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Oktober 2021 - coolibri

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I N T E R V I E W

I N T E R V I E W „Bucht mehr Frauen auf Festivals!“ Balbinasagthiermit dergesamtenWelt„Hallo“. Foto: Bella Lieberberg Balbinastichtinder deutschen Musikszene hervor. Siegehtmusikalisch auch mal Wagnisseein, spieltinihren Texten mituntypischer Metaphorik und zeigtinihren Albenund allem, wasdrumherumpassiert, stets schlüssige Konzepte.Obendreinmachtsie auch auf fragwürdige Zustände aufmerksam und präsentiertihreMeinungen laut.Christopher Filipeckidurftemit ihrsprechen. Balbina, deineaktuelleSingleheißt „Hallo“. Wemmöchtestduandieser Stelle mal „Hallo“sagen? Ichwürde gern derganzenWeltauf einmal „Hallo“ sagen. Geht das? Geht alles. Du hast beidem Song zumwiederholtenMal mitdem Babelsberger Filmorchester zusammengearbeitet.Wie seid ihraufeinander aufmerksam geworden?Warum benutztdusooft Orchester? Ichhab‘bei meinem Album„Fragen über Fragen“erstmaligmit einemOrchesterzusammengearbeitet, nämlich mitdem SofiaPhilharmonic Orchestra, weil ichschon immer meineLiederorchestralinstrumentieren wollte. Cineastische Musikist etwas, wasmichsehrcatcht. Fürmichsind Streicherund Bläser essenziell,umeinegewisse tiefeStimmungzuerzeugen.Und mitdem Babelsberger arbeite ichdeswegenmittlerweileausschließlich, weil dasOrchester beidem ersten Auftritt zu „FragenüberFragen“ dabeiwar,wir unsangefreundethaben undesmusikalisch auch so funktionierte. Ichkenne dieLeute auch persönlich undesist daraus eine kreativeFreundschaftgeworden. Ist„Hallo“ einZwischenprojektoderschon einAusblickauf wasGrößeres in naherZukunft? DieFrage könntenwir auch einerWahrsagerin stellen. Ichbin durch Corona vomPlanweggekommen undbin nunmehrimJetzt.Ich mache das, wasjetzt gerade Spaß macht.Ansonsten habeich immer vorher überlegt, wasdas nunfür einTeilvon welchemDanachist.ImMomentprobiere ich aber daszutun,was mich glücklich macht. Bei„Hallo“ hatteich schonvorherein gutes Gefühl, hatteBockihn aufzunehmenund einVideo zu drehen. Vielleichtkommt demnächstalsowiederein Song raus oder auch mehrereoderich hab‘Lustein Album aufzunehmen. Ichlasse mich von mir selbst überraschen. Bist du denn im Nachhinein traurig, dassdudeinAlbum „Punkt.“,das Anfang 2020 rauskam, wegenCoronasowenig live umsetzen konntest? Traurigmacht es mich nicht, weil icheineandereArt gefundenhabe, mit derSituationumzugehen,nämlich als eine positive Wendung, dieich nicht beeinflussenkonnte. Mirhat derLockdowneinen gewissen Druck genommen. Normalerweisekommstdunachdem Releaseineineunfassbare Promotion-Maschinerie, um dasProdukt zu verkaufen.Ich binabergar nichtinden Verkaufsmodus gekommen.Ich habedas Produkt veröffentlichtund dann standesals meineKunst für sich.Das hatteich vorher noch nicht. Und dieseErfahrung warsoleichtund so schön.Ich konnte damitsagen,dassich dasAlbum fürdie Sacheansichgemacht habe. Wer es mag, dermag es undwen es erreicht,den erreicht es undwen nicht, denhaltnicht.JonathanMeese sagt dazu immer, dass Kunstmachenetwaswie Spielenist.Dumusst damitrechnen,dassduverlierst,darfstdich aber auch nichtzuüberschwänglich freuen, wenn du gewinnst. DeineAlben haben stetsein erkennbaresKonzept.Wann spürst du dieses Konzept? Schonvor denAufnahmen,mittendrin,amEnde? Ichplane dasgar nichtund bineherimmer überrascht,wie konzeptionell dasamEndedann istund finde es auch gut,wennessowirkt.Vielesläuft aufeiner unterbewussten Ebene, ichkonzeptionierewenig im Vorhinein. Das istfaszinierend,ich mache quasiKonzeptalben ohne Konzept. 28

