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Oktober 2017 - coolibri Essen

BLICKPUNKT EHE FÜR ALLE

BLICKPUNKT EHE FÜR ALLE L Ü N E N Gemeinsamer Lebensweg Marisa Meyer und Marina Wolf wollten Deutschlands erstes Homo-Ehe- Paar werden. Das klappt nicht ganz. Dennoch können es die beiden Lünerinnen kaum erwarten, ihre Liebe amtlich zu machen. Kleid und Anzug warten schon auf den großen Auftritt. So richtig glauben, können sie es immer noch nicht. „Beim Standesamt habe ich extra nachfragt, ob es dann auch wirklich eine Ehe ist“, sagt Marisa Meyer lachend. „Die Standesbeamtin hat es uns versichert“, ergänzt Marina Wolf. Die beiden wollen unbedingt „ja“ sagen – zueinander und zu einem gemeinsamen Leben. „Wir haben lange genug gewartet.“ Schon vor zwei Jahren hatte Marina ihrer Herzdame die alles entscheidende Frage gestellt. Doch das Paar wollte mehr als nur verpartnert sein. „Wenn wir verheiratet sind, kann einer im Zweifelsfall für den anderen entscheiden“, betont Marisa Mayer. Seit die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten in der letzten Sitzung vor der Sommerpause die Ehe für alle beschlossen hat, stand für die Lünerin und ihre Lebenspartnerin fest, dass sie beim Aufgebot die Ersten sein wollen. „Das hat leider nicht ganz geklappt. Denn für das erste Paar mit eingetragener Lebenspartnerschaft öffnet das Standesamt in Hannover extra am 1. Oktober. Doch mit dem 13. Oktober sind wir auch noch ziemlich früh dran“, sagt Marina Wolf. Mit dem Termin haben sie selbst die engsten Freunde überrascht und in Vorbereitungsstress versetzt. „Das ist viel zu spontan. Wir wussten natürlich, dass sie heiraten wollen. Aber so schnell – damit haben wir nicht gerechnet“, sagt Nadine Rosenfeld. Als Trauzeugin hat sie sich sofort in die Planungen gestürzt und mit Junggesellenabschied, Polterabend und Hochzeitsfeier eine Menge zu tun. „Zeitlich ist das eine Herausforderung, aber wir versuchen, ihnen so viel wie möglich abzunehmen.“ Nur um das Wesentliche haben sich Marina und Marisa lieber selbst gekümmert. Die Ringe sind „Beim Standesamt habe ich extra nachfragt, ob es dann auch wirklich eine Ehe ist?“ ausgesucht, Kleid und Anzug warten bereits auf den großen Auftritt. Wer was anzieht, ist lange geklärt. „Natürlich trage ich den Anzug. Alles andere geht gar nicht“, sagt Marina Wolf entschieden. Die 31-Jährige hat sich einen kleinen Schwarzen ausgesucht – mit silbergrauer Weste und passendem Binder. „Sehr elegant“, kommentiert Marisa Meyer. Bei der Wahl ihrer Robe hatte sie deutlich mehr Anpassungsschwierigkeiten. „Wir waren einmal zusammen in einem Brautladen. Da hatte sie auch etwas an, aber das war es einfach nicht“, berichtet Marina Wolf. Vorne kurz und hinten lang sollte es sein und am liebsten alles andere als farblos. „In Weiß habe ich einmal geheiratet und es war damals schon nicht das, was ich wollte“, betont Marisa Meyer. Sexy möchte sie aussehen, wenn sie auf hohen Hacken zum Standesamt stöckelt. „Figurbetont habe ich mir gewünscht, nicht umsonst habe ich mehr als 60 Kilo abgenommen“, sagt die 36-Jährige stolz. Sie hat sich schließlich für einen Spitzentraum in Zartrosa entschieden. „Anfangs war ich mir gar nicht sicher, ob mir das steht. Doch als ich es anhatte, war ich absolut begeistert.“ Es ist bereits ihre dritte Ehe. „Und meine letzte“, sagt die Lünerin bestimmt. Mit Marina habe sich alles verändert. An ihrer Seite möchte sie 8 glücklich alt werden. „So wie Opa und Oma immer gesagt haben. Etwas, das hält und das man nicht wegwirft.“ Lange Zeit habe sie sich nicht eingestehen können, dass ihr ein Mann nicht geben kann, wonach sie sich sehnt. „Eine Frau zeigt ihre Gefühle ganz anders. Bei ihr kann ich die Liebe spüren. Streiten ist allerdings auch sehr anders, denn sie feuert zurück und sie kann so stur sein“, erzählt Marisa Meyer und verdreht in gespielter Verzweiflung die Augen. Marina lacht und nickt. Doch meist mache sie auch den ersten Schritt zur Versöhnung. „Ich schreibe ihr eine Nachricht, dass ich ein Esel war“, erzählt die 31-Jährige. Für sie ist die Hochzeit etwas ganz Besonderes und die Aufregung vor dem ersten Mal entsprechend groß. „Zwischendurch merke ich das Bauchkribbeln schon. Ich wollte immer heiraten und Kinder haben.“ Die „So wie Opa und Oma immer gesagt haben. Etwas, das hält und das man nicht wegwirft.“ drei von Marisa sind längst auch ihre Familie, doch es bleibt der Wunsch nach eigenem Nachwuchs. „Ob das klappt, wissen wir aber noch nicht“, sagt Marina Wolf. Falls sie schwanger werden sollte, wünscht sie sich, dass ihrer Ehepartnerin ein aufwändiges Adoptionsverfahren erspart bleibt. „Alle reden immer von Vielfalt, Toleranz und Akzeptanz und dann gibt es doch wieder den kleinen Unterschied.“ Vorurteile oder offene Ablehnung haben die beiden bisher nicht erfahren, vielleicht gerade weil sie mit ihrer Beziehung bewusst offen umgehen. „Wir bieten keine Angriffsfläche und möchten gleichzeitig anderen Mut machen, die ihr coming out noch vor sich haben“, betont Marisa Meyer. Sie war sich allerdings anfangs nicht ganz sicher, wie ihre Kinder auf die neue Partnerin an ihrer Seite reagieren würden. „Mein jüngerer Sohn hatte zunächst Angst vor Mobbing in der Schule. Doch inzwischen sieht er das ganz locker.“ In die Patchworkfamilie ist auch Marisas geschiedener Mann integriert. „Er ist mein bester Freund. Das ist auch für die Kinder wichtig.“ Zur Hochzeit steht er selbstverständlich auf der Gästeliste, die mit 40 Namen überschaubar ist. „So kurzfristig einen passenden Raum zu finden, war trotzdem nicht so einfach“, sagt Marina Wolf. Das Problem ist mittlerweile gelöst, bleibt noch das mit der Torte. „Unsere Kuchenfee ist ausgebucht und für die Deko gibt es nur das klassische Brautpaar“, berichtet Marina Wolf. Sie ist zuversichtlich, dass sich auch dafür eine Lösung findet. Viel wichtiger war die Frage, was künftig auf dem Klingelschild steht. Weder Meyer noch Wolf, Sangiorgio soll es sein. „Das ist mein Mädchenname, den ich bei der Trauung wieder annehme“, sagt Marisa Meyer. Da ihre Eltern beide verstorben sind, bedeutet es ihr besonders viel, dass auch Marina sich dafür entschieden hat. „Damit hat sie mir ein Geschenk gemacht.“ Ein sichtbares Zeichen dafür, dass sie ihren Weg gefunden haben und gemeinsam gehen. Dominique Schroller

