zu können ist aber nicht nur ein individuelles Problem – sondern vor allem ein strukturelles. Svenja* teilt ihren Tisch nur mit einem Salat. Wenn sie in die Mensa geht, ist sie allein. Oft verschlägt es die 21-Jährige deshalb nicht in den lauten, geschäftigen Essenssaal, in dem Studenten vorzugsweise in Gruppenformationen an langen Tischen sitzen, Kantinenmahlzeiten von Tabletten spachteln und sich über die anstehende Klausur, das volltrunkene Wochenende oder den neuen Nebenjob unterhalten. Für Svenja ist der Gang in die Mensa nur funktional, geschieht lediglich, wenn ihr Magen nach einer kleinen Füllung knurrt. Die richtige Mahlzeit gibt es abends, daheim, im Haus der Eltern, in der Stadt, in der sie aufwuchs. Weil sie sich nie richtig Zeit dafür genommen hat, hat sie nie richtige Kontakte an der Uni geschlossen. „Ich bin eigentlich nur für Veranstaltungen an der Uni. Zuhause habe ich ein Netzwerk und bin da auch sehr eingespannt. Wirklich Zeit für neue Bekanntschaften habe ich mir deshalb nie eingeräumt und selbst wenn sie zustande kämen, wäre es eher schwierig, sie zu pflegen.“ Ein paar Tische weiter sitzt Markus* in einer Gruppe aus Studenten, mit denen er eine Stunde zuvor eine Vorlesung durchstanden hat. Ihm schmecken zwar die Chinanudeln nicht, dafür lacht er ausgiebig über die Scherze, die seine Kommilitonen über den Dozenten reißen. Nach dem Mensagang wird sich die Gruppe zerstreuen und Markus wird, wie an den meisten Tagen, zu einem seiner zwei Nebenjobs fahren. Abends sitzt er allein in seiner Wohnung unweit des Campus, weil er sich mit Bekanntschaften wie den Mensagängern höchstens am Wochenende und wenn dann nur in größeren Gruppen wiedertrifft. „Ich habe hier nur Bekannte und Kollegen, mit denen ich auf Partys gehe, aber niemanden, mit dem ich mal richtig quatschen könnte.“ Svenja und Markus plagt ein ähnliches Gefühl: Sie fühlen sich einsam - an einem Ort, an dem Gemeinschaft eigentlich wie ein Buffet vor den Augen junger Menschen aufgebaut ist. Für die beiden Studenten, genauso wie für viele andere, bleibt der Teller trotzdem leer. *Namen von der Redaktion geändert 8 Wintersemester2017/18

THEMA Anna Sellhorn kennt das Problem. Die Diplom Psychologin arbeitet in der sozialen und psychologischen Beratungsstelle des Studierendenwerks an der Uni Duisburg-Essen und betreut Studenten der UDE, der Folkwang Universität der Künste und der Hochschule Ruhr West. Nicht selten suchen Studenten ihre Beratung, weil sie sich im System Universität einsam und verloren fühlen. „Die meisten, die mit solchen Anliegen zu mir kommen, sind Studierende in besonderen Situationen, also zum Beispiel Studierende mit Kind, internationale oder geflüchtete Studierende oder solche, die schon älter sind und oft schon mal gearbeitet haben.“ Besonders anfällig scheinen also Studierende, die sich in anderen Lebenswelten bewegen, als es der Otto-Normal-Studi tut. Egal, ob der Lebensmittelpunkt der eigene Nachwuchs ist, eine Sprachbarriere die Kontaktaufnahme hemmt oder ein Kulturschock zu Isolation führt. „Auch besonders junge Studierende im Alter von 18 oder 19 Jahren fühlen sich schnell einsam“, weiß Anna Sellhorn. „Einfach weil die Uni ein großer Kontrast zum Schulsystem mit seinen klaren Strukturen ist. In eine neue Stadt zu ziehen und plötzlich alles alleine zu organisieren, kann überwältigend sein. Oft wird dann auch vieles, was im Umfeld passiert, als negativ bewertet, immer mit dem Gedanken: Zuhause war alles schöner.“ Ein sozialer Rückzug, quasi ein Einigeln vor der Welt, ist eine mögliche Reaktion, die vor allem bei sowieso schon ängstlichen Persönlichkeiten auftreten kann. Unter Leuten allein Svenja ist diesem Problem aus dem Weg gegangen. Anstatt sich in eine neue Stadt zu wagen und neue Kontakte zu knüpfen, hat sie sich auf ihr bestehendes Netz zurückgezogen, von dem sie weiß, dass es sie immer auffangen wird. Dass sie deshalb manchmal eine Freistunde mit dem Smartphone, anstatt mit anderen Menschen verbringt, ist für sie kein wirklich schmerzliches Problem. „Eigentlich fällt es mir nur während der Kurse auf. Wenn zum Beispiel am Anfang des Semesters bei einem neuen Seminar die Leute rein kommen und sich sofort zusammensetzen, dann bleibe ich alleine. Erst später, wenn es zu Gruppenarbeiten kommt, lerne ich auch mal jemanden kennen. Aber nach dem Kurs und dem Semester verliert man sich dann doch wieder aus den Augen und bisher ist es nur selten vorgekommen, dass ich mal jemanden in einem anderen Kurs wiedergetroffen habe.