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Oktober 2016 - coolibri Düsseldorf

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T H E M A K e i n e M ä

T H E M A K e i n e M ä r c h e n Als die Autorin die Slammerin im Juni das erste Mal auf der Bühne sieht, schätzt sie sie auf mindestens 16. Die große, schlaksige junge Frau steht ein wenig entrückt vor den Zuschauern im Lesezelt auf der Kö, und trägt ruhig und eindringlich vor: Spätestens an diesem Punkt herrscht totale Stille. Mashas Beobachtungen sind fein, die Art vorzutragen berührt und bohrt im Magen noch einmal nach. Sie steht da in ihrer dunklen Kleidung und gestikuliert langsam mit den Händen und Armen – und trägt mit Leichtigkeit auswendig vor. „Auswendig ist leichter“ Als Masha später zum Interview in die Redaktion kommt, erklärt sie: „Auswendig ist es leichter. Ich finde es schwierig, an den Text gebunden zu sein.“ Schon als Kind beginnt sie zu schreiben, spielt Blockflöte und später Klavier. 8 „Eine Träne, die rollt, für die Zweifel an dir. Eine Träne, sie rollt, und du zeigst sie mir. Aber warum sollte ich dich trösten? Und warum sollte ich dich lieben? Mit deinem Bauch, der krummen Nase, und allgemein bist du ziemlich zurück geblieben. Schau mal ins Internet. Schau mal fernseh’. Da siehst du mit welchen Menschen ich weg geh. Du hast Druck. Druck Druck Druck. Und er packt dich, er hat dich, er zieht dich mit sich her. Er greift dich, er schleift dich, er zerstört dein Herz.“ Vorträge in der Grundschule oder im Familienkreis, erzählt sie, seien nie ein Problem gewesen. Sie liest viel, Bücher wie „Die Känguru- Chroniken“ oder „Die Bestimmung“ stehen in ihrem Regal. Als vor über zwei Jahren in der Schule das Thema Poetry Slam auf dem Plan steht, beginnt die damals 12-Jährige, sich mit dem Slammen zu beschäftigen. Sie schreibt Gedichte, orientiert sich zunächst an bestehenden Werken und Mustern. Schnell merkt sie: „Man muss sich damit abfinden, dass man die Sprachstile nicht kopieren kann. Das habe ich am Anfang mal probiert, aber man hat einen eigenen Stil. Und einem selber fällt das ja gar nicht auf.“ Auf die Frage, wie sie ihre Texte beschreiben würde, sagt Masha: „Es sind keine Märchen.“ Vielmehr appelliert sie an die Zuhörer, genauer hinzusehen und Dinge wahrzunehmen, einfühlsam zu sein. Dafür setzt die 14-Jährige Wiederholungen und „Klammern“ ein, wie sie die Bögen nennt, die sie im Textverlauf schlägt. Thematisch beschäftigen sie sowohl Zwischenmenschliches als auch Ausgrenzung, Normen und rechtsextremes Verhalten: „Ich schreibe sehr viel über Gesellschaft“, sagt sie, „gesellschaftskritische Sachen. Über andere Personen, eigene Gedanken.“ „Ich schreibe neu und tu’ weg“ Ihre „Wunschäußerungen“ formuliert Masha mindestens zwei Mal wöchentlich zu Hause. Rund 30 angefangene Texte hat sie im Moment auf dem Schreibtisch liegen. Dabei geht sie eher uneitel mit den kreativen Erzeugnissen um: „Ich perfektioniere nicht, sondern bin so faul, dass ich es entweder gut finde oder doof. Ich schreibe dann einfach neu und tu’ die anderen Texte weg.“ Aus dem Stapel mit den für gut befundenen Schriftstücken wählt sie einmal die Woche ihre Favoriten aus und nimmt sie mit zu einem Slam in der Umgebung. Manchmal slammt sie sogar zwei Mal in der Woche. Lediglich die Anreise ist manchmal ein Problem: „Für meine Eltern ist es ein bisschen schwierig, weil ich ja noch jung bin. „Man muss sich damit abfinden, dass man Sprachstile nicht kopieren kann.“ Und sie wollen mich nicht alleine abends Bahn fahren lassen“, sagt Masha. So organisiert sie, wenn ihre Eltern sie einmal nicht abholen können, Mitfahrgelegenheiten oder nimmt das Taxi. Abgesehen davon finden Familie und Freunde die Freizeitgestaltung der 14-Jährigen aber genauso toll wie sie selbst – auch wenn ihre Freunde „gar nicht so literaturbegeistert“ sind. Die goldene Ananas Los ging es für Masha 2015 bei einem U20 Slam im zakk. „Da wollte ich sehr schnell von der Bühne wieder runter. Ich stand eine halbe Minute da und habe den Text ganz schnell aufgesagt.“ Seitdem bewegt sie sich auf den Bühnen NRWs, gewann Sekt, den sie noch nicht trinken darf, und in Moers sogar mal eine „goldene Ananas – aber keine echte“. Aufgeregt ist die Schülerin nur noch, wenn sie neue Texte vorträgt. Angst zu haben braucht bei den Slams sowieso keiner, findet Masha: „Man muss sich überwinden, aber eigentlich passiert nichts. Weil alle Leute verstehen, dass es mutig ist.“ Außerdem herrscht eine angenehme, Allüren-freie Atmosphäre: „Es gibt niemanden, der ein Promi ist, und mit dem man deswegen nicht sprechen darf. Im Backstage ist immer alles auf einem Level.“ Auf ihr Alter reduziert werden möchte die junge Kreative nicht, sondern vielmehr mit ihrem Geschriebenen und dem Vortrag überzeugen. Von ihrer Zukunft hat sie eine ebenso klare Vorstellung: „Entweder will ich selbstständig werden, Poetry Slam machen, Bücher schreiben, Synchronsprecherin sein und schauspielern. Oder ich werde Kulturmanagerin.“ Dass sie von Christine Brinkmann, ihres Zeichens Slam Master des zakk, einen der zwei Startplätze für die deutschsprachigen U20- Meisterschaften erhielt, freut sie umso mehr. Vom 18. bis 23. Oktober wird in Magdeburg von Runde zu Runde entschieden. „Voll krass“ wäre es für die Schülerin, weiterzukommen. So lange gilt: „Ich freue mich einfach voll. Ich mag es, neue Menschen kennenzulernen.“ u20slam2016.de

T H E M A Meistens ist Masha ter Veer die Jüngste. Seit zwei Jahren schreibt die 14-jährige Schülerin regelmäßig. Seit über einem Jahr nimmt sie an Poetry Slams teil. Im Oktober fährt die Düsseldorferin zu den deutschsprachigen U20-Poetry-Slam- Meisterschaften in Magdeburg. Nadine Beneke sprach mit Masha über ihre Ziele, das Schreiben und ihre besondere Art zu performen. Foto: Christof Wolff 9

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