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Februar 2018 - coolibri Düsseldorf und Wuppertal

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KUNST A R T R O O M

KUNST A R T R O O M Anica Bücker, Einhorn mit Senf Wenn die 32-Jährige über ihre Kunst spricht, sprudelt es nur so aus ihr heraus: „Ich fühle mich ein bisschen wie ein Frisör“, lacht die Akademie-Absolventin. „Geknüpfte Malerei“ nennt sie ihre Objekte, die wie Gemälde mit bunter Frisur und klaren Linien anmuten. Angefangen hat sie bereits in Kindertagen, ganz klassisch mit dem Zeichnen. Damals lebte Bücker in der Nähe von Düren, auf dem Dorf. Schon früh lag sie ihren Eltern mit ihrem Berufswunsch in den Ohren. Das Künstlerdasein blieb kein Kindertraum, obwohl sie die Wahl der Akademie vollkommen kompromisslos traf: „Ich wollte nur nach Düsseldorf“, sagt die 32-Jährige bestimmt. Nach der Schule besuchte sie deshalb eine Malschule und gab schließlich eine 11 Kilo schwere Bewerbungsmappe ab – mit Erfolg. 2006 zog die junge Frau nach Düsseldorf und begann das Studium der Malerei. Acrylmalerei stand zunächst auf dem Programm, großformatig. 46 Kunst mit Frisur „Von Einhörnern mit Senf und Pennywise“ lautet der Titel der kommenden Ausstellung von Anica Bücker. Klingt nach Flausch? Sieht auch nach Flausch aus. Und ist trotzdem keine lapidare Effekthascherei. Nadine Beneke hat Bücker in ihrem Düsseldorfer Atelier besucht. Bücker experimentierte, entdeckte Sprayfarben und Abstraktionen für sich. Über die Arbeit mit Professor Herbert Brandl sagt die Meisterschülerin, die 2014 ihren Abschluss machte: „Er lenkt nicht zu stark.“ Frisiertes Zebrafell So entdeckte sie im Laufe der Jahre die Geometrie für sich. Einfach, klar, minimalistisch. Mit Leder probierte die Künstlerin sich ebenso aus wie mit Druckgrafik. Bei der Arbeit für einen Linoldruck 2011 wurde sie auf Kunstfelle aufmerksam, kaufte sich ein Zebrafell und „frisierte“ es. Inzwischen zerschneidet sie Kunstfelle aus den USA, England und Australien in Streifen, zieht sie durch ein Stramin, ein Netzgewebe, das dem Knüpfen dient, und bringt die Streifen Stück für Stück in Form. Sie nimmt einen Flyer in die Hand und zeigt auf eine dreifarbige Flauschzusammenstellung: „Das ist Manfred.“ Lange gab sie ihren Werken gar keine Titel, inzwischen tragen sie fiktive Männernamen. Manfred assoziierte sie mit einem bärtigen Mann. Und auch das Titelbild zur kommenden Ausstellung „sah einfach aus wie ein Einhorn mit Senf“. Einen knallroten „Pennywise“ hat sie ebenfalls in petto. So humoristisch das klingt, so viel Arbeit steckt dahinter. Bis zwei Uhr nachts ist die Künstlerin manchmal in ihrem Atelier. Das Knüpfen ist mühevolle Kleinstarbeit. Und bleibt abstrakt. „Sachen, die einfach aussehen, sind ja ganz bewusst gesetzt“, sagt Bücker. Wenn sie nicht in ihrem Atelier ist, arbeitet sie an verschiedenen Grundschulen mit Kindern. Ob in Sachen Milchkarton-Druck, Recycling oder mit Kratzbildern. Dass das behutsame Heranführen an das künstlerische Arbeiten wichtig ist, weiß sie aus eigener Erfahrung. Den Bückers Zwillingsschwester arbeitet nämlich inzwischen als Lehrerin in Grevenbroich. Warum es mit dem künstlerischen Doppel nicht geklappt hat? Für Bücker eine klare Sache: „Da hat’s der Kunstlehrer versaut.“ Anica Bücker: Von Einhörnern mit Senf und Pennywise. Vernissage: 3.2. 18 Uhr, 4.2.- 2.3. jeden Di 18-20; 17.2. 11-13 Uhr, weitere Öffnungszeiten nach Vereinbarung; Art Room, Am Poth 4, Düsseldorf galerieartroom.de Anica Bücker Foto: Nadine Beneke Foto: Anica Bücker

