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Januar 2018 - coolibri Oberhausen, Duisburg, Mülheim

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BLICKPUNKT Die Bläser

BLICKPUNKT Die Bläser des Tanzorchesters Paschulke, ganz rechts im Bild: Posaunist Richard Käppeler Fotos (2): Oskar Neubauer Inklusion beginnt Wenn das Tanzorchester Paschulke auf der Bühne Gas gibt, prallen Stilrichtungen aufeinander wie Billardkugeln. „Ruhrpott-Balkan“ nennen sie ihren tanzbaren Stilmix. Dass in ihrem Orchester Menschen mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam Musik machen, gerät dabei fast zur Nebensache. Wie der Pott ist auch die inklusive Band selbst ein Schmelztiegel der Kulturen: Ihre 15 Mitglieder stammen aus Mazedonien, der Ukraine, Russland und ganz Deutschland. „Bei uns werden bekannte Popsongs ,verbalkant‘“, erklärt Zum Thema ClaudiaSchmidt (52), Musiklehrerinund musikalischeLeiterin desTanzorchestersPaschulke WasbedeutetInklusion fürSie? Fürmichist Inklusion einMenschenrecht, eine Chanceund auch eine revolutionäre Haltung. JedemMenschenwirddas gleicheRecht eingeräumt,amkulturellen Lebenund an derArbeitswelt teilzunehmen. Inklusion beschränkt sich alsonicht nurauf Menschen mitBeeinträchtigung, sondernbetrifft alle. Wiekann Inklusion funktionieren? Musikschulen undandereInstitutionen müssen sich aufdie Menschen einstellen,die zu Ihnen kommen.Wennjemandnicht lesenkann oder blindist,mussich mir etwaseinfallen lassen, damitertrotzdemdie gleichen Chancen hat, seineBegabungeneinzubringen. Außerdem 8 die musikalische Leiterin Claudia Schmidt, „für das Publikum ergibt sich so ein hoher Wiedererkennungswert.“ Da wird dann schon mal „I Will Survive“ von Gloria Gaynor mit Akkordeon, Saxofon sowie Trompete geschmettert und mit dem typischen Balkan-Groove unterlegt. Hausmeister und Putzfrauen Ruhrpöttisch wird es vor allem durch die humoristischen Show-Elemente: Neben Bastian Ostermann, der den faulen Hausmeister Paschulke mimt, steht auch noch das „Feudelgeschwader“, brauchteseineVeränderung der Sichtweise. In unsererGesellschaft istdefizitorientiertes Denken noch immer sehr ausgeprägt.Zielmussessein, dieStärken derEinzelnen zu erkennen. Washat sich in denvergangenen Jahren im kulturellenBereich getan? Mich freutbesonders,dasssichdie Qualität der Arbeitverbesserthat,weiljetzt auch Menschen mitBeeinträchtigungehereineChanceauf eine professionelle musikalischeAusbildunghaben. Wo gibtesnochNachholbedarf? In vielen Bereichen. DieBarrierefreiheitendet oftvor derBühne,weilesfür Rollstuhlfahrer keine Rampen gibt. ZumGlückentstehtimmer mehr einBewusstsein fürsolche Dinge.Wichtig istes, dass sich möglichst vieleauf denWeg machen. JederSchritt zählt. eine dreiköpfige Tanzcombo in Kittelschürzen und mit Staubwedel bewaffnet, auf der Bühne. „Bei uns haben alle einen Lattenschuss“, meint Julia Hülsken augenzwinkernd. Die Sonderpädagogik-Studentin ist Teil der Tanzcombo und kümmert sich um die Organisation. Der Großteil des Ensembles sind Berufsmusiker, darunter Sänger Carsten Schnathorst aus Hamburg. „ Er hat nicht nur eine hervorragende Stimme, sondern nimmt die auch Leute gut mit, erzählt Witze und hat alles im Kopf“, sagt Hülsken. Dass Carsten Schnathorst Autist und blind ist, „merkt man höchstens, wenn er vor Euphorie das Mikro umschmeißt“. Richard Käppeler erzählt: „Es stimmt, bei unseren Auftritten machen wir ordentlich Dampf.“ Der 18-jährige Medizinstudent spielt seit 12 Jahren Posaune und ist von Beginn an dabei. Gefunden hat sich die Truppe durch verschiedene Inklusionsprojekte, darunter das mittlerweile abgelaufene Projekt „Dortmunder Modell: Musik“ der TU Dortmund. Während dieser Zeit ist eine Zusammenarbeit mit den Werkstätten Gottessegen entstanden. Durch die Einrichtung von Fahrdiensten und durch Kooperationen mit Musikschulen erhalten nun auch Menschen mit Beeinträchtigung Zugang zu einer musikalischen Ausbildung. So hat Mike Herget zur Band gefunden. Er ist Rapper mit Downsyndrom und hat einen eigenen Stil, eine Art Scat, entwickelt. Gibt es spezielle Herausforderungen bei einem inklusiven Orchester? „Naja“, sagt Leiterin Schmidt, „Carsten kann ich beispielsweise keine Noten schicken.“ Ansonsten biete aber die Form als Rock- und Pop-Orchester viel Gestaltungsspielraum für die Bedürfnisse und Talente eines jeden Mitglieds.

