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März 2016 - coolibri Düsseldorf

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M U S I K V O N H I E R

M U S I K V O N H I E R „Essen für alle“ Neue Sprache, neue Freiheit „Düster“ ist das Wort, das spontan einfällt, um die Musik von Toresch zu beschreiben. Denn das Prädikat „besonders“ wird immer seltener mit aktueller elektronischer Musik in Verbindung gesetzt. Doch das Düsseldorfer Trio ist hörbar dabei, mit seinen außergewöhnlichen Auftritten die Kunstwelt aufzubrechen. „Wir kennen uns schon lange“, erklärt Detlef Weinrich. Das Studium an der Kunstakademie brachte ihn Anfang der 1990er-Jahre mit Viktoria Wehrmeister und Jan Wagner zusammen. Bei der Kunst alleine blieb es nicht: Kreidler-Mitglied Weinrich alias Tolouse Low Trax und Wehrmeister, Stimme von Superbilk und La! Neu?, prägten Düsseldorf ebenso wie Wagner als Künstlerischer Leiter der Filmwerkstatt. 2014 regte der Leiter der Kunsthalle, Gregor Jansen, die drei zu einem gemeinsamen Auftritt im Rahmen des Festivals „Das Fest“ an. Gesagt, getan. „Detlef war das Fundament“, so Wehrmeister zu den einfachen, rauen Klängen des Salon des Amateurs-Residenten. „Das musste was Besonderes sein“, so Weinrich. „Es lag nahe, dass wir etwas Performatives machen, das auch eine besondere Sichtbarkeit hat“, ergänzt Wagner. Der Auftritt im Salon zu seinen schwer deutbaren Bildwelten hinterließ ein staunendes Publikum. Ähnlich kompromisslos und frisch ist das Debütalbum „Essen für alle“: Bei „The Hill“ schaffen Toresch mit harten Industrial-Beats und dem kühlen Mantra „They follow you“ eine Atmosphäre der Paranoia. Wehrmeisters Stimme wird zum Instrument, das in „Quedarte“ Fado-Melancholie beschwört und im Titelstück lautstark paroliert „comida para todos!“ „Essen für alle“ – das klingt nach einem Aufruf zur Revolution, in dem der legendäre Undergroundhit „Los Niños del Parque“ nachhallt. Aber es geht nicht um Vergangenes. Es geht um Energie – die Essenz dessen, was die drei Künstler ausmacht, in ihrer Performance zum Ausdruck kommt und das Publikum berührt. „Detlefs Sachen sind Bilder oder Töne, die machen was mit mir und darum passiert was“, so Wehrmeister. Die neue Sprache der drei Akteure verstand Salon-DJ Vladimir Ivkovic sofort und gab Toresch auf seinem Label Offen Music ein Zuhause. „Die Leute wollen diese Energie haben“, ist Weinrich sicher. Der spontane Tanz des Publikums gibt ihm recht. Er wirkt wie eine Gehorsamsverweigerung gegenüber den vielen ungeschriebenen Codes in Kunst und Musik. Die Hymnen für den Weg zur Freiheit schreiben Toresch. MW Toresch „Essen für alle“ (Offen Music/Rush Hour) Reinhören unter https://soundcloud.com/offenmusic „Das musste was Besonderes sein.“ 30 Foto: Toresch Auf „Fugitive Beauté“ entführt Förderpreisträger Bojan Vuletic den Hörer in eine Welt der musikalischen Improvisation mit Trompete, Harfe, Gesang und mehr. Basierend auf einer Idee des Lyrikers Baudelaire werden musikalische Paläste aufgebaut, nur um elegant einzustürzen („Barishnikovs Bescheid“). Anderswo entspringt dadaeskem Jazz eine Walzermelodie. Die flüchtige Schönheit – seltsam, aber zauberhaft. bojanvuletic.com Foto: Oette Foto: Autographic Music Foto: The Myers Foto: Bojan Vuletic Die hohe Kunst der drei Akkorde beherrschen The Myers in Perfektion. Da lag es nahe, das erste Album „Three Chords“ zu taufen. Hier wird in englischer und deutscher Sprache puristisch-druckvoller Punkrock („I don‘t wanna see you on TV“, „Was mir bleibt“) rausgehauen. Kompromisslos: Die genretypische Ballade bleibt aus, stattdessen kommt der „Aktion Rheinland“-Beitrag „Schwarz Weiss Rot“ auf den Plattenteller. Ein starkes Debüt! the-myers.de Was Thjim, der Botschafter des Korschenbroicher Labels Autographic Music, mit dem Debüt „Kopfkino“ erreichen will, erschließt sich auch nach 79 Minuten und 43 Sekunden nicht. Dass der stimmlich an Farin Urlaub Erinnernde das Punkrockgenre musikalisch aufmischt, zeigen der Einsatz von Akkordeon („S-Bahn nach Tahiti“), Trompeten und Posaune („Dicker Haufen“). Zwischen Bombast und Introversion ist alles möglich. autographic-music.com „Zu laut gehört auch leise“, singt Ötte auf „In stillen Momenten“ und präsentiert sein akustisches Soloalbum. Dass Songs wie „Liebe verstehen“ Herz und Kopf bewegen, liegt sicherlich nicht nur an der sparsamen Instrumentierung aus Klavier, Gitarre und Schlagzeug. Glaubwürdigkeit regiert die Texte des Neusser Musikers, der mehr denn je seine nachdenkliche, melancholische Seite zeigt und ein Statement gegen deutsches Liedermacher-Einerlei abgibt. oettesolo.net Mit seinem Werk „Orange Dawn“ gelingt Ambient-Tüftler Lars Leonhard der Brückenschlag zwischen seinen Arbeiten für die Weltraumbehörde NASA und den Lebensräumen auf der Erde. Statt Sonneneruptionen musikalisch zu untermalen, fängt er das Phänomen des Sonnenaufgangs ein. Dabei werden unaufdringliche Beats zum Schrittmacher auf dem Weg durch opulente Klanglandschaften. Anspieltipp: „Sunlight Scattering“. lars-leonhard.de, MW Foto: Lars Leonhard

