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Dezember 2016 - coolibri Ruhrgebiet

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I N T E R V I E W „ L

I N T E R V I E W „ L o s , t o b d i c h a u s “ Das musikalische Leben von Clueso ist keine feine Damen-Boutique, wo die Wollpullover schön gefaltet übereinander liegen. Nein, es ist eher ein Versuchslabor, wo ständig geschraubt und experimentiert wird. Der Erfurter Junge hat mit seinem neuen Album „Neuanfang“ gleich den großen Wurf gelandet und landete damit direkt auf Platz 1 in den deutschen Charts. Peter Hesse sprach mit ihm über seine musikalischen Vorlieben und seine Zukunftsperspektiven. Lieber Clueso, dein erstes Album „Text & Ton“ erschien im Jahr 2001. Was hat sich in den letzten 15 Jahren für dich radikal geändert – und was überhaupt nicht? Puh, eine ehrliche Antwort würde vermutlich den Rahmen sprengen, weil ich viel zu weit ausholen müsste. Aber ich versuch es mal so: „Neuanfang“ ist für mich jetzt mein siebtes Studioalbum. Mit letzter Kraft am Ende einer Produktion denkt man immer: ‚Mensch, hat sich denn rein gar nichts geändert...?‘ Dann muss man aufpassen, das man nicht zu sehr in ein Loch fällt. Allgemeingültig gesagt – und da sind sich Kenner innerhalb der Musikbranche einig: Die CD wird keine Renaissance erleben. Als Produzent hat Tobias schon für die Toten Hosen, Udo Lindenberg, Sportfreunde Stiller oder Adel Tawil gearbeitet, er selbst spielte bei Miles und Monta. Wie aufmerksam hast du sein Werk studiert? Ich habe mir bewusst nichts von ihm angehört. Wir haben uns getroffen und ich meinte, ‚Ich würde gern eine Platte mit dir machen, allerdings möchte ich vorher gern eine Reise machen, damit wir uns kennenlernen.‘ Wir sind ohne Instrumente drei Tage auf eine Berghütte in den Alpen gewandert. Als wir wieder runter kamen, stand für uns fest, das wird eine großartige Zeit zusammen. Wie sehr bist du selber mit der musikalischen Ausrichtung der Platte zufrieden? Ich bin absolut zufrieden, das war eine tolle Zeit. Tobi und ich waren sehr oft allein im Studio und sind manchmal herumgesprungen wie kleine Kinder. Wir haben alles verwendet, was dort herumstand. Tobi meinte oft zu mir: ‚Los, tob dich aus, leg los … ich will nicht irgendeine Platte machen, sondern deine Beste, also musst du auch an die Instrumente!‘ Im Song „Sorgenfrei“ singst du „Vor mir liegt ein Berg, für den ich Anlauf brauche“ – ist das vielleicht das inoffizielle Motto für deine neue Platte „Neuanfang“? Vor der neuen Platte habe ich keinen Bammel oder so. Ich finde es ist eines der stärksten Alben, die ich gemacht habe. Ich hatte so viel zu erzählen und zu verarbeiten, ich habe nicht eine Sekunde an ein Konzept oder ähnliches gedacht. Ich habe auch selten Stücke noch einmal gehört, nachdem sie eingespielt waren. Tobias Kuhn hast du als Produzent für „Neuanfang“ gewählt. Wie bist du auf ihn gekommen? Er wurde mir von Freunden empfohlen, die meinten so: ‚Du musst unbedingt was mit Tobi machen … ihr trinkt quasi aus demselben Kelch.‘ Ich muss sagen, dass Tobi ein sehr enger Freund geworden ist, zu dem ich ein immenses Vertrauen entwickelt habe. Als die Arbeiten an der Platte vorbei waren, war ich fast ein wenig traurig. 8 „Ich hatte so viel zu erzählen und zu verarbeiten, ich habe nicht eine Sekunde an ein Konzept oder ähnliches gedacht.“ Hat das geklappt? Das war sehr fruchtbar in der Zusammenarbeit. Er fragte mich aber auch oft: ‚Gefällt dir das?‘ Und wenn ich bejaht habe, antwortete er: ‚Dann lass es weg!‘ Ich finde, „Neuanfang“ ist unverschnörkelt und dank ihm auf den Punkt gebracht. Tobias hat mir nie Sachen mit nach Hause gegeben. Etwa in der Mitte der Produktionsphase haben wir uns dann an einem Tag einmal alles angehört und da war ich ziemlich baff. Gibt es einen Song in der Pop- und Rockgeschichte, den du selber gerne geschrieben hättest? „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana. Perfekte Antwort! Du bist kürzlich aus deiner Erfurter WG weggezogen. Wo und wie lebst du jetzt? Ich arbeite noch dort in der Wohngemeinschaft, mein Studio ist dort und ich fahre brav mit der Straßenbahn nach Hause in meine neue Wohnung. Weißt du, wie viele Konzerte du genau schon gespielt hast? Ja, ich bin da sehr akribisch. Vor 20 Jahren habe ich angefangen und inklusive ein paar Breakdance-Auftritten auf dem Benediktsplatz sind wir nun genau bei über 2300 Auftritten. Was würdest du als deine größte Schwäche bezeichnen? Weil ich aktuell ein bisschen erkältet bin, würde ich sagen: mein Immunsystem. Hast du einen Ausgleich zur Musik? Ich schaue mir gerne ab und an Filme im Kino an, auch alleine. Kapuzen-

„Reisen ist auch ein guter Ausgleich und bekanntlich das Benzin für gute Songs.“ Clueso: mit neuem Album aur Tour Foto: Christoph Köstlin pulli auf und los. Reisen ist auch ein guter Ausgleich und bekanntlich das Benzin für gute Songs. Ich versuche zu unterscheiden, was Urlaub und was eine Reise ist. Wenn ich unterwegs bin, hab ich immer einen Gedichtband dabei, diesmal ist es einer aus der Feder von Erich Kästner. Die TV-Moderatoren Joko und Claas haben in einem Wahlkampfspot mitgespielt, wo sie die Aussagen der AfD kritisch hinterfragen. Würdest du dich für parteipolitische Projekte einspannen lassen? Nein, aber ich war im Winter letzten Jahres sehr oft auf der Gegendemo der AfD in Erfurt. Irgendwann hatten wir es aber satt, immer nur gegen etwas zu sein und sind für die Organisation „Viva con Agua“ nach Äthiopien gereist, um uns für etwas einzusetzen. Eine der intensivsten Reisen, die ich je erlebt habe. Sollten übrigens einige von den Nasen mal machen. Um es mit Alexander von Humboldts Worten zu sagen: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“ Der französische Chanson-Sänger Charles Aznavour ist momentan auf einer langen Welttournee und das mit 91 Jahren. Kannst du dir vorstellen im ganz hohen Alter auch noch Konzerte zu spielen? Genauso wie ich davon geträumt habe, mal vor vielen Leuten Musik zu machen, träume ich davon, mit der Musik in Würde zu altern. Vor allem seit ich auf der letzten Udo-Lindenberg-Tour zu Gast war, habe ich die große Hoffnung, dass das bei mir auch geht. Clueso: 11.12. Zeche, Bochum; zeche.net 9

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