2006 erklärte die UN in ihrer Behindertenrechtskonvention die Inklusion zum Menschenrecht. Doch wie sieht es eigentlich in der Kulturlandschaft der Rhein-Ruhr-Region aus? Lina Niermann und Nadine Beneke haben mit dem inklusiven Tanzorchester Paschulke, Rapper CrazyB und Heilpädagoge André Sole-Bergers gesprochen. im Kopf Foto: André Sole-Bergers Markus Maiwald und André Sole-Bergers Markus Maiwald ist Rapper. Er lebt und arbeitet in Wuppertal, besucht gerne Konzerte und gibt in seiner Freizeit Workshops. Dass er im Rollstuhl sitzt, ist für ihn dabei kein Hindernis. Wieso, hat er im Interview erzählt. „Es gibt eigentlich nichts, was ich nicht kann“, sagt Maiwald, „außer Laufen und Schuhe-Binden.“ Der 30-Jährige, der 10 Wochen zu früh geboren wurde und bei seiner Geburt einen Sauerstoffmangel erlitt, lebt ein ziemlich normales Leben. Wenn er nicht gerade rappt, arbeitet der 30-Jährige in einem Callcenter in Wuppertal. In seiner Freizeit gibt er Workshops im Rahmen des Essener Jugend-Projekts „Fair…rappt!“. Auf genau 101 Samy Deluxe-Konzerten war er schon. Der einstige Dynamite Deluxe-Star inspirierte Maiwald 2000 auch selbst zum Musikmachen. „Ich war schon immer wortverliebt“, sagt der Mann mit Basecap. „Was ist schon normal?“ In seinem Umfeld war er meist der Einzige mit Behinderung. Er besuchte eine normale Grundschule und später dann eine Realschule. „Da haben mir meine Mitschüler den Rollstuhl hinterhergetragen“, lacht der 30-Jährige. Mit 16 zieht es ihn ins integrative Internat mit Höherer Handelsschule. „Die Nicht-Behinderten waren dort die Exoten“, sagt er. In dieser Zeit entdeckt ein Mitschüler Maiwalds Rap-Künste und „schubst“ ihn das erste Mal auf die Bühne. 2012 bringt er sein erstes Album „Charakterkopf“ heraus. In diesem Jahr erscheint „Charakterkopf 2.0“. Auf der Bühne fühlt er sich wohl. Er erzählt: „Meine Eltern sagen, es ist, als würde man bei mir einen Schalter umlegen.“ Seinen Rapper-Namen, CrazyB, trägt er seit der Schulzeit, damals noch ohne musikalischen Hintergedanken: „Wenn mich jemand auf die Behinderung angesprochen hat, habe ich immer einen dummen Spruch gebracht. Deshalb ‚CrazyB‘.“ Zusammen mit Filmemacher André Sole-Bergers hat Maiwald im vergangenen Jahr ein Video zum Song „Bist du behindert?“ aufgenommen. Darin rappt er: „Ja ich bin behindert, hab ein Handicap / Zeit, dass ihr checkt, sind alle gleich im Endeffekt“. Auf die Frage „Bist du behindert?“ fühlt er sich Zum Thema AndréSole-Bergers(36), Heilpädagoge beider LebenshilfeViersenund Filmemacher WasbedeutetInklusion fürdich? Inklusion istfür mich wie Rock’n‘Roll. Manhat es im Blut. Das Wort istallerdingsnegativ behaftet.Die Menschen mitHandicapbevorzugendas Wort „Teilhabe“.Das klingt schönerund istselbsterklärend.Die Menschenmöchten an derGesellschaftteilhaben. Ganz normal. Wiekann Inklusion funktionieren? Ichdenke dengrößtenErfolgder Teilhabeerzielt manimBereich derKulturund Freizeit.Hierbegegnensichviele Menschen immer sehr entspannt. Inklusion beginntimKopf. Wirkönnen nichtganzDeutschland abreißenund barrierefrei machen. Wenn aber dieBerührungsängste übrigens längst nicht mehr angesprochen, wie er lachend zu Protokoll gibt: „Für mich ist die Frage eher: Was ist schon normal?“ Eine Sache fällt ihm im Alltag allerdings doch schwer: „Ich gebe nur ungern zu, wenn ich Hilfe brauche.“ Weder Pflegegeld noch eine Haushaltshilfe möchte Maiwald in Anspruch nehmen. „Solange ich kann, mache ich alles selber“, sagt er bestimmt– und fügt hinzu: „Ich habe aber mittlerweile eine Freundin, die mir auf die Füße tritt, wenn ich es übertreibe.“ CrazyB live: 12.1., Weststadthalle, Essen verschwinden, dann sind wir schonsehrweit. Washat sich in denvergangenen Jahren im kulturellenBereich getan? Es gibtRollstuhltribünen aufeinigenKonzertgeländen. Das istpositiv. Aber als Rollstuhlfahrer ein Bier an derTheke zu bestellen, geschweige denn in einemClubauf dieToilettezugehen, dasist eher selten gut umgesetzt. Foto: Anika Raube Fotografie Wo gibtesnochNachholbedarf? BarrierefreiheitsolltebeimBau neuerGebäude sofort berücksichtigtwerden. Das istwesentlich kostengünstiger.Wir alleprofitieren von leichter Spracheund wenigerBarrieren.Aufzüge an Bahnhöfen können Eltern mitKinderwagen, Radfahrerund ältere Menschen nutzen.Wir alle sollteneinen Schritt aufeinander zugehen. 9

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