A L B E N I G G Y P O P B O B M O U L D U N D E R W O R L D Post Pop Depression Im Jahr 1967 ist Iggy Pop mit den Stooges gestartet und sagt rückblickend: „Wir waren wie eine Gang aus utopischen Kommunisten und wollten radikal anders sein: ein freakiger Gegenentwurf zur Parallelwelt.“ Seine kreative Hochphase als Mainstream-Rocker erlebte er, als er mit David Bowie in Berlin hauste und dort kurz hintereinander die Meisterwerke „Lust for Life“ und „The Idiot“ aufnahm. An diese Phase knüpft das Album „Post Pop Depression“ mit dem Song „German Days“ nahtlos an. Es wurde zusammen mit Matt Helders von den Arctic Monkeys, sowie mit Josh Homme und Dean Fertita von Queens Of The Stone Age aufgenommen und strahlt aus jeder Pore. Caroline/Universal Patch the Sky Kürzlich tobten die sozialen Medien, als sich eine News in Nullkommanix verbreitete: Die USamerikanische Alternative/Punk-Band Hüsker Dü, das alte Riff-Schlachtschiff von Bob Mould, mit denen er per Halbmast durch die 1980er- Jahre segelte, wollten noch einmal ein Comeback probieren? Nun, es war leider nur ein hartnäckiges Gerücht. Bob, der (Gitarren-)Baumeister, hat aber immer noch ein Bedürfnis, das Feld zwischen drahtigem Indie-Rock, Prä-Grunge, Noise-Pop und Punk-Anleihen in großer Meisterschaft neu zu errichten. „Patch the Sky“ ist eine feine Platte für die Silver-Ager-Fraktion, die in ihrer Kellerbar noch einen sst-Aufkleber kleben haben. Merge Records/Cargo Barbara Barbara... Zugegeben, ihr Über-Hit „Born Slippy“ ist 21 Jahre alt, ihr letztes Album erschien 2010 und das Elektro-Genre wirkt aktuell zu oft wie ein Dschungelcamp: Früher waren sie Stars, heute gibt es nur noch Madenfraß. Rick Smith und Karl Hyde machen es aber besser als zuletzt Thorsten Legat und Sophia Wollersheim im TV. Vom himmlischen Sound-Rundumschlag „Low Burn“ über das marschierende Wolfsgeheul in „If Rah“ bis hin zu der stampfenden Westbam-Maschine „I Exhale“ trägt diese musikalische Zweierbeziehung viele Sterne mit nach Hause. Underworld haben ihre raffinierten Visionen für dieses neunte Studioalbum vorankommend und retrospektiv offengelegt. Caroline/Universal A M O N A M A R T H J O C H E N D I S T E L M E Y E R T I G A JOMSVIKING Die Menschheit könnte so viel aus dem Mittelalter lernen, tut sie aber nicht. Denn schon damals ist das System mit „Herren“ und „Knechten“ kläglich gescheitert. In der Jetztzeit ist es noch schlimmer: Aktuell gibt es 1826 Milliardäre auf der Welt und 800 Millionen Menschen, die von Armut und Hunger betroffen sind. Mit einer imposanten Death-Metal-Expertise warten Amon Amarth auf. Auf ihrem zehnten Studioalbum sezieren sie die Geschichte von Liebe und Rache im Kreise der Wikinger: Der Söldnerbund der neo-christlichen Jomswikinger steht hier im Fokus. Dieser Stamm wird brutal, schnell und laut zelebriert. Columbia/Sony Songs from the... Wenn Olli Schulz der Mike Krüger der Hamburger Schule ist, so ist Jochen Distelmeyer das Kraftwerk dieses Genres. Mit klugen Gedanken und Texten hat er seine ehemalige Band Blumfeld in die Champions League des deutschen Pop geführt. Olli Schulz nölt gerade rum, dass Distelmeyer sich mit diesem Cover-Album verhoben hätte. Das Gegenteil ist aber der Fall. Wie Jochen aus dem banalem „I could be the One“ von Avicii plötzlich eine traumhaft schöne Ballade formt – das ist einfach nur très formidable! Die zwölf Interpretationen auf „Songs from the Button Vol. 1“ sind sensibel arrangiert und toll umgesetzt. Four Music/Sony No Fantasy required „Sunglasses at Night“ war bisher der größte Hit von Tiga. Diesmal bringen seine Beats jede Phase zum Wabern. Hier ist alles feine Sahne, nur ohne Fischfilet. Früher war das anders. Schlaue Menschen lieferten sich auf dem Dancefloor elegante Pfauentänze. Die Welt unter der Discokugel teilt sich heute in Schwarz und Weiß: Dort der Eckensteher, da die verpeilte Diddlmaus. Für elegante Grautöne im Lebenssalat fehlt die Geduld. Tiga weiß das auch. Seine Beats brüllen, statt zu flüstern. Trotzdem füllt er seine Soundkulissen nicht mit Häme. Nein, er zaubert Leben in die Disco. Ninja Tune/Rough Trade Peter Hesse 31

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