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August 2016 - coolibri Düsseldorf

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„Zweifeln ist gut“

„Zweifeln ist gut“ Johan Simons Foto: © Volker Hartmann, Ruhrtriennale 2016 Als Johan Simons vergangenes Jahr die Intendanz der Ruhrtriennale übernahm, schob sich mit Macht ein beherrschendes Thema auf die politische Agenda: die Flüchtlingskrise. Wie er darauf mit der Ausrichtung des Festivals reagiert, erzählte er Max Florian Kühlem wach und engagiert in seinem hellen Gelsenkirchener Büro. Sie haben das Motto der Ruhrtriennale erweitert. Neben „Seid umschlungen“ heißt es jetzt auch „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Warum? Das sind unsere alten europäischen Werte, die wir infrage stellen. Wie wichtig sind sie uns? Müssen wir sie hinaus in die Welt tragen? Durch die ganze Flüchtlingskrise stellen wir fest: Des einen Freiheit ist nicht unbedingt die Freiheit des anderen. Deshalb dachten wir, es müsste wieder eine politischere Haltung der Ruhrtriennale geben. Inwiefern ist Ihre Ruhrtriennale politisch? Zum Beispiel, weil wir Carolin Emcke als Festspielrednerin einladen. Zum Beispiel, weil wir Produktionen machen wie „Urban Prayers Ruhr“, eine Aufführung, die in Gebetshäusern der Region stattfindet. Ich glaube, es ist wichtig, die unterschiedlichen Glaubensrichtungen, die wir haben, zur Diskussion zu stellen. Wie ist Ihr Verhältnis zum Glauben? Ich hatte in der Vorbereitung für „Urban Prayers Ruhr“ ein Gespräch mit dem Imam aus der Moschee in Duisburg-Marxloh und habe ihm erzählt, dass ich selber auch sehr gläubig erzogen wurde und jede Woche in die Kirche musste. Ich musste für jede Mahlzeit beten und danken, jeden Tag etwas aus der Bibel lesen – schwere Kost sozusagen. Aber im Alter von zwölf oder 13 habe ich angefangen zu zweifeln und mich gefragt: Wenn es einen Gott gibt, warum ist die Welt dann so, wie sie ist? Damit habe ich den Imam konfrontiert und er antwortete: Ich habe nie gezweifelt. Für mich gehört das Zweifeln dazu, ich empfinde das als Teil der europäischen Kultur. Zweifeln ist gut. Ist das ein zu verteidigender, europäischer Wert: Freiheit von Glauben? Frei zu sein darin, zu glauben oder auch nicht zu glauben – das soll man natürlich verteidigen – bis zum Ende! Das ist total wichtig! Während der Arbeit an Ihrer Inszenierung „Die Fremden“ haben Sie gesagt, dass man den Nahen Osten aus unserer Perspektive eigentlich nicht verstehen kann. Liegt das am anderen Verhältnis zum Glauben? Kamel Daouds Roman, der der Aufführung zugrunde liegt, ist ein Versuch, sich frei zu machen. In Albert Camus „Der Fremde“ wird ein Araber ermordet, der namenlos bleibt. Das war für Daoud ein Anknüpfungspunkt, zu sagen: Ich gebe ihm einen Namen, ich nenne ihn meinen Bruder. Aus dieser Perspektive erzählt er die Kolonialgeschichte und sein wichtigstes Thema: den Glauben. Er erzählt von einer Gesellschaft, wie ich sie aus den Niederlanden der 50er-Jahre kenne: Wir wurden sehr streng religiös erzogen. Ich als Protestant durfte nicht mit einem katholischen Mädchen gehen. Das alles gab es bei uns also auch, und es ist noch gar nicht so lange her. Und ich bin froh, dass es Romanschreiber gab, die davon als Unfreiheit, als Beschränkung erzählt haben. Ruhrtriennale: 12.8.–24.9., verschiedene Spielstätten im Ruhrgebiet; Eröffnung mit einer Festspielrede von Carolin Emcke: 12.8. (20 Uhr), Jahrhunderthalle, Bochum; ruhrtriennale.de 12

