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Dortmund - coolibri Dezember 2017

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KUNST D O R T M U N D

KUNST D O R T M U N D „Sturm auf den Winterpalast“, unretuschierte Variante und vermutetes Original des theatralen Reenactments auf dem Palastplatz, Sankt Petersburg, 1920, von Nikolaj Evreinov (Regisseur) Foto: CGAKFFD SPb, Katalognummer Ar 86597 Empfindliche Geschichte 2017 jährt sich die Oktoberrevolution zum 100. Mal. Mit der Ausstellung „Sturm auf den Winterpalast – Forensik eines Bildes“ setzt sich der Hartware MedienKunstVerein in Dortmund mit einer berühmten Fotografie auseinander und wirft Fragen zu Geschichte und Inszenierung auf. Ein Mythos muss weder ‚wahr‘ noch ‚falsch‘ sein, ein Mythos muss funktionieren: Am 7. November 1917 ist eine Menge auf die Hauptresidenz des russischen Zaren in St. Petersburg zugerannt und hat die dortige Provisorische Regierung abgesetzt – wie das Foto ‚beweist‘. Doch dieser spektakuläre Umsturz war nur eine Übernahme: Den ‚Sturm‘ hat es nie gegeben. Das Foto, das unter dem Titel „Sturm auf den Winterpalast“ populär wurde, hält einen Moment eines theatralen (Re)-Enactments fest, das zum dritten Jahrestag der Revolution mit mehr als 10.000 Statisten vor 60.000 bis 150.000 Zuschauern veranstaltet wurde. Regie führte damals Nikolaj Evreinov – ein Film, der die Theaterinszenierung von Evreinov dokumentiert, wird in Dortmund zu sehen sein. „Doch das Theaterprojekt wurde nicht durchgeführt, um ein falsches Bild zu produzieren. Es wurde gemacht, um Geschichte zu heilen“, betont Inke Arns, Kuratorin der Ausstellung und Leiterin des 54 HMKV. „Die Tatsache, dass das Foto diese Karriere als ‚authentisches‘ Bild der Oktoberrevolution machen konnte, ist den Retuschen und den Bildunterschriften geschuldet“. Auf dem Foto wurde der Holzturm der Regisseure in der Mitte des Platzes sowie einige Zuschauer entfernt. Warum der Sowjet-Stern am Winterpalast unberührt blieb, der das Ereignis als Theater hätte entlarven können, bleibt ein Geheimnis. In der Ausstellung wird die Massenveranstaltung von 1920 durch zahlreiche Fotografien und historische Filmaufnahmen offengelegt. „Wir betten dieses ausgewählte Foto wieder in den Kontext des Schauspiels ein“, sagt Inke Arns. Zudem geht die Ausstellung der Dokumentwerdung des beschriebenen Fotos in der sowjetischen Geschichtsschreibung nach, indem Bildbände, Schulbücher und Plakate präsentiert werden. Neben diesen Einblicken werfen Arbeiten von sechs zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen weitergehende Fragen zu Geschichte und Inszenierung auf. Wie zum Beispiel das Video „La Liberté raisonnée („Die zur Vernunft gebrachte Freiheit“) von Cristina Lucas, die das berühmte Gemälde „La Liberté guidant le peuple“ („Die Freiheit führt das Volk“) zum Leben erweckt und die von Delacroix imaginierte Situation fortschreibt, an dessen Ende die Freiheit zu Fall gebracht und getötet wird. In Dortmund feiern zudem zwei Werke ihre Premiere: Ein Film von Milo Rau, der Theaterregisseur und Dramaturg der Stunde, der am 7. November 2017 einen „Sturm auf den Reichstag“ veranstaltete und ein Film des Kollektivs Chto Delat, die den Geistern der Vergangenheit auf dem Palastplatz in St. Petersburg nachgespürt haben. Stefanie Roenneke Sturm auf den Winterpalast – Forensik eines Bildes: 25.11.2017 – 8.4.2018, Hartware MedienKunstVerein (HMKV) im Dortmunder U; hmkv.de WeitereAusstellungenimHMKV: „Afro-Tech andthe Future of Re-Invention“stellt eine Verbindung zwischen Afrofuturismus und alternativen technologischen Energien undImaginationenher.Sie istnochbis zum 22. April 2018 zu sehen. „Die Grenze“erkundetund reflektiertbis zum 8. April2018Grenzen als territorialeEin-oderAusgrenzung, als kulturelle oder sozialeTrennlinie, als Instrument,das „Wir“ vonden „Anderen“zuunterscheiden.

