Events, Trends und Reportagen für die Rhein-Ruhr-Region
Aufrufe
vor 10 Monaten

coolibri CAMPUS No 10

  • Text
  • Coolibri
  • Unddie
  • Deruni
  • Voll
  • Aufdie
  • Vorallem
  • Menschen
  • Zeit
  • Habeich
  • Bochum
  • Dortmund

SCHEINSTUDENTEN Schein

SCHEINSTUDENTEN Schein oder nicht sein! Wer an einer Universität in Nordrhein-Westfalen eingeschrieben ist und Studiengebühren bezahlt, verpflichtet sich noch lange nicht dazu, seine Scheine zu machen. Oder doch? Einige Studenten studieren ganz bewusst nur auf dem Papier. Als sogenannte ‚Scheinstudenten‘ genießen sie trotzdem den studentischen Sonderstatus und viele der damit verbundenen finanziellen Vorzüge – allen voran das Semesterticket für Bus und Bahn, das nicht nur NRW-weit gültig ist, sondern im Vergleich zum Auto auch die günstigere und ökologisch wertvollere Art der Fortbewegung. Wie moralisch verwerflich ist das wirklich? Dinah Bronner hat das Konzept ‚Scheinstudium‘ hinterfragt. Foto: Joe on Unsplash 16

