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Das Leben ist ein

Das Leben ist ein Auslandssemester Alle Fotos: Rochssare Neromand-Soma/Morten Hübbe Vor mehr als fünf Jahren brachen Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma gleich nach ihrem Studium an der Universität Duisburg-Essen zu einer Reise auf, die bis heute kein Ende gefunden hat. Inzwischen ist das Welterkunden ihr Beruf und Heimat ein fluider Begriff geworden. Uns erzählen die Ausreißer von Autofahrten mit Drogendealern, überwältigender Gastfreundschaft und ihrem Beruf als Reiseautoren. „Wir wollen Kulturen, Bräuchen und Menschen begegnen. Wir wollen die Luft ferner Länder riechen, Unbekanntem lauschen und die Fremde auf unserer Zunge schmecken“, sagt Morten Hübbe, der sich gemeinsam mit seiner Partnerin Rochssare Neromand-Soma im Jahr 2011 vom Alltag verabschiedete, um das Ungewisse ganz bewusst zu erfahren. Geplant war ursprünglich, im Anschluss an die Abschlussarbeit im Studienfach „Literatur und Medienpraxis“ an der Universität Duisburg-Essen, ein halbes Jahr das Weite zu suchen. „Nach insgesamt 18 Jahren Ausbildung, die wir vornehmlich am Schreibtisch verbracht haben, wollten wir nicht direkt ins Berufsleben einsteigen.“ Aus den sechs Monaten Auszeit sind inzwischen sechs Jahre geworden. Die erste Reise führte sie nach Südamerika. Der Kontinent war seit einem Ausflug nach Kuba während der Semesterferien ein Sehnsuchtsziel, hatten die Lebensfreude der Menschen und die eindrucksvolle Natur sie doch so sehr begeistert, dass sie mehr davon wollten. Nach zwei Jahren gab es nur ein Intermezzo in Deutschland, ehe es 2014 via Tramping und Couchsurfing gen Asien ging. In Indien verbrachten sie zehn Monate in Auroville, wo sie an nachhaltigen Projekten zu Hausbau und Landwirtschaft mitwirkten, sowie an ihrem bereits zweiten Manuskripte arbeiteten. Darin soll es um die Reise per Anhalter von Deutschland nach Indien gehen, die sie durch Osteuropa, die Türkei, Iran und Pakistan führte. Ihre Schreibarbeiten für den eigenen Blog und andere Medien, sind inzwischen zur festen Arbeit geworden. Das erste Werk über ihren Weg durch Südamerika finanziert sie dabei inzwischen sogar teilweise. Nur zum Geldverdienen schreiben Morten und Rochssare ihre Erlebnisse aber nicht auf. „Wir erleben die Welt als etwas Wunderbares und möchten diesen Eindruck gerne mit so vielen Menschen wie möglich teilen. Wenn wir überzeugend berichten können, dass die Erde ein guter Ort ist und wir keine Angst vor dem Unbekannten zu haben brauchen, haben wir Fantastisches erreicht“, erklärt Rochssare. 8 Sommersemester 2017

