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Juli/August 2019 - coolibri Düsseldorf, Wuppertal

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INTERVIEW Ein Piekser

INTERVIEW Ein Piekser fürs Leben Alle 15 Minuten erhält einPatient in Deutschlanddie DiagnoseLeukämie. Weltweit alle 35 Sekunden.DasseineStammzellenspende helfen kann, weißdie Düsseldorferin Sina Hünervogt auseigener Erfahrung. Die 39-Jährige rettetemit ihrenStammzellen dem Australier Chad Serpless dasLeben.Der feiertenun Hochzeit in Melbourne –und lud die Volljuristinund Mutter mit ihrer Familie ein. Nadine Sole sprach mitHünervogt über dieReise,Selbstüberwindung unddie Relevanz, anderenMenschen zu helfen. Sie sindkürzlichnachAustraliengereist,umden Mann zu treffen,dessen LebenSie gerettethaben.Was wardas fürein Gefühl? Es fingeigentlich damitan, dass wireinehandschriftlicheEinladungvon ihm bekommen haben.Erhat geschrieben, wiewichtig es ihm wäre,dass wirkommenund dass er denÄrztenund mir sein Lebenzuverdanken hat undohnediese Spende dieses tolleEreignisgar nichtstattfindenwürde. Da habeich erstmalsofortzugesagt, obwohlganzvielorganisiert werden mussteund mein Mann sagte: Stopp, Sina! (lacht)Ich binimmer für schnelle Entscheidungenaus demBauch heraus.Als alles geregelt war, war es einganztollesGefühl. Ichwar dieganze Reiseübersehraufgeregt. Auch wenn ichjaschon über E-Mail undFacebookmit Chad Kontakt hatte undich wusste,wie er aussieht. Trotzdem isteswas ganz anderes, wenn mansichAugeinAugegegenübersteht. Wiehaben Siedie ersteBegegnung erlebt? Wir habenuns vorder Hochzeit in einemCaféinMelbourne getroffen. Er warschon da undich kammit meinem Mann rein.Wir haben unsdirekt in dieArmegeschlossen undganzfestgedrückt.Das war irgendwieein sehr eigenartiges, aber auch sehr enges, inniges undwunderschönes Gefühl. Manhat dasjamanchmal mitMenschen, dass mansichdirekt sympathisch findet. Hier war dasextremstark. Ichspreche garnicht mehr so viel Englisch,deshalb hatteich einbisschenBammel davor, dass daseine Hürde sein könnte. Das war aber überhauptnicht ausschlaggebend,alle haben sofort drauflosgeredetund wir haben unsgegenseitig Sachen gefragt, diewir schon immerfragenwollten. Wann haben Siefür Chad Serpless gespendetund wiehaben Siedie Prozedurerlebt? Das war 2009.Daman ja eine Wochelangsoetwas wieeineTrombosespritzeinden Bauch bekommt,damitdie Stammzellen sich vermehren, kann es zu grippeähnlichen Symptomen kommen.Dahatte icherstBedenken,meinArbeitgeber hatmichabersuper unterstützt. Ichkonnte auch dieganze Zeit arbeitengehen.Eswar einbisschenso, als hätte ich eine Erkältung.EineWoche später binich nach Hameln zur peripheren Stammzellenentnahme ohne Vollnarkosegegangen. Ichlag in einem Krankenbett,auf einerSeite wurde mir dasBlutentnommen,die Stammzellen wurden separiertund aufder anderenSeite wurde dasBlut wieder in denArm eingeführt.MeinMannwar dieganze Zeit dabei, mankonnte Filmegucken unddie Mitarbeiterhaben sich superumeinen gekümmert. Es war einbisschenkomisch,weilich überhauptkeine Pieksermag.Blutabnahmen hasseich.Deshalb wollte icherstdie Vollnarkosehaben.Man sagtemir aber,dassdas erstensvielrisikoreicher fürmichwäre undauch beim Empfängerzielführender.Fünf Stundenlangeinen Zugang zu haben, warfür mich eine Überwindung.Ich habemir aber gesagt,wennich damit jemandem dieChancegebe, weiterzuleben, kann ichdas über mich ergehenlassen. Weil Chad groß undkräftig ist, mussteich nach einerRegenerationsphase am nächstenTag nochmalfür zwei,dreiStundenhin.Aber es war auszuhalten.Esgibtauch dieMöglichkeit,die Stammzellen beieinerGeburtdirekt ausder Nabelschnurzuentfernen.Das isteinfach und schmerzfrei. Das machendie DKMS in Tübingenund dieJoséCarreras StiftunginDüsseldorf. Dann sind dieKindergeboren,umLeben zu retten. Wasdennzum Beispiel? Ichhabeihn gefragt, wiedas damals wirklichwar. Wielange er wartenmussteund wiedie StammzelleninseinenKörperkamen undwie schnellersich wieder wohlgefühlthat.Erhat erzählt, dass er relativlange aufeineSpendegewartethat.Esgab zwei möglicheSpender: einenMann aus Italien und mich.Esgibtaberzwölf Genmarker,andenen die Übereinstimmunggemessenwird. DerMann hatte nuracht, ichzwölf aufzwölf.Dann war klar,dass ichbestmöglich passe. Alserdie Nachrichtbekommenhat,war er glücklich,aberzwiegespalten. Es kann ja sein,dassdie Organe dieStammzellen abstoßen.Als dieStammzellen in Australien ankamen, wurdensie zwei Stundenlangoberhalb des HerzensinseinenKörpereingebracht. Dann musste er Medikamentenehmen, bisseinImmunsystem wieder gearbeitethat.Erhat sich aber wohl ziemlich schnellwiedergut gefühlt. 6 Sina undihr Mann Romanbei derHochzeit. Spenderund Empfänger können sich nichtimmer treffen.Wie istdas Ganzebei Ihnenabgelaufen? Manche Länder lassen dasaufgrundgesetzlicher Bestimmungennicht zu.Deutschland undAustralien erlauben es zwei Jahre nachder Spende,wenndie Beteiligten es möchten.Die DKMS holtdann beide Einwilligungserklärungenein.NachzweiJahren Sperrfristkannman sich kennenlernen.Die SperrfristgibtesmeinesWissens deswegen, weil die Chancerelativ hoch ist, dass derEmpfänger nochmalerkrankt. Nicht, dass derSpenderdann aufgrund irgendwelcherAnimositäten sagt,ich spende nicht. HabenSie direkt nach denzweiJahren Kontakt zu Chad aufgenommen? Nein,ich hattedie Kontaktdaten bekommen,wollte mich aber nichtals erstes melden,weilich mir kein Dank abholen wollte. Ichhabedurch dieDKMSerfahren, dass es ihm gutgehtund dass er dieStammzel-