I N T E R V I E W Seit „Punkt.“ hast du zwischendrin auch immerPassagenauf Englisch. Ist daseinfachein Stilmittel? Mantraut mirzu, ichhätte immer einenMasterplan. Aber auch da sind es oftmals Bauchentscheidungen, dieetwas reflektieren,was ichimUnterbewusstseinmanifestierthabe. Ichhabeeigentlich immer gesagt,ich würde nieEnglisch singen unddann aber gemerkt,dassich voll Bock darauf habe.Dann probiere ich das, höremir das an,finde es gut und denke kindlich-naiv:„Ok,ich lass es drin,warum nicht?“. Ichhatte auch dieAlben davordie Idee,habeesmir aber selbst verboten,weilich immer gesagt habe, ichmache Deutsch. Zu „Punkt.“habeich etwasmehrhinterfragt,was icheigentlich tue. Und je älterich werdeund je mehr Musikich mache,desto mehr begreifeich,dass ichmir keineGrenzen setzen muss, sonderndas spiegeln sollte,wozuich Lust habe. Deswegenhabeich ja auch irgendwann damitmal angefangen.„Hallo“ istfastachtMinuten lang,da haben mir alleden Vogelgezeigt, aber ichfinde,dassdas passt. Das klingt pragmatisch,abergenau dasmacht mich gerade glücklich. Du bist in Polengeboren –wann kommtdann dererste polnische Song? Ichwürd’snicht ausschließen,weilich schon so viel ausgeschlossenund dann doch gemacht habe. Aber ichkann mir dasmomentannicht vorstellen. Ichspreche dieSprachefließend, aber habedazutrotzdemnicht so viel Bezug, weil es nichtmeine Arbeitssprache istund ichviele Fachbegriffe nichtkenne.Ich müsstewohlerstzweiMonatedortleben,ummir das zuzutrauen.Trotzdembin ichaberrechthäufiginPolen,weilich dort Freunde undFamiliehabe. So oder so sticht deineMusik in derdeutschen Szenehervor. Dieeinen nennen dich diedeutscheBjörk, andere sagen, du wärstKunst-Pop,wiederumanderefinden, du bist virtuoser Sprechgesang. Wiesiehstdudich selbst? Ichdenke immer,ich mach Pop. Beijedem Lied,das ichschreibe, denk ich immer „Wow,das istein Hit“. Wäre ichinFrankreichoderGroßbritannien, würdeich einfachPop aufLandessprachemachen. Hier istabervieles rechteintönig, weil es überwiegend nurSchlager, Trap oder Singer/Songwriter gibt. Sobald mannur einenHauch mehr Anspruch in dieProduktion legt,ist manschon derCrazy-Arts-Hurz-Künstler. Ichwürde mich im Lebennicht mitBjörk vergleichen, weil siesoaufwändige Kompositionen hat. Ihre Alben sind opernhaft. Meine Sachen sind eher poppig. Trotzdemmachstduauch immergerneSachen, die etwasanstoßen, zum Beispiel dein „Sonne“-Cover von Rammstein. EinermeinerLieblingssongs.AberdassRammstein-Fans es nichtmochten, kann ichsogar verstehen. Fürdie istdas Blasphemie. Wenn jemand – in demFall dieUrsprungsband –einen unfassbar guten Song gemacht hat, verstehe ich, wenn mannicht möchte,dassjemandanderes diesen Song benutzt. IchhabeaberalleRammstein-Mitglieder sogargefragt,ob ich’sveröffentlichen darf,auch wenn mannicht fragen muss. Ichwürde eine CoververöffentlichungmeinerSongs auch nichtwollen, wenn ichdie Versionschrecklich fänd.Ich finde denSongabersounfassbar geil,habe mich dann bewusstdazuentschieden,diesesLiedals mein erstes Cover zu wählenund dann hatdas seinen Lauf genommen.Allerdingsunter dem Aspekt,dassmir dasamEndeauch wirklich gefällt. Ichhabezum Beispiel dasGitarrenriffdurch einenFrauenchorersetzt,wodurch derSongein weibliches Statementbekommen hat. Deswegenlief derSongauch beider Nike-Kampagnevon derBoxerin ZeinaNassar, die sich fürdas Boxenvon Frauen mitKopftuch starkmacht.Das zeigtauch, wasfür einenTurnder Song genommen hat. Ichhabeesfür mich selbst geschafft, denSongzuinterpretierenund nichtnur zu covern.Esist eine Perspektivedes Songs. „xIch machequêasi KonzIJeptÄalben ohne KonzIJeptÄ.