“ Kein Drama für Svenja, schließlich sei sie ja zum Lernen und für den Abschluss hier. „Es Wintersemester2017/18 „Soziale Kontakte leiden unter dem vermehrten Leistungsdruck“ hat jetzt auch keinen Einfluss auf meine Leistungen. Vielleicht eher darauf, wie ich die Uni sehe. Ich bin immer nur für die Sachen hier, die ich machen muss und danach schnellstmöglich wieder weg.“ Dass ihre Einsamkeit während der Präsenzzeiten aus eigener Manufaktur stammt, ist ihr bewusst. „Ich glaube, ich habe mich am Anfang halt nie wirklich angestrengt, jemanden kennenzulernen. Sowas wie Kneipentour oder Fachschaftsparty habe ich nie mitgemacht.“ Nun sei das Alleinsein normal. Und ja auch immer nur auf Zeit. Für Markus ist es das nicht. Für ihn gibt es kein Sicherheitsnetz, keinen doppelten Boden, auf den er sich verlassen kann. „In der Schule hatte ich zwei beste Freunde, aber die studieren beide woanders und der Kontakt ist nicht mehr so intensiv. Die Leute, die ich hier habe, sehe ich eigentlich nur, wenn man mal zusammen raus geht.“ Wirklich warm geworden ist der 20-Jährige mit niemandem. Seine Kumpel, die er vom Hochschulsport oder aus der Fachschaft kennt, sind für ihn wie vorbeifahrende Züge, die zwar einen Teil seiner Strecke teilen, die ihn letztendlich aber nicht tangieren. Dafür, dass aus seinen Bekanntschaften keine wirklich bedeutsamen Verbindungen entstehen, gibt Markus sich selber die Schuld. „Ich kenne ja Leute, aber im Grunde halt nicht so richtig. Ich habe auch nie wirklich Zeit, weil ich von der Uni meistens direkt weiter zur Arbeit muss. Also unter der Woche ist eigentlich immer nur Uni, Arbeiten und Lernen.“ Wenn es am Wochenende dann zum Feiern geht, sieht der Naturwissenschaftler keine richtige Gelegenheit, um über mehr als nur das Oberflächliche zu reden. „Da will man dann ja auch nicht mit seinen Problemen anfangen.“ Auch unter seinen Arbeitskollegen findet er nicht wirklich Anschluss. Als Student mit nur wenigen Stunden auf dem Zettel, reiche es meistens gerade mal dafür, „Unter der Woche ist eigentlich immer nur Uni, Arbeiten und Lernen.“ dass er sich die Vornamen der Mitarbeiter merken kann. Markus, der für sein Studium vor einem Jahr ins Ruhrgebiet zog, fühlt sich nach wie vor fremd. Seine Bekanntschaften, mit denen er meistens in WhatsApp-Gruppenchats kommuniziert, um das nächste Saufgelage zu planen, empfindet er als flüchtig und letztendlich bedeutungslos. Auch wenn er unter Leuten ist, fühlt er sich allein. Druck fördert Isolation Den Grund für ihre Einsamkeit sehen sowohl Svenja, als auch Markus in ihrem eigenen Verhalten verwurzelt. Sicherlich gehen verschiedene Persönlichkeitstypen mit Situationen des Umbruchs und des Neuformierens unterschiedlich um, doch in beiden Fällen lässt sich auch ein strukturelles Problem im System Universität erkennen, dass die soziale Isolierung forciert. So ist die zunehmende Leistungsorientierung, vor allem seit Beginn des Bologna-Prozesses, auch für Psychologin Anna Sellhorn eine Quelle für nicht funktionierende soziale Gefüge. „Soziale Kontakte leiden unter dem vermehrten Leistungsdruck. Und der kommt ja nicht nur von außen, er wird auch innen selbst gemacht. Einsamkeit entsteht dann, weil Kontakte nicht gepflegt werden können – die Freunde oder Bekannten müssen ja ebenfalls lernen und haben deshalb keine Zeit.“ Mehr noch: Studierende stehen nicht nur unter immensem Leistungs- und Erfolgsdruck, um ihr Studium in der knapp bemessenen und mit Inhalten vollgestopften Regelstudienzeit zu absolvieren, sondern auch unter finanziellem Druck. Beide bedingen sich: Wer zu lange an der Uni verweilt, dem wird das Bafög gekürzt oder gar gestrichen. Also arbeiten immer mehr Studenten neben dem Studium. Laut einer deutschlandweiten Umfrage des Personaldienstleisters univativ haben fast 70 Prozent der Studentenschaft einen Nebenjob, davon arbeiten 37 Prozent bis zu 20 Stunden pro Woche, sechs Prozent sogar noch mehr. Die gleiche Umfrage zeigte zudem, dass rund 72 Prozent mindestens 20 Stunden in der Woche mit dem Studium beschäftigt sind. An Fällen wie Markus lässt sich leicht erkennen, wohin ein Alltag mit so eng gestricktem und ausgelastetem Stundenplan führt: Zwischen Lernen und Arbeiten bleibt keine Zeit für den Aufbau bedeutsamer sozialer Kontakte. Die Bekanntschaften, die entstehen, bleiben oberflächlich, sind letztlich auch nur ein funktionaler Baustein im Stundenplan: Wer will schon alleine in den Club, um sich den Stress der Woche aus dem Leib zu feiern? 9

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