INTERVIEW D Ü S S E L D O R F / M E L B O U R N E EmotionalesTreffen:ChadSerplessund Sina Hünervogt Fotos (2): privat lentransplantation gut überstandenhat.InregelmäßigenAbständenhabe ichgehört, wieesihm geht. Dashat mich erstmalsehrberuhigtund glücklich gemacht. Nach drei,vierJahrenhabeich dann versucht, ihn über Facebook ausfindigzumachenund ihn einfachangeschrieben.Da wusste er mich erst nichteinzuordnen.Am Anfangwollteerdiesesdunkle Kapitelam liebsten vergessen. Wasman auch verstehenkann,geradeals junger Mensch,der im ersten Semester desStudiumsist undplötzlich an Leukämieerkrankt.Das habeich komplett verstanden.Erhat sich aber doch einenSchubsgegebenund fand es toll,Kontakt zu haben.Wir haben dann gegenseitigvon unserenFamilien erzählt. AproposFamilie:Ich habegelesen,dassSie bereitsals JugendlicheMitglied derDeutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft waren? Schonvon Geburt an.MeinVater istganzaktiv in derOrtsgruppeinUnna- Massen schon seit ewigen Zeiten Vorsitzender.Meine Schwesterund ich haben dasindie Wiege gelegt bekommen.Wir haben da auch schwimmen gelerntund sind beideRettungsschwimmer.Das wurde unsauch einbisschen mitgegeben, dass manfür einander einsteht unddassman anderen hilft im Rahmen seiner Möglichkeiten. Mein Vaterhat auch schonmehrerenMenschendas Lebengerettetals Rettungsschwimmer. Dasfandich schon als Kindtollund dashat mich sehr beeindruckt. „Ich habe mir gesagt, wenn ich damit jemandemdie Chancegebe, weiterzuleben, kann ichdas über michergehen lassen.“ Um noch einmal aufdie Hochzeit zurückzukommen: Wiewar denn dieses Ereignis fürSie? Als wir unsdas ersteMal getroffenhaben,haben wir unsabends auch noch mitseinerkomplettenFamilieund mitder Familieder Brautgetroffen. DerVater hatmichdraußen nochmalkurzzurückgehalten,inden Arm genommen undist dann auch einbisscheninTränen ausgebrochen. Das warein sehr emotionalerMoment. EinpaarTagespäterfanddie Hochzeit statt. In einerweißenVillainMelbourne,draußen,einefreie Hochzeit.Wir durftenmit ganz vornesitzen. DerVater hat dieerste Rede gehalten undgesagt, dass dies nichtstattfindenkönnte, wenn derGast vonganzweither nichtStammzellen gespendethätte fürseinenSohn. Alle sind in Tränen ausgebrochen,das war einsehremotionaler Moment undallehaben minutenlang geklatscht.Ich habeabergesagt, ichmöchtegar kein Danke. Es warfür mich eintotales Geschenk, dasüberhauptmachenzudürfen. Ichmöchtegar nichtsoals toller Geberdargestellt werden.Für mich selber undfür mein Lebenwar dasein riesen Geschenk, dasüberhauptmachenzukönnen. Wiewirdman eigentlich Stammzellenspender? Es geht ganz einfach. ZumBeispiel über dieDKMS, manregistriert sich onlineund bekommt einSet nachHause geschickt. Dasist einfachein Wattestäbchen.Dann nimmt manein Wangenabstrich aus demMundund schicktdas dann zurückund istregistriert.Das istsoeinfach, finde ich. Ganz früher war daswohlnochmit Blutabnahme. Aber so könnte sich eigentlich jedereinen Ruck geben. Mirist echtwichtig,dassdie Sachenach vornekommt.AnhandmeinerGeschichteist es natürlich schön darzustellen. MitHappyEnd undAustralien undeinem netten,hübschenMann,der heiraten konnte. Es gibt aber viele, diespenden. Ichstehe ja nurstellvertretendfür diejenigen,die auch spenden. Ichmöchtemöglichst vieleMenschenermutigen,das auch zu tun. dkms.de 7

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