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Februar 2021

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INTERVIEW „Lass uns

INTERVIEW „Lass uns den Moment genießen“ Ob als Pop-Sänger oder Mitwirkender beiden Musikshows „The VoiceOfGermany“und „The Masked Singer“: ReaGarveyist der populärste IreinDeutschland. Mit„Musicshake“ erfand er sogar ein neuesTV-Format. Im Interviewmit Olaf Neumann sprichtder Musiker über weinendeMänner,von Reisen zu Fantasie-Inseln undChancen in der Krise. ReaGarvey, IhrfünfterLongplayerheißt „HyBrasil“. WieerarbeitenSie sich einAlbum? Ichhabekeine festeVorstellung, sondernich lassemichgernleitenund begebe mich in eindunklesZimmer. Irgendwann fühleich etwasFestes, ob es eine Wand istodereineTür.Und diesem Wegfolge ichdann.Sogeht es mir immer,wennich morgensumvieraufstehenund zumFlughafen muss. Ichfühlemichfreiund bintrotzdeminder Dunkelheit.Irgendwann habeich einLiedgeschrieben,von demich denke, es könntefesterBestandteildes nächstenAlbumssein. Das führtmichdann zum nächsten Lied. Mitwelchem Lied hatalles angefangen? Als ich„Talk To Your Body“geschrieben hatte, wusste ich, wo es mitdem Albumlanggeht. In demMoment fühlteich mich sicher undkannteden Weg. Ichfingan, ganz anders zu arbeiten undfreutemichauf jede Session,weildie Ungewissheitweg war. Eigentlich istdie Arbeitaneiner Platte immer einbisschengleich, aber dieLiedersindjedes Malanders. 14 „Esgibtdaran auch etwas Positives, denn Corona macht uns alle gleich. So etwaskommt selten vor.“ DieSingleauskopplung „TalkToYourBody“ verstehenSie alseineLiebeserklärungandas Leben. Wieintensiv erlebenSie dieZeitunter Corona? Ichglaube, wir alleerleben dieseZeitsehrintensiv. Wirmüssenumdenken.Seltenhöreich,dassjemandgar keineVeränderung verspürt,um durchdiese Krisezukommen. Es gibt daranauch etwasPositives,denn Corona macht unsallegleich. So etwaskommt selten vor. In denersten zwei Wochen derKrisewar ichfrustriertund einbisschenverloren,aber dann habeich vonallem,was ichmir vorgenommenhatte,losgelassen. Später habeich mirmit Josephinedie Yellow-Jacket-Online-Sessionausgedacht.EinespontaneIdee,weilmeine Frau meinte,ich sollemal ein bisschen Musikfür dieLeute machen. Unddann waren10.000 Leutein meinem Feed.Daspürteich,dassich dasAlbum fertig machenmusste. Ichwolltenicht,dassesein OpferdieserZeitwird. Es sollte für sich stehen, weil ichesgrößtenteils 2019 geschriebenhabe. Wieviele Stücke hatten Siefür „HyBrasil“insgesamtgeschrieben? Ichhabe44Demos aufgenommen. Davonhabeich 14 ausgesuchtund gemerkt,dassdas alles positive Lieder waren. Im ersten Lockdown warich oftnachtsalleininStudio undhabezuden Liedernprobehalber getanzt. Ichmerkte, dass mir dieses Album einirrsinniggutes Gefühl gab. Dasist derEinfluss vonCoronaauf derPlatte. Sievergleichen IhrAlbum mitder mythischen Insel„Hy Brasil“westlich von Irland.Der Sage nach taucht sienur alle sieben Jahrefür einenTag ausdem Atlantik auf. Washat diesePhantominsel mitIhnen und Ihrer Musik zu tun? Wirhaben vonHyBrasilals Kindergehörtund fest an ihre Existenz geglaubt. In meiner Fantasie binich da hingeflogen, weil sich aufdiesermagischen Inselmeine ganzen Heldenaufhielten,umimmer jung zu bleiben. Ichbin schonein Tagträumer, in Gedanken will ich da immer noch hin.Zuder Zeit,als ichmit derArbeitan derPlatte anfing, hatteich einbisschenAbstand von derMusik genommen. Es warwie Liebeauf Distanz.Ich mussteein bisschen kämpfen,um dieseBeziehung wieder zu verstärken. Und das hatfunktioniert? Ja. Alsich dann mit14Liedern im Studio stand, fühlte ichmichwie an einemmagischen Ort. Dieses Albumist für mich einmusikalisches Hy Brasil. DieReise dorthin istirgendwiemystisch. Da sitzen Menschen aus verschiedenenWeltenbei mirinBerlin im Studio undwir schreibenzusammenein Lied. Und aufeinmal wirdesvon Millionen Menschengehört. In meiner Fantasie glaube ichandieGeschichtevon Hy Brasil,auf dieseWeise hatsie fürmichvielmehrWert. DieIrensindbekanntals diebesten Fußballfansder Welt.Sie glaubenalle, dass ihr Team dieWMgewinnen wird. Glauben macht dieReise viel schöner.