KUNST K A I 1 0 Lynn Hershman Leeson, Big Hoodie, 2016 Bildstörung Social Media und Smartphones haben unsere Kommunikation radikal verändert. Wichtigstes individuelles Ausdruckmittel sind Bilder, millionenfach werden täglich Handyfotos und -videos gepostet und kommentiert. Eine Ausstellung im KAI 10 im Rahmen von Duesseldorf Photo zeigt, wie die Kunst dieses Phänomen reflektiert. Soziale Medien bestimmen das Web 2.0, das Mitmachweb. Wer auf Facebook, Instagram, Twitter und Co. kommuniziert, tut dies vor allem mittels Bildern, die stärkere Affekte erzeugen als bloße Textnachrichten. Die Reaktion der Empfänger – die ja auch Sender sind – folgt meist spontan: Bilder werden gelikt, geteilt und kommentiert, weiterbearbeitet, in andere Kontexte gesetzt oder nachgestellt. Ein Kreislauf setzt sich in Gang, der durch permanente Rückkoppelung die Emotionen hochschaukelt und potenziert. Den veränderten Umgang mit Bildern in Sozialen Medien thematisiert die Ausstellung „Affect Me. Social Media Images In Art“, die noch bis zum 10. März im KAI 10 zu sehen ist. Vorgestellt werden Positionen von neun internationalen Künstlerinnen und Künstlern (Lara Baladi, Irene Chabr, Forensic Architecture, D. H. Saur, Lynn Hershman Leeson, Thomas Hirschhorn, Randa Maroufi, Rabih Mroué, Thomas Ruff), die in ihren Werken Bildmaterial aus den Sozialen Medien verarbeiten. Im Mittelpunkt stehen dabei jene Bilder, die im Zusammenhang von politischen Auseinandersetzungen gepostet wurden, Stichwort Arabischer Frühling: Soziale Netzwerke waren die Plattformen, um zivilgesellschaftlichen Protest zu formulieren und alternative Perspektiven ins Netzt zu speisen. Mittlerweile hat die zunehmende Verbreitung von Fake News die Sozialen Medien zwar diskreditiert. Dennoch – für die globalen Oppositionsbewegungen der letzten Jahre ist das private und online vervielfältigte Handyfoto als elementares Tool der freien Meinungsbildung nicht zu unterschätzen. Die Kunstschaffenden lösen diese Bilder aus ihrer rein berichtenden Funktion. Sie analysieren ihre Bedeutung, untersuchen ihre Ästhetik und zeigen auf, wie Bilder an der Grenze zwischen Realität und Fiktion zu mobilisieren vermögen – was nebenbei einiges über die mentale Verfassung moderner Gesellschaften verrät. Berit Kriegs Affect Me. Social Media Images In Art: bis 10.3., KAI 10, Düsseldorf; kaistrasse10.de Foto: Courtesy die Künstlerin | the artist & Waldburger Wouters, Brüssel | Brussels E S S E N Die Mächtigen aufregen Für das, was heute nur noch Jan Böhmermann schafft, war jahrzehntelang Klaus Staeck zuständig: Für politische Satire, die die Mächtigen aufregt. Das Folkwang Museum zeigt im Jahr seines 80. Geburtstags mit „Sand fürs Getriebe“ nun die größte Ausstellung seines Werks seit über 20 Jahren. Zum Beispiel am 30. März 1976: Da zerriss der CDU-Politiker Philipp Jenninger eins von Staecks in der Parlamentarischen Gesellschaft Bonn ausgestellten Plakaten, das den Schriftzug trug „Seit Chile wissen wir genauer, was die CDU von Demokratie hält“. Wie meistens bezog sich der Künstler damit auf ein konkretes politisches Ereignis der Zeit, in diesem Fall die Äußerung des CDU-Politikers Bruno Heck zum Stadion in Santiago de Chile, das unter der Diktatur Augusto Pinochets zur Folterstätte wurde. Heck sagte damals: „Das Leben im Stadion ist bei sonnigem Wetter recht angenehm.“ Auch eins der berühmtesten Plakate Klaus Staecks ist ohne Zusammenhang kaum verstehbar: Es zeigt einen schicken Bungalow im Bauhaus-Stil vor blauem Himmel, davor der Slogan „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“. Das brachte auch Politiker der SPD auf die Palme – obwohl es der Partei eigentlich zu Gute kommen Klaus Staeck. Sand fürs Getriebe: 9.2.-8.4. Museum Folkwang, Essen; museum-folkwang.de sollte. Staeck reagierte mit dem Plakat auf eine Kampagne der CDU, die im Falle eines SPD-Wahlsiegs deutsche Eigenheime bedroht sah. Spätestens seit der „Aktion für mehr Demokratie“, der in der Ausstellung eine Rauminstallation gewidmet ist, dürfte niemand mehr Zweifel an Klaus Staecks politischer Gesinnung haben: „Bei aller Kritik, die wir an einzelnen politischen Entscheidungen der Vergangenheit hatten: Wer nicht möchte, dass der Sozialstaat demontiert, Arbeitnehmerrechte beschnitten und die Gewerkschaften zerschlagen werden, muss die SPD stärken“, forderte er da. Und als er 2009 zum zweiten Mal zum Präsidenten der Berliner Akademie der Künste gewählt wurde, betonte Staeck, dass er mittlerweile auch in den Reihen der Union akzeptiert sei. Die Schau mit 180 Plakaten und ihren Vorläufern, den frühen Druckgrafiken des Juristen, Grafikers und Verlegers, zeigt also auch, wie man durch beständiges Sand ins Getriebe streuen den ganzen Motor verändern kann. Max Florian Kühlem 47 Fotos [3]: Klaus Staeck/ Folkwang

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