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coolibri CAMPUS No 05

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¡Hola México! Vera

¡Hola México! Vera Janhsen (29) studiert Sonderpädagogik an der TU Dortmund. Während eines Auslandsaufenthalts in San Cristóbal de las Casas arbeitete sie ein Jahr lang in einer Einrichtung mit Menschen mit Behinderung. Die Inklusionsarbeit ist ihr ein besonderes Anliegen. Auch, weil sie selbst eine Behinderung hat. Foto: Vera Janhsen Foto: Golsch Foto: Vera Janhsen Was hat dich dazu bewogen ins Ausland zu gehen? Die Idee ins Ausland zu gehen, hatte ich schon seit Beginn meines Studiums. Sie blieb allerdings eher im Hinterkopf und schwelte so vor sich hin, bis eines Tages Andrea Hellbusch vom Zentrum für Hochschulbildung auf mich zukam und mir von der Essener Entsendeorganisation Bezev erzählte. Der Verein für Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit entsendet nur Menschen mit Behinderung ins Ausland. Das klang alles sehr interessant, aber dennoch war ich ein wenig unsicher und habe hin und her überlegt. Und dann hat Andrea diesen Schlüsselsatz zu mir gesagt: „Bewerben kostet nichts. Du kannst ja immer noch absagen.“ Da war für mich klar, dass ich es versuchen will. Und wie ging es dann weiter? Nach einem Auswahlgespräch bei Bezev bekam ich eine Zusage. Danach ging es natürlich um Fragen wie: Was möchte ich gerne machen? Mit wem möchte ich arbeiten? und wo soll es überhaupt hingehen? Ich habe von Anfang an gesagt, dass mir das Land fast egal ist, das Projekt muss einfach zu mir passen. Wenn das Projekt stimmt, kann ich mich auch für ein Land begeistern. Fest stand für mich nur, dass ich mit erwachsenen Menschen mit Behinderung arbeiten wollte. Daraufhin hat Bezev mich an das Welthaus Bielefeld vermittelt, die Projekte in Mexiko durchführen. In mehreren Workshops wurden wir auf unseren Auslandsaufenthalt vorbereitet. Es gab Vorträge und Diskussionsrunden zu verschiedenen Themen z. B. zur aktuellen politischen Lage in Mexiko oder zu Problembereichen wie Rassismus und Sexismus in Lateinamerika. Außerdem haben wir viele praktische Tipps bekommen, unter anderem dazu, wie der Versicherungsschutz im Ausland funktioniert und an welche Ansprechpartner wir uns wenden können. In welcher Stadt warst du? Ich war in San Cristóbal de las Casas, einer Kleinstadt im Hochland von Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat Mexikos. Die Stadt hat circa 150.000 Einwohner, liegt auf einer Höhe von 2100 Metern und ist recht touristisch geprägt. Für mich war es wichtig, an einen Ort zu kommen, wo die Infrastruktur einigermaßen funktioniert, damit ich auch von A nach B gelangen kann. Warum ist eine gute Anbindung für dich so wichtig? Bedingt durch meinen Albinismus habe ich eine eingeschränkte Sehfähigkeit von ca. 20 Prozent. Albinismus ist eine Pigmentstörung, die sich auch auf die Sehschärfe und das dreidimensionale Sehen auswirkt. Zwar habe ich damit Erfahrung, schließlich laufe ich ja seit 29 Jahren damit durch die Gegend, aber auf ein Fahrrad schwingen sollte ich mich besser nicht. Ich bin auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen oder darauf, dass die Geschäfte fußläufig erreichbar sind. Hinzukommt, dass meine Haut sehr lichtempfindlich ist und ich Sonnencreme mit einem hohen Lichtschutzfaktor brauche. Eine Apotheke in der Nähe ist da schon essentiell, ansonsten bin ich aufgeschmissen. 18 Sommersemester 2017

