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März 2017 - coolibri Hamm, Unna, Hagen

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C O O L I B R I L O K A

C O O L I B R I L O K A L Ein lebenslanger Kampf Wenn Christian Fricke sich auf alten Fotos sieht, muss er lächeln. „Ich hatte immer ein gesundes Selbstbewusstsein“, sagt der 31-Jährige – auch damals, als er noch 221 Kilogramm wog. Mittlerweile ist der gebürtige Hagener 102 Kilo leichter, hat ein Netzwerk für Adipositas-Selbsthilfegruppen gegründet und berät andere Betroffene im Adipositas-Zentrum des Evangelischen Krankenhauses Hagen-Haspe. „Wer glaubt, dass er damit in einem halben Jahr durch ist, hat sich getäuscht– das ist ein lebenslanger Kampf“, sagt Christian Fricke. Ähnlich einem Alkoholiker müsse ein Adipositas-Betroffener immer aufpassen, dass er nicht rückfällig wird. Er selbst habe früher viele Diäten ausprobiert: Weight Watchers, Friss-die-Hälfte, Low Carb – nichts half. Als er über 200 Kilogramm wog, entschloss Fricke sich zur Magenverkleinerung. Das war vor knapp drei Jahren, als er seinen Job verlor. Damals hatte das Unternehmen, in dem er als Privat- und Wirtschaftsdetektiv gearbeitet hat, Insolvenz angemeldet. Ein einschneidendes Erlebnis für den damals 28- Jährigen. Christian Fricke wiegt 120 Kilo – der Sessel für Betroffene ist auf 350 Kilo ausgelegt. Foto: Irmine Estermann Es ist ein Zeichen dafür, dass etwas im Leben schiefläuft „Bei dieser Gewichtsklasse schaffen es nur Ausnahmefälle konventionell abzunehmen“, sagt er. Man sollte auch nie eine Diät machen, die man nicht bereit sei, sein Leben lang durchzuhalten. Adipositas-Betroffene müssten ihr Leben umzustellen. Am besten geht das natürlich, wenn die Familie und der Lebenspartner mitziehen. Fricke empfiehlt auch eine Selbsthilfegruppe, in der man gemeinsam abnimmt. Er selbst hat das Adipositas-Netzwerk Hagen gegründet mit Selbsthilfegruppen in Hagen, Lüdenscheid, Halver und Iserlohn. Bei 221 Kilogramm Körpergewicht hat „Diäten alleine reichen auch Christian Fricke die Reißleine gezogen. nicht, denn das Essen ist oft eine Ersatzhandlung für etwas, das im Leben schiefläuft.“ Austausch mit anderen Übergewichtigen helfe da sehr. An diesem Punkt setzt er auch als Berater im Adipositas-Zentrum Hagen an. „Wir schauen erst mal, ob der Betroffene glücklich ist.“ Der Ansatz geht davon aus, dass zum Wohlbefinden eines Adipositas-Betroffenen drei Säulen gehören: „Körper und Gesundheit“, „Psyche und Seele“ und das Essen. Häufig haben die ersten beiden Säulen Risse und die Säule Essen wird gestärkt, um das Wohlbefinden zu erhalten. Bei einer Diät wird auch diese Säule bröckelig und das Wohlbefinden schwankt. Um es wieder zu stützen, wird die Diät aufgegeben. Deshalb versucht Christian Fricke zunächst die Psyche und die Seele des Betroffenen mit der Hilfe von Selbsthilfegruppen und Psychologen zu stabilisieren, erst dann geht es an Essgewohnheiten. Wichtig sei, dass man allen Säulen des Konzeptes gleiche Aufmerksamkeit schenkt und nicht nur dem Essen. Es gehe bei Adipositas-Betroffenen weniger um Optik. „Viele Übergewichtige fühlen 24 Foto: Christian Fricke sich wirklich wohl, weil sie es nicht anders kennen“, sagt Fricke. Er selbst sei auch immer selbstbewusst gewesen. Deshalb soll der Patient im ersten Gespräch von sich erzählen, von seinen Problemen und von seiner Eigenwahrnehmung. „Ich persönlich halte die Psychotherapie für einen wichtigen Baustein“, sagt Fricke, der noch heute so die Vergangenheit aufarbeitet. Er war bereits als Kind übergewichtig, auch weil er in zerrütteten Familienverhältnissen lebte. Es sei gut mit einem Therapeuten zu sprechen, um ein neutrales Bild von sich selbst zu erhalten. Oft müssten Probleme im Umfeld gelöst werden: Vor allem der Partner müsse den Abnehmplan unterstützen und Ernährungsumstellungen zumindest zum Teil mitmachen. Es bringe nichts, wenn der Partner immer Schokolade esse oder den Betroffenen lieber alleine mit einer Chipstüte vor dem Fernseher lasse, als sich mit ihm zu beschäftigen. Eltern von übergewichtigen Kindern, sollten ihren Kindern nicht das Essen verbieten. „Dann essen die Kinder nur heimlich und ziehen sich emotional zurück, das war bei mir auch so“, erinnert sich Fricke. Alternativen aufzuzeigen sei besser und schon Kleinkinder sollten an die richtige Ernährung gewöhnt werden. „Lieber ein Apfelstück als einen Keks“, gibt er ein Beispiel. Wichtig sei ihm vor allem das Vertrauensverhältnis zu den Patienten. „Wenn ich das Gefühl habe, ein Patient zieht nicht mit, sage ich ihm das auch ganz offen“, so Fricke. Die Gespräche würden auch weniger auf der Ebene von Berater zu Patient geführt sondern eher von Betroffenem zu Betroffenem. Belohnungen und realistische Ziele helfen: „Ich selbst setze mir kleine Ziele“, sagt Fricke. Sein erstes Ziel damals waren 180 Kilogramm, dann 150 – mittlerweile wiegt er 118 Kilo und steuert die magische Unter-100-Kilo- Marke an. Fricke weiß, wie schwer es ist sich zu motivieren, deshalb rät er zu einer Beratung mit realistischer Zielsetzung. „Ungesunde Pillen und Zauberei helfen auch verzweifelten Betroffenen nicht, Finger weg.“ Irmine Estermann Selbsthilfegruppen auf adipositas-netzwerk-hagen.de

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