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August 2021 - coolibri

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TITEL Die Frau hinter

TITEL Die Frau hinter der Kunst Fotos (3): Florentina Holzinge, Katja Illner, Daniel Sadrowski ZumInterviewschlägt dieneueIntendantinder Ruhrtriennale, BarbaraFrey, MaxFlorianKühlemganz Corona-konform einenSpaziergangdurch den Westpark um dieBochumer Jahrhunderthallevor.Die Faszination für Industriekulturortewie diesen hatdie SchweizerRegisseurin insRuhrgebiet gelockt. Highlights derRuhrtriennale TheLifeWork(Tanz/Installation, MetteIngvartsen) *Der Untergang desHausesUsher (Schauspiel, EdgarAllan Poe/Barbara Frey)*L’Étang/Der Teich (Tanz/Schauspiel, Robert Walser/GisèleVienne) *ADivine Comedy (Tanz, Florentina Holzinger) *DazayFrontera–Endangered HumanMovementsVl. IV (Tanz, Amanda Piña)*DieToten (Schauspiel, JamesJoyce/Barbara Frey)*Elias (Konzert,Felix Mendelssohn Bartholdy/ChorwerkRuhr/Concerto Köln/Florian Helgath) *Cascade (Tanz, MegStuart/Philippe Quesne/Brendan Dougherty) *LaLunaEnElAmazonas/DerMondimAmazonas(Schauspiel, Mapa Teatro) u.v.m. 12

TITEL AusZürichbringen SieIhreInszenierung„DieToten“mit.Sie startendas Festival miteinem KonzertimMorgengrauenund beenden es miteinem Gleitenindie Nachtund denSchlaf. Interessiert SiediesesZwischenreich? Ja,unbedingt,und zwar in allenKunstformen.Esreizt mich,weilich das Gefühlhabe, dasdortdie wesentlichen Dinge derWahrnehmungstattfinden. Wirkönnen dortlernen, wieder menschlicheGeist funktioniertoder auch dieErinnerung, einwichtiges Themabei JamesJoyce,aberauch bei EdgarAllan Poe: derVerweis aufeineVergangenheit. Wirleben ja in einer„Diktaturder Gegenwart“, ein vonJavierCercasgeprägter Begriff.Eswirdallesfaktisch-journalistischbetrachtet. Ichfinde denBereich derErinnerungsointeressant, dieEntdeckungder verschiedenenSchichten vonGeschichte. Die„Diktaturder Gegenwart“ hingegenbringt unsineineGeschwindigkeit undeinen Stress,der unsererWahrnehmung schadet. Woranliegt das? Zumeinen gibtesdiesenAktualitätszwangimJournalismus.Esmussimmer Neues berichtetwerden. Dabeifällt vieles unterden Tisch. Die Kunstist gerade so reich, weil siederartquecksilbrig ist, sich in andere Zeiten denken kann undsichin dieLänge ziehen oder komprimieren lässt. DieKunst erlaubtuns ein anderesZeitgefühl. Es geht mir stetsumdie Auseinandersetzungüberdie Wahrnehmungund mitder Wahrnehmung. Wenn es unsgelingt,sie zu verändern,werdenwir merken, dass dieses „Am-Tag- 20-Neuigkeiten-brauchen“wie Nichts zerfällt. Mirfällt dasbei manchenMenschen auf, dass ihre Aufmerksamkeitsspanneimmer kürzerwird. Sieschaffen es keinehalbe Stunde,ohnedas Handyzuchecken.Dagegenbin ichein Dinosaurier. Siekönnenalsoohne? Ichwar noch niebei Facebook undhabekeineneinzigenTweet abgesetzt. Dieser Schädel musssichmit anderenDingenbeschäftigen.Ich fürchte dieDauerablenkung. Ichbin einMensch, dersichgerne konzentriert.Daraus schöpfen wir Künstler:innen unsere Kraft, unddas Publikum hat einAnrechtdarauf, etwasdavon zu erhalten. Habenwir verlernt, Momenteder Leereund Langeweileals Inspiration zu nutzen? Wir stopfen alles zu.Ich glaube zum Beispiel,dassinder künstlerischen Arbeitimmer auch einAnteilTrauerarbeitsteckt. Das wissenwir ausden großen Erzählungender Griechen. Da geht es nichtdarum,ein paar Tränchen zu verdrücken,sondern dass Trauer einwichtiger Anteil desMenschseinsist.Trauern bedeutet:ein Gefühlzuentwickelnfür etwas, dasverlorenist,den Geistauszuweiten fürdas Bewusstseindes Verlusts. Oder die Verzweiflung darüber zu spüren,wie wir wirklich sind,dasswir vieles auch kaputt machen. Als Regisseurin wird IhnentiefesSchürfen nachgesagt.Was meintdas? Ichkann es vielleicht so sagen: Ichbin fasziniertvon Kunstschaffenden, dieinder Tiefeschürfen.Deswegenauch dieWahlvon Autorinnenund Autoren, dieauch in derdunkelsten Ecke noch Interessantesfinden. So wieEdgar AllanPoe,dessen„DerUntergang desHausesUsher“Sie als Eröffnunginszenieren? Poeist einextremerManipulator.Der schafftesja, dass mannachvier, fünf Zeilen zumerstenMal dieOrientierungverloren hat. Wenn er einen dahingebracht hat, dann steigterinden Schachtrunter. Dafür istesberühmt,dassermenschliche,seelischeZonen auslotet, wieeszuder Zeit gänzlichunüblich war. Darin isterein moderner Schriftsteller. SeineSprachehat nichts Bewahrendes, sondernimmer etwasSuchendes. Gibt es mitdem Wechselvon Stefanie Carp zu BarbaraFrey eine Hinwendungvom Politischenzum Künstlerischen? AlleTeams,die hier antreten,haben drei Jahre.Jedes Team hatalsodas Rechtauf einenNeuanfang. Wenn manmich mitetwas Apolitischem in Verbindung bringt,hat manetwasgehörigmissverstanden.Worauf wollen Siehinaus? Allgemeinwurde ja konsterniert,Carphabezustark provoziert etwa mitder Einladungisraelkritischer Künstler. MusstenSie sich mitdiesemProblem auseinandersetzen? Wirhaben dasals Team getan, dennoch: Wirsind zu aller erst einFestival derKünste. Es hatumdie Künstezugehen undich mussmichnicht ständig beziehen aufetwas,das hier in derVergangenheit geschehenist. BeiIhrer Vorgängerin haben einige Journalisten aufeinmal eingeladeneKünstler:innenauf ihre Gesinnung in Bezugauf Israel durchleuchtet. TunSie dasauch? Kann mannochunbefangenProgramme planen? Dieses Durchleuchtenist für mich gänzlich undenkbar. IchmöchteeineGastgeberin sein undnicht in einerArgwohn-Kulturleben.Wokommenwir hin,wennKonflikte, auch schwer wiegende undkomplexe,nicht mehr dieZeit bekommen,die siebräuchten, um sieprofundund mitgegenseitigemRespekt zu diskutieren. Wenn wirmit dem Argwohn-Nachtsichtgerät durch dieGegend laufen,dann ist es irgendwann wieindiesem Asterix-Comic, wo im Dorf auf einmal jederjeden verdächtigt. Nein. WirbrauchenmehrRespekt füreinander, müssenuns genauerzuhörenund brauchen mehr Zeit. Ruhrtriennale: 14.8.-25.9.verschiedeneOrteimRuhrgebiet; ruhrtriennale.de 13

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