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April 2016 - coolibri Ruhrgebiet

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T H E M A Blickpunkt

T H E M A Blickpunkt Flüchtlinge Eine neue Stimme Über Flüchtlinge wird viel geredet: Politiker, Passanten, die Frau an der Supermarktkasse – sie alle haben etwas dazu zu sagen. Wer dabei selten sprechen darf, sind die Geflohenen selbst. Zwei Projekte aus der Region wollen das ändern und Geflohenen eine Stimme geben. In Dortmund lebende Flüchtlinge erzählen ihre Geschichten von Flucht und ihrem neuen Zuhause im Rahmen des Projektes „Home Stories“. In Recklinghausen sprechen geflohene Syrer mit der Sprache der Musik, wenn sie in einer neu gegründeten Band mit deutschen Musikkollegen jammen. Chefredakteur Michael Blatt kommentiert zudem in seiner „Blattkritik“ den europäischen und regionalem Umgang mit der Flüchtlingssituation. Esmail aus Syrien in seiner Dortmunder Unterbringung Foto: Alexandra Breitenstein Eine Papierserviette als Untersetzer, eine Schramme in der Tapete, eine Uhr neben dem Bett – ordinäre Details, die doch mit so viel Bedeutung aufgeladen sind. Alexandra Breitenstein hält diese Bilder für das ehrenamtlich realisierte Projekt „Home Stories“ fest, für das sie Geflohene in deren — sagen wir es in schönstem Bürokratendeutsch — dezentralen Unterbringungen besucht, interviewt und fotografiert. Dezentrale Unterbringung heißt, sie sind raus aus den Camps und haben eine eigene Wohnung. Das heißt aber nicht, dass sie immer Asyl bekommen oder eine gute Aussicht darauf haben. „Das sind oft Geschichten ohne Happy End“, erklärt Alexandra. „Home Stories“ ist ein Projekt für Geflohene, die hier selber zu Wort kommen und ihre Geschichte erzählen können. Es ist aber auch ein Projekt für Anwohner, ob in Dortmund oder anderswo, die so ihre neuen Nachbarn kennenlernen können. „Wir stellen Einzelschicksale vor, aber die lassen sich übertragen. Für viele Geflohene sind die Gründe ähnlich, sie fliehen vor Krieg, Armut oder Verfolgung.“ Es ist im weitesten Sinne auch 12 ein Projekt für Vermieter oder Wohnungsgesellschaften, die sich schwer damit tun, an Flüchtlinge zu vermieten. Wie wichtig so ein Zuhause aber ist, selbst wenn es stark improvisiert sein mag, zeigt sich in allen Home Stories. „Es geht um Privatsphäre. Daran ist in den Massenunterbringungen nicht einmal zu denken. Mit so einem eigenen Raum kann man ein bisschen mehr ankommen, sich zurückziehen, nach seinen eigenen Regeln leben.“ Ein Zeichen des Widerstands Ein Zimmer für sich allein, das man dekorieren und einrichten kann, das es die eigene Persönlichkeit widerspiegelt – klingt für uns selbstverständlich, ist für die Geflohenen aber von unschätzbarem Wert. „Das ist vielleicht ein bisschen wie ein Nestbautrieb“, erklärt Alexandra. In ihren Fotografien fängt sie die Fetzen von Persönlichkeit im Wohnraum ein. Aber was können Shampooflaschen auf Fensterbänken, Sticker auf Kühlschränken oder Stofftiere auf Regalböden aussagen? „Es sind Zeichen. Die Serviette als Blumentopfuntersetzer zum Beispiel … Wir empfinden vielleicht, dass da eine Art von Traurigkeit drin steckt, weil wir glauben, darin Armut zu erkennen. Aber darum geht es nicht, hier soll nicht Mittellosigkeit stilisiert werden. Die Serviette ist ein Zeichen, das sagt ,Ich widerstehe der Depression. Ich gebe nicht auf, ich arbeite mit dem, was ich habe und ich mache es mir schön‘.“ Eine positive Botschaft, die auf der Homepage zwischen harten Geschichten von Flucht und Vertreibung steht. Ob sich Pegida-Schreihälse und Nazi-Hetzer von solchen Details umstimmen lassen? „Wohl nicht“, sagt Alexandra. „Aber ich hoffe, dass Leute die skeptisch sind, die vielleicht einfach Angst haben, sich hier mehr mit den Menschen hinter dem Krisenbegriff ‚Flüchtling‘ auseinandersetzen und ihre Unsicherheit lösen können. Wie es der syrische YouTuber Firas Alshater gesagt hat – zu allererst ist man Mensch!“ Lukas Vering the-homestories.eu