A U S L A N D S D I E N S T Wie sah die Einrichtung aus, in der du gearbeitet hast? Die Organisation Ángeles de Amor betreibt in San Cristóbal de las Casas eine Schule für Menschen mit überwiegend geistigen und zum Teil auch körperlichen Behinderungen. Der Schwerpunkt liegt in der Vermittlung von elementarer Bildung, also Dinge wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Aber auch Theaterpädagogik, Kunst und ökologische Gartenarbeit sind Teil des Lehrplans. Offiziell hat die Schule 25 Klienten, die dort Chicos genannt werden. Die Jüngste von ihnen war 17 Jahre alt, die Älteste Anfang 50. In der Schule arbeiten drei festangestellte Lehrkräfte und einige Lehrer kommen stundenweise in der Woche vorbei. Außerdem sind immer mehrere Freiwillige vor Ort, die Unterstützung leisten. Insgesamt herrscht eine sehr hohe Fluktuation, weil der Freiwilligendienst oft nur wenige Monate dauert. Allerdings gibt es deshalb auch ständig wechselnde Angebote. Ein Freiwilliger aus den USA hat z. B. eine Yogaklasse geleitet und ein ausgebildeter Musiker aus Chile Musikunterricht gegeben. Was für Kurse hast du angeboten? Ich habe Kochkurse angeboten und zwar internationale Küche. Es mussten Gerichte sein, die relativ schnell gehen und für die man auch die Zutaten vor Ort bekommt. Natürlich gab es bei mir auch deutschen Kartoffelsalat, um die vorhandenen Klischees zu bedienen, dass die Deutschen ständig Kartoffeln essen. Mir ging es darum, etwas anzubieten bei dem alle mitmachen konnten. Die Aufgaben wurden je nach persönlicher Kompetenz verteilt – nicht jeder kann etwa mit einem scharfen Messer umgehen – und dann wurde gerührt, geschält und geschnippelt. Manche haben während der Vorbereitung auch die Zutaten gegessen. Da musste man dann halt schauen, dass am Ende noch etwas übrig blieb. Wie wird in Mexiko generell mit Menschen mit Behinderung umgegangen? Aus meiner persönlichen Sicht gibt es eine recht große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Mexiko hat zwar die UN-Behindertenrechtskonventionen mitentwickelt, aber an der Umsetzung hapert es. In der Gesellschaft ist die Arbeit mit behinderten Menschen, meinem Empfinden nach, nicht sehr angesehen und bei vielen Familien bleiben Angehörige mit Behinderung eher zu Haus, sodass sie kaum an Bildung herankommen. Außerdem fehlen qualifizierte Studiengänge im Bereich Sonderpädagogik. Im gesamten Bundesstaat Chiapas gibt es beispielsweise keinen einzigen Gebärdensprachenlehrer. Die nächste Schule für Gehörlose liegt im Nachbarstaat. Was hat dich an Mexiko am meisten beeindruckt? Mexiko fand ich kulturell insgesamt sehr spannend. Mexikaner bewahren, zumindest Sommersemester 2017 „Mexiko hat zwar die UN-Behindertenrechtskonventionen mitentwickelt, aber an der Umsetzung hapert es.“ „Ich möchte anderen Menschen Mut machen und sie dazu motivieren, Auslandserfahrungen zu sammeln.“ im Süden, ihre eigenen Traditionen und auch der Wert der eigenen Kultur wird gesehen. Was mich besonders beeindruckt hat, war der „Día de Muertos“, also der „Tag der Toten“ an Allerheiligen. Während bei uns Totengedenken in aller Stille abgehalten werden, ist das in Mexiko eher ein Volksfest. Der Tod wird als Teil des Lebens gefeiert und alle Gräber mit Tagetes geschmückt. Die Blume gilt als Totenblume. Ihr Duft soll die Seelen der Verstorbenen anlocken. Es herrscht eine ausgelassene und heitere Stimmung. Das war das erste Mal, dass ich einen Hotdog-Stand auf einem Friedhof gesehen habe. Was würdest du jungen Menschen raten, die ins Ausland gehen möchten, um sich dort zu engagieren? Zunächst einmal sollte man in jedem Fall die Landessprache lernen. Eine Kultur und ihre Denkweise lassen sich nur verstehen, wenn man die Sprache spricht. Wer eine Behinderung hat, sollte außerdem die eigenen Bedürfnisse kennen und sie im Vorfeld mit der Vor-Ort-Situation abgleichen. Und zu guter Letzt – auch wenn es etwas abgedroschen klingt – ist es wichtig, mit einer Offenheit an die Sache heranzugehen und eigene Vorurteile und Meinungen zu hinterfragen. Würdest du dich selbst als Botschafterin für das Thema Inklusion bezeichnen? Zumindest halte ich in diesem Jahr mehrere Vorträge und gestalte einen Workshop im Welthaus zum Thema Inklusion mit. Ich möchte anderen Menschen Mut machen und sie dazu motivieren, Auslandserfahrungen zu sammeln. Wie gesagt, wenn Andrea Hellbusch nicht gewesen wäre, hätte ich mich nicht beworben. Jetzt bin ich gerne der Schubs für andere. Lina Niermann Am 21. Juni (14-16 Uhr) findet im AStA-Seminarraum der TU Dortmund eine Informationsveranstaltung zum Bundesfreiwilligendienst „Weltwärts“ vom Verein Bezev statt, bei der Vera von ihren Auslandserfahrungen berichten wird. Wir machen Essen eine Szene! Unperfekthaus (Friedrich-Ebert-Str. 18): Ehemaliges Kloster, heute Treffpunkt der Kreativszene mit über 1000 Aktiven, offen für alle, bodenlose Getränke, WLAN, Buffets www.unperfekthaus.de GeKu-Haus: WG-Leben UND Luxus. Gemeinschaft UND Individualität. Eine „Insel“ 5 Gehminuten von der Uni. Strandkörbe über den Dächern, Internet sogar in den Saunen, Massageraum, Heimkino, Wintergarten, CoWorking, 50 Leute in toller Hausgemeinschaft. www.geku-haus.de 19

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