INTERVIEW In demSong„Just AMinute“ geht es darum, sich Zeit zu nehmen.Hat die Corona-PandemieIhr Lebenzwangsentschleunigt? Das Tempo, in demich 2017 und2018gearbeitethabe, war crazy. Das „Neon“-Album istdurch dieDeckegeschossen, weshalbwir unheimlich viel unterwegswaren.Der Grund, weshalb ichein bisschen plattwar,war dieses ständige Liefernmüssen. Ichkam mir vorwie einZahnrad in einer riesigen Maschine. Das fühlte sich nichtgut an.Wennman sich dazu entschließt, Musikerzusein, mussman auch dasGefühlhaben,dassesetwasBesonders ist. Erfolg als Musikerist fast so selten wieein Lottogewinn.„Just AMinute“ istmeinLieblingslied aufder Platte. Ichhabeesin nurzweiStunden mitLeutenaus derHip-Hop-Szene geschrieben.Die Botschaft lautet: Lass unsden Moment genießen undnicht an Morgen denken.Ich möchteetwas bewussterleben stattimmer nurzumachen, machen,machen. Wieist es fürMusiker,inCorona-Zeiten zu reisen?WerdenSie dauernd getestet,sitzenSie viel in Quarantäne? Manmusssicheinfachgut informieren,ich will ja keineRegeln brechen. Gott seiDank sind Dinge möglich.InKöln zum Beispiel beiden Dreharbeitenzu„TheMaskedSinger“ wurde mangetestet. Dasfinde ichgut.Ich glaube, ichbin im Moment dermeistgetesteteIre in Deutschland. Bei„The Voice“warenSamuund ichersteinmalinQuarantäne. Manchmal muss manden Kopf einfachabschalten. Ichkann es nachvollziehen,dassLeute bestimmteMaßnahmen infrage stellen, aber diegrößte Stärke wäre, wenn darüber nichtständig gestritten würde,sondern alleaneinem Strang zögen, um irgendetwas umzusetzen.Die Politikmacht Pläne, die vielleicht nichtperfekt sind,aberwer istmomentanwirklichinder Lage, diebeste Entscheidungzutreffen?Die Virologenwidersprechen sich manchmal sogar. Es isteinesuper schwierige Zeit undnicht derMoment, sich selber zu profilieren. Aufgrund derPandemiekann manjanur kurzfristig planen.Wie sehr verunsichertSie das? Es istjetzteineanderePlanung.Die ersten zwei Wochen warenfür meine Frau undmichsehrunangenehm, weil wir Pläneeigentlich mögen.Wir mögen es vorallem nicht, wenn unsgesagtwird, dass wirirgendetwas nichtmehrdürfen. Wirmussten erst lernen,innerhalb dieser Beschränkungen anders zu planen.Ich hatteunser Studio erst im Januarfertiggestellt, unddann mussteich es komplett aufonlineumstellen.Das war klug, weil wirdadurch eine positive Beschäftigungfanden. Seitdemhaben wir schon 22 Online-Showsrealisiert.Wir kamenmit derZeitauf über 200.000 Views.Statt zu sagen, dass alles schlecht ist, sollte mansichlieberinnerhalb derBeschränkungenetwas PositivesoderKreatives ausdenken.Wir verdienenmit denYellow-Jacket-Sessionsnatürlich keinGeld, dasdarfabernicht vonDauer sein.Ich binEntertainer,das istmeine Rolle in derGesellschaft. Auch wenn wirKünstlerdas Gefühlhaben,von derPolitikvergessen worden zu sein,habeich immer noch mein Talent.AmEnde möchteich sagenkönnen: Ichbin stolzauf das, wasich in derCorona-Zeit gemacht habe. Gibt es in IhremTeamMenschen, die sich beruflich neuorientieren mussten? Absolut.Ich arbeite mitunglaublichtollenLeutenzusammen.Ich habedenenamAnfanggesagt, dass ichmichauf sieverlasse, aber jetztauch für siedabin.Ich binstolz, dass diesichnicht habenklein kriegenlassen. Einige vonihnen haben sich umschulenlassen. Es istschwer, aber zusammenkommenwir da schon durch.Die Veranstaltungsbranche versucht, kreativzuseinund neue Plänezuschmieden. ReaGarvey Könnten Siesichvorstellen, im Pandemie-WinterFreiluftkonzerte zu geben? Ichhabeschon Open Airs im Schnee gespielt.Das istalles machbar, man mussnur bereit dazu sein.LetzteWoche habeich eine TV-Showgemacht, wo dieCrewzumeinerMusik getanzthat.ImMomentnutzt jederdie Chance, sich wenigstens einmal auszutoben. Das wirdschon alleswieder. DieMenschheithat schon sehr viel schlimmereKatastrophengemeistert. EinSongauf demAlbum heißt„MenDon’t Cry“–„Männerweinennicht“. HabenSie es früher alsSchwäche angesehen, alsMann offen Emotionen zu zeigen? Früher galt weinen als nichtmännlich.Aberder Song istleichtironisch. NatürlichweinenMänner.Ich tuedas nichtgerne undauch nichtoft,aber ichfinde,überwirklich wichtige Dinge sollte manweinenkönnen.„Men Don’tCry“dreht sich um dieBeziehung zwischen meinem Vaterund mir. Er war Polizistund übernahm dieRolle seines Vaters,als dieser starb. Mein Papa war einesvon acht Geschwistern undhatte einenPanzerum sich gebaut.Den haben wir zusammen wieder abgebaut. Wiehaben Siedas geschafft? Als PapasSchwester gestorbenist,war er überhauptnicht in Kontaktmit seinen eigenen Emotionen. Ichhabeihn damals regelmäßigzum Bahnhof gefahren.BeimAussteigen batich ihn immer,michinden Armzunehmen. Da standendann zwei Männer aufdem Parkplatzund umarmten sich, wasinIrlandzuder Zeit vielleicht nichtgerngesehen war.Aberals mein Papa daserste MalinDeutschland war,konnteersehen,dassdas hier ganz normal ist. Ichglaube, er hatdas auch gebraucht, weil er einsensiblerMenschwar. 15 Foto: Olaf Heine

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