“y Seit letztemJahrhastdudeineigenes Label, nämlich „Polkadot“. Wiehat sich das Arbeiten verändert? Im kreativen Output garnicht,aberimAblauf, weil ichnicht diskutieren mussund nichterstzehnLeute in sieben Bürosihren Senf zu meiner Arbeit abgebenmüssen. Das Senfabgebendauertnämlich sehr lang,obwohl ichmichamEndeimmer irgendwiedurchgesetzthabe–undsospart das einfachZeit, dieich fürandereDinge nutzen kann. Nebender Musik kann mandichauf deinen Social-Media-Kanälen auch fürdeine starke Meinungwahrnehmen.Zum Beispiel hinsichtlich desFrauenanteils beigroßenFestivals. ImmernochHorror. Zuerst musseineFrauenquote ran, damitesirgendwann keinemehrgibt. Quotensind grundsätzlich zumKotzen, aber wenn manQuoten braucht, um Menschen erstmaleineChancengleichheitzuermöglichen, dann brauchtman sie. DieArgumentation vongroßenFestivals,die von 100Prozent gebuchtenActslediglich drei Prozent Frauen buchen,ist ja immer „Diefindennicht in denChartsstatt.“ Darauf sage ichdann,dass sienicht in denChartsstattfinden, weil ihrsie nichtauf dieBühnenlasst. Das istwie dieDiskussion, ob erst dieHenne oder dasEidawar.Sowas geht nicht. Ichwurde Anfang desJahresimmer gefragt, wieich mitdem Live-Lockdown umgehe,weilich ja im Sommer keine Festivals spielenkönne –ich binabereineFrau, fürmichist immerLive-Lockdown.Hat dasinden Köpfennichtsbewegt,dasssoviele Festivals nichtstattfindendurften,nun dieneuenLine-Upsbekanntgegebenwurdenund wiederkeine Frauen gebuchtsind? Es geht ständigumGewinnmaximierung. Diewürde aber auch funktionieren,wennman Frauen eine Reichweite gibt unddadurch theoretisch noch mehr Geld erwirtschaftenkönnte. Davon würden alle profitieren. Also bucht mehr Frauen aufFestivals! AndererKritikpunkt vondir istdas Streaming. „Hallo“gibtesbis jetztauf keinen üblichen Portalen.Mit welchemMediumfühlstdudichwohl? Streamingist dasbeste Modell,was erfundenwurde.Man kann global auf alles zugreifen undeshat dieMusikindustrie vorder Pirateriegerettet. Ich finde an Streamingalles genial,bis aufdieseskleineDetail,wie dasGeld verteilt wird. LediglichfünfProzent derEinnahmengehen an dieKünstler. Da müssteetwas justiert werden.Die Leute, die95Prozentdes Katalogs ausmachen, werden irgendwann keinGeld mehr haben,umdie Musikzu generieren.Auch da sitzen wieder TypeninBüros, diesichmit Händenund Füßendagegenwären,ein Detail umzustellen. Gerade Streamingdienste lebenvon ihrenKatalogzuhörern,die aber irgendwann abwandern,wennihreLieblingskünstlerdortihreMusik nicht mehr hochladen.Dann werden sich wieder alternativeSachengesucht, die urheberrechtlich schwierig undgar nichtimSinneder Künstlersind. Wir könnten allevon Streamingsehrgut leben, da diedigitaleSchöpfung durchCorona17ProzentZuwachsbekam,aberbei denKünstlern kaum waslandet. Ichweiß, dass 70 ProzentmeinerFansdie typischenPortale nutzen,gebemichabermit denGeschäftsbedingungeneinverstanden, sobald ichdawas hochlade,und darauf habeich keinen Bock.Das Mitläufertum mussein Ende haben.Ich finde es falsch,auch wenn dieEntscheidung fürmichnicht leicht ist. Dann nenn gerndeinFazit:Womit bist du in derdeutschen Musikszene und -industriezufrieden und wovonbraucht es mehr? Mehr Diversität.Die istnämlichda, wirdaberimMainstream nichtgespiegelt.Traut euchmal was! Zufriedenbin ichdamit, dass wir in einerDemokratie lebenund jedersichverwirklichen kann.Das istinvielenLändern nichtder Fall.Wir bewegenuns aufeinem sehr hohen Niveau,was das Ausübenvon Kunstund Freiheit angeht. Dafür binich jedenTag dankbar. 29

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