A U F W E L T R E I S E Realität ist besser, als ihr Ruf Diese Erkenntnis zählt für Morten zu den entscheidenden Erfahrungen. „Die Realität ist nicht so, wie wir es oft zu hören bekommen. Ganz gleich, ob in Kolumbien, das unter seinem Drogenmafia-Image leidet, oder Pakistan, das allgemein als Terrorstaat bekannt ist – überall gibt es sehr viel mehr Herzlichkeit und Gastfreundschaft als Hass und Missgunst.“ Auch Rochssare haben besonders die Menschen in Pakistan berührt. „Überall haben uns Fremde zum Tee eingeladen. Sie wollten sich mit uns unterhalten und zeigen, dass Muslime keine Terroristen sind“, erzählt Rochssare. Nur die Polizei verfolgte die beiden Deutschen misstrauisch. „Sie haben uns immer wieder verhaftet. Die Autoritäten im Land können sich einfach nicht vorstellen, dass jemand als Tourist durch Pakistan reist. Wir wurden sehr oft für Spione gehalten, saßen stundenlang in irgendwelchen Büros fest und mussten immer die gleichen Fragen beantworten“, schildert Morten. auch einen Einblick in die Geschichte und die Gesellschaft des jeweiligen Reiselandes geben. Wir wollen die Länder in ihrer Vielfalt kennenlernen und darüber berichten. Einige Länder auf unserer Reiseroute, wie zum Beispiel der Iran oder Pakistan, sind ja nicht gerade populär und die Menschen dort werden häufig stigmatisiert. Wenn wir es schaffen, ein paar festgefahrene Ansichten, Stereotype und Vorurteile aufzubrechen, dann haben wir viel erreicht.“ An eine Heimkehr denken die zwei bisher noch nicht. „Wir haben noch immer keinen konkreten Termin für eine Rückreise. Unsere Visa für Bangladesch sind noch etwa einen Monat gültig. Danach wollen wir zurück nach Indien, um noch ein paar verbliebene Ecken zu erkunden. Es soll in den touristisch bislang sehr unerschlossenen Nordosten des Landes gehen. Wir wollen sogar noch weiter und vielleicht Südostasien direkt anschließen.“ Irgendwann auch wieder sesshaft zu werden und in die Banalität des Alltags einzutauchen, können sich die beiden durchaus vorstellen – wenn der Moment dafür gekommen ist. „Noch fühlen wir uns nicht danach, auf unbestimmte Zeit an einem Ort zu bleiben. Solange wir eine Internetverbindung haben, sind wir ortsunabhängig. Unsere Art zu reisen lässt aber auch keine langfristige Planung zu. Manchmal fragen Familie und Freunde noch immer, wann wir wieder zurückkommen. Sie wissen aber, dass wir ganz bestimmt rechtzeitig Bescheid geben, wenn wir uns der Heimat nähern.“ Dominique Schroller Nahe kommen sie den Menschen in den Reiseländern vor allem durch die Fortbewegung per Anhalter. „Wir haben so mehr über ihre Eigenheiten, Bräuche und Kulturen erfahren, als wir jemals in Reiseführern hätten lesen können“, sagt Rochssare. Sie sind bereits bei ganz unterschiedlichen Fahrern eingestiegen. „Wir haben in verbeulten und verrosteten Autos gesessen, deren Karosserie lauter klapperte, als der Motor, sind aber auch schon mehrfach im Porsche mitgefahren“, berichtet Morten. Nachhaltigen Eindruck haben bei ihm die Drogendealer hinterlassen, die sie in Nordindien bis spät in die Nacht durch die Berge chauffierten. „Später haben sie uns zu sich nach Hause eingeladen, wo wir Whisky tranken und sogar übernachteten. Dass sie uns in Todesangst versetzten, als mit ihren Pistolen scheinbar zum Spaß aus dem fahrenden Auto schossen, haben wir ihnen lieber nicht erzählt.“ Mehr als nur ein Reiseblog Auf solche Begegnungen vorbereiten, kann kein Studium und kein Reiseführer. Dennoch würde Morten seine Studienzeit nicht missen wollen. „Als Student lernt man selbstständig zu arbeiten, den Alltag zu regeln und zu planen. Das sind grundlegende Dinge, die auf einer Weltreise besonders wichtig sind.“ Zudem schulte sie ihr Studiengang „Literatur und Medienpraxis“ im Schreiben. „Der Studiengang war sehr praktisch ausgerichtet. Wir haben viel geschrieben und verschiedene Genre ausprobieren dürfen. Es waren wichtige Übungen für unsere Schreibe, die wir später auf unserem Blog und mittlerweile als Buchautoren verfeinern konnten.“ Das akademische Know-How macht sich dabei durchaus in ihren Texten bemerkbar, die mehr als nur bloße Reiseberichte sind. Morten erklärt: „Wir wollen Sommersemester 2017 Buchkritik zu „Per Anhalter durch Südamerika“ „Zwei Jahre, 56 000 Kilometer, ein Kontinent“ ist das Buch „Per Anhalter durch Südamerika“ von Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma untertitelt. Man könnte noch ergänzen: Zwei junge Reisesüchtige, 246 Mitfahrgelegenheiten, unzählige Begegnungen. Die Reise, die in Essen begann, führte das Paar durch Argentinien; Chile, Kolumbien, Brasilien, Venezuela und weitere Länder und Inseln. Basierend auf den daraus entsprungenen Blogeinträgen erschien das Buch 2016 als Teil der Reihe National Geographic im Piper Verlag. Die mehr als 400 Seiten sind im schlichten Reportagen-Stil gehalten und nehmen den Leser mit auf sämtliche Stationen der Reise, lassen ihn an den vielen großartigen Entdeckungen ebenso teilhaben wie an Chaos-Tagen und Pechsträhnen. Besondere Schmankerl sind die vielen starken Bilder im Mittelteil, die endgültig klarstellen: Das hier ist nicht die Sammlung von Blogartikeln zweier Uni-Absolventen, sondern eine starke, professionelle Reisereportage. Inga Pöting Per Anhalter durch Südamerika: 427 S., 16,50 Euro; nationalgeographic.de, Blog: nuestra-america.de 9

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