BLICKPUNKT EHE FÜR ALLE Zur Info: Mit der Öffnung der Ehe für alle können ab dem 1. Oktober auch gleichgeschlechtliche Paare standesamtlich heiraten. Damit sind sie Paaren, die aus Mann und Frau bestehen, auch rechtlich gleichgestellt und können beispielsweise Kinder adoptieren. Bisher war für Lesben und Schwule nur eine eingetragene Lebenspartnerschaft möglich. Sie wird nun durch die Ehe ersetzt. Verpartnerte Paare können auf dem Standesamt ihren Status ändern oder die Partnerschaft wie bisher fortführen. In Bochum leben derzeit 400 Paare in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft und das Standesamt hat auch schon Anfragen zu einer Rechtsänderung bekommen. Wie viele gleichgeschlechtliche Paare sich in den nächsten Monaten trauen, erhebt die Stadt mit dem Verweis auf die Gleichbehandlung nicht. In Essen sind dagegen bereits 30 Termine vergeben, davon sind 24 Umwandlungen und sechs Neuanträge. In Duisburg sind bisher 18 Anmeldungen beim Standesamt eingegangen, 14 Paare geben sich erstmals das Ja-Wort, vier ändern ihren Status. In Dortmund sind gleichgeschlechtliche Hochzeiten ab dem 2. Oktober möglich. Bisher hat ein Paar das Aufgebot bestellt, sieben Paare in Lebenspartnerschaften hat das Standesamt über die Möglichkeit der Statusänderung informiert. Foto: Dominique Schroller

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