KUNST D Ü S S E L D O R F Vor Einlass „Passkontrolle“ Intellektuell Barrierefrei „Wir kommen vom Witz, und da gehen wir auch wieder hin“: Jan Böhmermann eröffnet im NRW-Forum seine Ausstellung „Deuscthland“. Zu betrachten ist, wie unser Chefsatiriker das Land sieht. Ob eine virtuelle Fahrt durch die Gruselbahn des Zweiten Weltkrieges oder ein Twitterfeed deutscher Abgeordneter, der in Echtzeit gedruckt wird – seine Wurzeln vergisst er auch in der Kunst nicht. Foto: NRW-Forum Düsseldorf/ B.Babic Foto: btf / Philipp Käßbohrer „Ist das noch Satire oder schon Revolution.“ Dieser Satz aus dem Gedicht „Deutschland. Tief durchatmen“, fällt beim Betreten des Ausstellungsraumes als erstes ins Auge. Zuvor wurde das Mobiltelefon an einem Wartehäuschen mit der Aufschrift „Passkontrolle“ eingesammelt. „Das Kameraund Handyverbot gilt für alle“, erklärt Böhmermann. „Die Information, die sich im Raum befindet, soll auch dort bleiben. Und nicht, wie alles, was wir sonst machen, vervielfältigt werden.“ Keines der Exponate, die Böhmermann in seiner ersten musealen Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma Bildundtonfabrik präsentiert, wurde je zuvor gezeigt. Thematisch ist die Sache klar: Die Bundesrepublik macht schwere Zeiten durch. „Ich habe mich gefragt, ob dieser „beige“ Zustand, das Leben unter Merkel, etwas ist, was wir schätzen sollten. Oder eher wegwünschen.“ Die Wandergarderobe der Kanzlerin ist zum Anfassen ausgestellt, gepaart mit einer Bildreihe, die Angie beim Bergsteigen mit Ehemann zeigt. Als nächstes: Der Reichspark, ein Familien-Urlaubsparadies im Stil einer gewissen holländischen Kette von Feriendörfern, die Erholung und Spaß für alle verspricht. In diesem Fall: Im Streichelzoo „Wolfsschanze“, in der Eishalle „Stalingrad Experience“ oder in „Belsenwald- Stutthausen“, dem Erlebnis-KZ. „Gegen das Vergessen“, wie der Slogan im Werbefilm wiederholt. Zur Komplettierung des Erlebnisses gibt es einen Virtual-Reality-Ride durch den Führerbunker und zerbombte Städte. „Je mehr Tabuthemen es gibt, desto weniger gibt es“ erklärt Böhmermann. „Ein Thema wird dadurch entschärft, dass plötzlich überall Dinge auftauchen, die mindestens genauso schlimm sind.“ Dadurch werde es immer schwerer, zu schocken und aufzurütteln. Am Ende ist dies gar nicht das Ziel des „Fernsehfuzzis“, wie er sich selbst bezeichnet. „Ich freue mich, wenn bestimme Dinge funktionieren. Wenn das hier drinnen ein bisschen Einfluss hat, auf das da draußen.“ Tossia Corman Deuscthland“: bis 4.2.18, NRW-Forum, Düsseldorf; nrw-forum.de 55

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