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Juli 2017 - coolibri Oberhausen, Duisburg, Mülheim

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INTERVIEW „ I c h b i

INTERVIEW „ I c h b i n e i n r a t l o s e r p o l i t i s c h e r K ü n s t l e r “ Im seinem letzten Jahr alsIntendantder Ruhrtriennaleempfängt Johan Simons im großen,neuen Büro mit Blick auf den Bochumer Westpark.Hier denkt er mit MaxFlorian Kühlem über den Verfallder europäischen Wertenach–und darüber,was vonihm in Erinnerung bleiben wird. WiearbeitetessichamGerard-Mortier-Platz1?Wehtder Geistdes ersten Ruhrtriennale-Intendanten, nach demerbenanntist,nochdurch die Gänge? Ichwar natürlich sehr gut befreundet mitGerardMortier.Esist schade, dass er so früh gestorbenist.Genau wieich haterfür dieeuropäischen Wertegestanden.Heute stehen siemehrdennjezur Diskussion undwir müssensie neuverhandeln. Wirhaben dieBegriffe „Freude“,„Schöner“ und„Götterfunken“aus SchillersOde „Andie Freude“auf unsere Plakate gesetzt–undeinen schwarzenBalken darüber gelegt.Soals würdendiese Begriffe verschwinden. Es istein Götterfunken vonetwas,das verloren zu gehendroht. Siesehen das europäischeProjekt also in Gefahr.Ist die Ruhrtriennale durchdie Entwicklungender vergangenenJahre politischergeworden, alsdas eigentlich gedacht war? Ja,das istsie aufjeden Fall.Aberdie Entwicklungenhaben mich auch ratlos gemacht.Ich binein ratloser politischerKünstlergeworden. (lacht)Ich denkeweiterüberdiese Wertenach: Freiheit,Gleichheit, Brüderlichkeit–undfrage mich:Sindwir diefortschrittlichsteGesellschaft? Ichglaubeschon,aberwir wissenunseren Werten keine Haltungzugeben. Wirsindgefangenineinem Netz aus PoliticalCorrectness.Man achtetsehrauf seineWorte,mehrals noch vordreiJahren, trautsichkaum zu fragen: Gelten Freiheit,Gleichheit, Brüderlichkeitüberhauptnochfür jedenhier? Andererseits:Sindwir nichtauch längstgefangeninden Netzen derPopulisten? Ichhabedas Gefühl, dass dieDemokratievon außen,aber auch voninnen gefährdet ist. WasamProgramm ihrerletztenRuhrtriennale-Saison istexplizitpolitisch? DieMusiktheaterproduktion„KeinLicht“zum Beispiel,nacheinem Text vonElfriedeJelinek,die nachpolitischer undmoralischer Verantwortlichkeitfragt in einerWeltnachdem Super-GAU. Oder auch „Cosmopolis“, dasich selbst inszeniere.Darin geht es um Neoliberalismus,umden Gedanken: Ichbin derStärkste. Ichdenke dabeianIkarus, derindie Sonnefliegt. Das ist derWahnsinn derWelt, diewir jetzthaben,dassein Tag, einTweet,ein Kurssturzalles verändern kann.Daist jemand,der am Morgen derreichsteMann ist, denman sich vorstellen kann;aberamEndedes Tagesist er wegen Spekulationvölligpleite–undtot.Die Geschichte spielt in derWeltvon Cyber-und Hyperkapitalismus,die wir Normalsterblichen unskaumvorstellenkönnen –und dasist etwas, wasmichsehrbeunruhigt. JohanSimons 8 HilftIhnen DonDelillo,der Autorvon „Cosmopolis“,die Finanzwelt zu verstehen? Mirhilft eigentlich nur, mich aufeineKinderperspektive zu begeben. Denn Kinderkönnen sich alles vorstellen. Wiebegibtman sich mit70JahrenineineKinderperspektive? Ichwar doch malein Kind! DieseSensation,alles haben zu können,was ichhaben will,das kann ichmir nurauf einemSpielplatzvorstellen–und dort wirdsichdas Stückbei mir abspielen. Das istauch eine Metapher oder,bessergesagt, eine Übersetzungfür mein Vorgehen.Ich glaube, dass dieintuitiven EinfälleoderIdeen einesjeden Künstlers oder einerjeden Künstlerin vorallem aus derKindheitstammen.MeinemGefühlnachbin icheigentlich nichtälter als 17.70ist für mich unvorstellbar,ich spüre es nurkörperlich. Fühlt sich diese letzte Saison wieein Abschied an oder istesein Trost, dassSie nächstesJahrdas Schauspielhaus Bochum übernehmen? Dassich hier bleibe,macht es erträglicher.Ich liebeeinfachdiesesRuhrgebiet.Und dieses Stadttheater hier in Bochum! Es isteines dergrößten Gebäudeder Stadt, es istwie einSchiff, in dasman einsteigen kann,und dann geht es los, irgendwo hin,und wenn manrauskommt,wundert man sich:Ich binjaimmer noch in Bochum.Als ichdamals aufder Schauspielschule war,gab es in DeutschlandzweiTheater,die sehr bekanntwaren: DieSchaubühne Berlin unddas Schauspielhaus Bochum.Ich war meistens in Bochum.Ich passeimmer noch besser hierherals nachBerlin.Ich kommeselbstaus einerArbeiter- undBauernfamilie, nichtaus demBürgertum.Eswar fürmicheineSensation,als ichletztensvon dergroßen Bühne in denSaalblickte unddachte: Da hast du früher gesessen.Jetzt stehst du hier.Esist wieein Märchen, daswahr geworden ist. Wassollvon Ihnenals Ruhrtriennale-IntendanteninErinnerungbleiben? Gerard Mortierhat einenPlatz, dashabeich noch nicht! (lacht)AberSpaß beiseite:Ich würde mir wünschen,dass deroffeneGeist bleibt.Und ichglaube, wir haben schon einige großeVerdienste: diePublikumsbreite, oder das Festivalzentrum.Ich denkeübrigens, dass jederIntendant,der jetztkommt,soein Zentrumschaffen sollte. Wir haben auch vieleneue Hallen entdeckt–wiezum Beispieldie ZecheLohberg in Dinslaken.Und unserProgramm hatteeinen Zusammenhang über alledreiJahre hinweg. Ichwürde mir wünschen,dassdiese Dinge den Menschen in Erinnerungbleiben.