SCHEINSTUDENTEN Scheinemachen–oder nurzum Schein eingeschrieben sein.Vom einenzum anderengehtesmanchmal schneller, als mandenkt.Tim*, 31, aus Dortmund bliebnachAbschluss seines StudiumsnochzweiJahre immatrikuliert. Mitder Zahlungder Studiengebührenmeldeteersichjedes Semester brav zurück,auch wenn sein Studium längstabgeschlossen war: „Aus Bequemlichkeit habeich mich nichtexmatrikuliert, vorallem wegendes NRW-Tickets undder ganzenStudirabatte. Sogarins Fitnessstudio derUni binich noch zwei Jahre gegangen.“Ein schlechtes Gewissen habeerdabei niewirklich gehabt. Immerhin habeerjahrelang Studiengebührenbezahlt, dieauch wiederum an Prestigeprojekte bezahltwurden, vondenen er persönlich nichts gehabthabe. Opportunismusoder Notwendigkeit? Es gibtkeine Einheitsschubladefür Scheinstudenten.BrichtjemandseinStudiumnotgedrungen ab und bleibt bis zur Findung eines Plan B eingeschrieben,ist dasScheinstudiumallenfalls als Übergangslösungzuwerten. Manche werden auch aus Prüfungsangstzu‚Scheinis‘ undvertändeln aus reiner Ängstlichkeit ihre Semester,obwohlsie derUni am liebsten längst denRückenkehrenwürden. FürNadja*, 24,ist dasScheinstudium mittlerweileeinebewussteEntscheidung. Undeineabsolut nötige Kalkulation. Während sieanfangs miteinem tatsächlichen Studium startete,dass sienachmehrerenmissglückten Prüfungsanläufen im Sandverlaufen ließ,könnte siesich heute ihr LebenohneScheinstudiumnicht leisten. Vorallem dasvergünstigte NRW-Ticket bedeute ihre Existenzgrundlage: „Bewusst wurde dieEntscheidungdann,als ichfeststellte, dass ichdefinitiv nichtmehr an dieUni zurückgehe. Seitherarbeiteich in verschiedenenJobs. Das Studententicketkannich aber nichtaufgeben, da icheszum Pendeln brauche. Undein normales Ticket kann ichmir einfachnicht leisten. Da wo icharbeite,gibteskeinFirmenticket oder so etwas.“ Wintersemester2019/20 „Aus Bequemlichkeit habeich mich nicht exmatrikuliert“ Auch Larissa*aus Bochum,hat sich ganz bewusstfür einScheinstudium entschieden. Als freiberuflicheKünstlerin undDozentinmusssie NRW-weitmobil sein.Ein normales VRR-Ticket 2000 derPreisstufeDwäre aber selbst im Abo mitknapp 190Europro Monatetwaviermal so teuerwie diehalbjährlichen Semesterbeiträge an dieUni: „Der Semesterbeitragliegt in Düsseldorfbei etwa 300Euro. Fürdas weitestgültige VRR-Ticket würde ichaberimJahretwa2250 Euro zahlen.Und kann dann noch nichteinmal NRW-weit fahren. Vondaher zahleich viel lieber Geld an eine Universität,auch wenn dasTicketdortnur etwa ein Drittel desSemesterbeitragsausmacht.“Für ihr Scheinstudium habe siesicheigensdie Universität Düsseldorfausgesucht, weil man dengesamten Immatrikulationsprozess online abschließenkann unddas ‚Scheinen‘ so noch bequemersei.Aufgebenwürde sieesnur unter Zwang. Undein schlechtes Gewissen habesie auch nicht: „Das Physik-Studium an meiner Uni istscheinfrei. Dahernehme ichniemandem etwasweg.“ Schadenoder Nutzen fürUnis? Schwierigerist es fürUnis,die Thematik der Scheinstudentenfür sich einzuschätzen.SchlagensicheinerseitseingeschriebeneStudenten ohne Abschlusserfolgnegativ aufdie Absolventenquoten aus,können anderseits höhereStudierendenzahlen zurMehrausschüttung von Forschungsgeldernbeitragen.Auch veritableZahlensindschwerzuermitteln, denn warumwer gerade keinePrüfungablegt, kann zahlreicheGründe haben.ObScheinstudenten einerUni schadenodernützen, istkaumjemals pauschal zu bewerten.Lautder größerangelegtenBefragungvon Veronika Widmann für einen ZEIT Campus Artikelvon 2014 seidie Belegung einesNCs fürUniversitäteneiner dersichersten Wege,umScheinstudenten vorzubeugen. Lediglich für Universitäten mitweniger beliebten Standortensei dieNC-Maßnahmenicht diebevorzugte Art, da siepotenzielle Studierende abschreckenkönnte. Und dies geltegeradefür Nischenfächer,die woanders vielleicht wieder zulassungsfreiwären. Einoffizielles Strafmaß gegenScheinstudierengibteszudem nicht. Foto: Ben Sweet „Ein normales Ticket kann ich mireinfach nicht leisten.“ So vielfältigdie studentischen Motive undSchicksaleauch sind,das Semesterticketbleibteiner derHauptgründe sich denuniversitären Heiligenschein aufzusetzen.LautDinoNiemann, stellvertretenderPressesprecherdes Verkehrsbunds Rhein-Ruhr,sei es ein Solidarmodell, dashinterdem Semesterticketsteht:Nur dadurch,dassalle Studentenverpflichtend dasTicket kauften,seien diestark rabattierten Semesterticket-Preisemöglich:„Egal ob sieBus undBahnfahrenoder nicht.“Trotzdembezeichneterdie Ausnutzungdes Studierendenstatus unddie damitverbundeneNutzung desSemestertickets als „Missbrauch“, für denseinesErachtens nachauf Landesebene und unterEinbeziehung aller Beteiligtennacheiner gemeinsamenLösunggesucht werden müsse.Aberspiegelt denn dieser ‚Missbrauch‘nicht auch eingewisses strukturellesBedürfnis wieder, nach einemflächendeckenden NRW-Ticketineiner vergleichbaren Preiskategorie?Und könnteman nicht einfachdas eingesetzte Solidarmodellauf andere Bevölkerungsgruppen ausweiten? NRW-Ticket füralle –warum nicht?! Zumindest im Angesichtder ‚Fridays ForFuture‘-Rufescheinteineentsprechende Preis- und infrastrukturelleAnpassung desÖPNV-Angebots in NRWund Ruhrgebiet eine längst überfällige Maßnahme. Und auch derTourismus unserersogenannten‚Metropolregion Rhein-Ruhr‘ würde voneiner wahrhaftmetropolitanenPreisgestaltung desÖPNV(etwa in Anlehnung an moderneund einfache Ring-Preissystemeeuropäischer Hauptstädte wieLondon oder Rom) sicherlich profitieren. Bernhard Meiervom NRW- Landesministeriumfür Verkehrsieht denNahverkehrallerdingsnicht bereit für eine breite Massennutzung: Seiner Meinung nach müsse voreiner Preissenkung dieerste Priorität in der Zuverlässigkeitund Leistungsfähigkeitdes ÖPNVsliegen, der–so findet er –schon jetzt „zuSpitzenverkehrszeiten wiemorgens undgen Feierabend teilweisevölligaus,wennnicht sogarmanchmal überlastet“ sei. Schwierigvereinbarscheint MeiersVorschlag wiederum mitdem Gedanken,dasserfahrungsgemäß Erneuerungenund Modernisierungen selten ohne eine Preiserhöhungfür denEndkunden stattfinden. Undsicherlich bemerkt deraufmerksame Pendler, dass zu Stoßzeiten tatsächlich eine häufigere Taktungerfreulich wäre.Von einerumweltverträglichen Vollauslastung scheinen RE-Züge undCampus-Linien in NRWallerdingsebenfalls noch langeentfernt. 17

coolibri Magazine 2020

coolibri Magazine 2019

coolibri Magazine 2018

coolibri Magazine 2017

edition coolibri

Ruhrgebeef No. 8 - Leseprobe
Ruhrgebeef No7 - Leseprobe
Ruhrgebeef No6 - Leseprobe
Backmagazin
Ruhrgebeef No5 - Leseprobe
Ruhrgebeef No4 - Leseprobe
Leseprobe: Ruhrgebeef - Vol 2
Landtagswahl NRW 2017
coolibri Campus NO 02