T H E M A Zwei Sprachen, eine Band Musik verbindet. Dass das mehr als nur eine leere Phrase sein kann, beweisen seit Januar zwölf Musikerinnen und Musiker aus Deutschland und Syrien in Recklinghausen. Ihre selbst komponierten Songs präsentiert die Band im Juni bei den Ruhrfestspielen. An einem kalten Mittwochabend im Februar dringt ein dichter Instrumentalsound aus dem Gebäude der Musikschule Recklinghausen. Ein funkiges Gitarrenriff, ein groovender Bass und, neben den Drums, der treibende Rhythmus einer Djembe. Dann: Rap. Auf Arabisch. Und auf Deutsch. wollten schließlich mitmachen, im Januar holten die Organisatoren sie zur ersten Probe ab. Inzwischen sind die ersten Songs fertig. Vahidi schrieb die Grundgerüste, der Rest entstand bei den Proben. Die Verständigung außerhalb der Musik ist noch schwierig. Zum Glück fand sich aber eine Übersetzerin, eine deutsch-syrische Sängerin, die bei den Proben immer dabei ist. Im Juni dann geht es auf die Bühne: im Rahmen der Ruhrfestspiele im Theater Marl. Weitere Angebote für geflüchtete Menschen sind an der Musikschule Recklinghausen in Planung. s-clubraum.de Der Song heißt „Begegnung“. Die zwölf Musikerinnen und Musiker, die hier am Werk sind, kennen sich erst seit ein paar Wochen. Im Rahmen des Bandcontests S-Clubraum, den die Recklinghäuser Sparkasse organisiert, entstand die Idee, in örtlichen Flüchtlingsunterkünften Musiker anzusprechen. Mit Händen und Füßen verständigte man sich, Musiklehrer und Bandcoach Vahid Vahidi half mit Persisch aus. Zehn Personen Bandprobe in Recklinghausen Foto: Inga Pöting B l a t t k r i t i k Iker Pastor fotografierte im Flüchtlingslager im griechischen Idomeni eine Situation, in der ein Neugeborenes in einer Regenpfütze gewaschen wird. Das sind die Verhältnisse an den europäischen Außengrenzen. Menschen, die vor Krieg und Terror aus ihrer Heimat fliehen, stranden in Griechenland und der Türkei, weil immer mehr Länder sich dazu entschließen, Zäune zu errichten und Grenzen zu schließen. Die Ursachen werden dadurch kaum bekämpft, wohl aber die Wirkung aus dem unmittelbaren Umfeld verbannt. Deutschland wirkt gegenüber den europäischen Nachbarn isoliert in seiner Position der offenen Grenzen und muss nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland- Pfalz und Sachsen-Anhalt mit einem parlamentarischen Rechtsruck umgehen. In Essen wurden schon vorher fragwürdige Signale gesetzt. Zunächst trommelte die Altenessener SPD im Januar mit dem Slogan „Genug ist genug – Integration hat Grenzen – der Norden ist voll“ gegen die in ihren Augen ungerechte Verteilung von Flüchtlingen in der Stadt. Wenige Wochen später protestierten Bürgerinitiativen gegen die Inanspruchnahme von Naturschutzund Grünflächen für die Realisierung von Flüchtlingsunterkünften. Jeweils wurde betont, man habe nichts gegen Flüchtlinge, sondern allein gegen die Pläne der Stadt zur Unterbringung. Selbst wenn dem so sei, haften bleibt eine andere Wahrnehmung: Flüchtlinge nicht vor der eigenen Haustür! In Idomeni versinken die Menschen im Schlamm. Die Seuchengefahr steigt. Nicht schön, aber Hauptsache in Essen bleiben die Bäume stehen …

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