THEMA RettungoderAlbtraumdes HipHop?Mykki Blanco kommtzur Ritournelle Foto [2]: Pressefoto Ruhrtriennale Soundtrack für den Super-GAU 135Veranstaltungen mitmehrals 700Künstlern ausrund30Ländern an 14 Spielstätten bietet die Ruhrtriennalevom 18.Augustbis zum30. September.Max FlorianKühlem gibt drei Tippsaus demwiedersehrsehenswerten Programm. Kein Licht. Es ist immer spannend, wie Regisseure sich an denTextmassivenvon Literaturnobelpreisträgerin ElfriedeJelinek bedienen. UnterNicolas Stemann,Hausregisseur an den MünchenerKammerspielen, wirdihr Text „KeinLicht“, dersichmit derGefährdung der Welt durchdie Nutzungvon Atomkraftbeschäftigt undeineGeisterwelt nachdem Super-GAUschafft,zum Libretto einermusikalischenWelturaufführung.ZweiDarsteller,unteranderem dieaus demFernsehen bekannte CarolinePeters(„Mordmit Aussicht“) teilen sich dieBühne mitMusikern. DieMusik wird wiedie Atomkraftzueinem unkontrollierbarenElement.KomponistPhilippe Manouryerarbeitetmit Nicolas Stemann eine neue Form, in dervorkomponierteorchestrale undelektronischePartitur-Module kombiniert werden mitLive-Elektronik, dieindie Modulationder Sängerinnen undSänger, derSchauspielerin unddes Schauspielerseingreift –inEchtzeit. Zu sehenab25. August in derGebläsehalle desLandschaftsparks Duisburg. Kleine Seelen. Großes Schauspielertheater undzutiefst eindrückliche, atmosphärische Bilder schufRegisseur Ivovan Hove in den ersten Teilen seiner Trilogie aus Adaptionen vonRomanen desniederländischenSchriftstellers Louis Couperus.Deshalb darf man sehr gespanntseinauf dasdie Reihebeschließende „KleineSeelen“.Esberuhtauf „Die Bücherder kleinenSeelen“,die Couperus zwischen 1901 und1903, in derunruhigen Jahrhundertwendezeitschrieb.Eshandelt voneiner bürgerlichen Familie, diedie Umstände zu einemUmzug an denStadtrand zwingenund denMut herausfordern, offenherzig über ihreDesillusionierung,überihre Sehnsüchte undErwartungen zu sprechen. Zu sehenab24. Septemberinder Maschinenhalleder ZecheZweckel in Gladbeck. Musik. Die Ruhrtriennale war immer ein Ort, außergewöhnlicheMusik zu entdecken.InJohanSimonsletzter Saison sollte mansich ClaudeDebussysmusikalisches Kammerspiel in derOper„PelléasetMélisande“(ab 18.August in derJahrhunderthalleBochum) genauso wenigentgehenlassenwie dieAufführung vonBachs Cellosuitenabdem 26.Augustin derZeche Zweckel in Gladbeck,zudenen Anne Teresa De KeersmaekersTanz-Choreographienentworfen hat. Undfür Liebhaber populärerStile sind natürlich daselektronische FestivalRitournelle am 19.Augustander JahrhunderthalleBochumund dasKonzert vonLambchop undTimber Timbre am 23.August ebendort einMuss. Ruhrtriennale: 18.8.-30.9.verschiedeneOrte, Ruhrgebiet,ruhrtriennal.de coolibri präsentiert: Ritournelleam19.8. in derJahrhunderthalle, Bochum 9

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