T H E M A R U H R G E B I E T Ruhrtriennale 2016 Vom 12. August bis zum 24. September findet das Festival der Künste mit rund 32 Produktionen und 120 Veranstaltungen statt. Max Florian Kühlem hat sich das Programm genau angesehen und einige Highlights zusammengestellt. Neu denken lernen im Festivalzentrum Die merkwürdige Architektur-Installation „The Good, the Bad and The Ugly“ des Atelier Van Lieshout füllte bei der Ruhrtriennale schon vergangenes Jahr eine Lücke: Endlich hat sie ein Festivalzentrum! Einen Ort, an dem zufällige Besucher im Westpark ganz ohne Schwellenangst und Eintritt ein Stück des Kulturfestivals entdecken können. Einen Ort, an dem die Besucher vor, während und nach den Veranstaltungen veganes Eis schlecken, Party machen oder ein eigenes, exquisites Programm erleben können. Am 13.8. ist Journalist Jens Balzer zu Gast und stellt mit seinem neuen Buch „Pop. Ein Panorama der Gegenwart“ Verbindungen her von Helene Fischer bis Sunn O))) oder vom Männlichkeitskult des Hip-Hop bis zum Minimal-Technorausch im Berliner Berghain. Das Projekt „Teentalitarismus“ eröffnet während der gesamten Ruhrtriennale ein „Teenager- Machtgebiet“ im Refektorium. Beim Audio-Walk „Der Kauf“ bewegen sich Besucher von der Installation aus zu den Stimmen von Sandra Hüller, Peter Kurth durch den Westpark. Performances wie „The Idea of Antidepressive Wear“ lehren, alte Zusammenhänge neu zu denken. Auf der Lesung des jungen Literaturmagazins „Richtungsding“ singt der Kanon-Chor „Moondog’s Expedition“. Programm im Refektorium: 12.8.–24.9., vor der Jahrhunderthalle, Bochum; ruhrtriennale.de Ivo van Hoves sinnliches Theater In den drei Spielzeiten von Johan Simons Ruhrtriennale bringt der belgische Regisseur Ivo van Hove jeweils einen Roman des Niederländers Louis Couperus auf die Bühne. Wer vergangenes Jahr im Salzlager der Zeche Zollverein die Inszenierung „Die stille Kraft“ erlebt hat, wird kaum umhinkommen, diesen September in die Maschinenhalle der Zeche Zweckel in Gladback zu reisen. Van Hove hat die problematische Kolonialgeschichte in „Niederländisch-Indien“, dem heutigen Indonesien, äußerst sinnlich und intensiv erzählt. Mit beständigem Bühnenregen ließ er mit einem Flügel auch die arrogante Haltung der „zivilisierten Europäer“ aufweichen, verband mit starker Hand große Bilder zu einem stimmigen, großen Ganzen. Dieses Jahr widmet er sich dem Thema Kolonialismus aus einer anderen Perspektive, der des Romans „Von alten Menschen, den Dingen, die vorübergehen“. Louis Couperus hat ihn 1906, sechs Jahre nach „Die stille Kraft“ als psychologisches Sittengemälde geschrieben. Er erzählt von einem in Niederländisch-Indien begangenen Mord, der noch Jahrzehnte später einen zerstörerischen Einfluss auf die in Den Haag lebenden, über 90-jährigen Ottilie und Takma hat. Ihr Leben wird vom Bewusstsein der gemeinsamen Schuld, dem Mord an Ottilies Ehemann, bestimmt. Die Dinge, die vorübergehen: 16., 17., 18., 23., 24.9. Maschinenhalle Zeche Zweckel, Gladbeck; ruhrtriennale.de Rettung der elektronischen Musik Über „Black Noise“, die erste Platte von Pantha du Prince auf dem legendären Label Rough Trade herausbrachte, urteilt das Musikmagazin Spex: „Das war eine Offenbarung und nicht weniger als die Rettung der elektronischen Musik aus dem Geiste der Romantik.“ Für das Projekt des deutschen Techno-Musikers Hendrik Weber war es jedoch erst der Startschuss für weitere Großtaten: 2013 erschien das strahlende, vom Glockenspiel des Ensembles The Bell Laboratory getragene Werk „Elements of Lights“ und vor kurzem „The Triad“, indem er seinen frühen minimalistischen Stil mit opulenten Instrumentierungen und gemeinschaftlichem Songwriting zusammenbringt. The Triad ist nämlich auch eine Band, die aus Weber, dem Gitarristen und PandaBear-Kollaborateur Scott Mou sowie dem norwegischen Perkussionisten Bendik Hovik Kjeldsberg besteht. Gemeinsam treten sie im Programm der Ruhrtriennale auf, das Material des Albums und mehr im Gepäck. Das passt insofern bestens ins Bild, da die Ruhrtriennale seit einiger Zeit wieder ein gutes Gespür für aktuelle Entwicklungen im Pop hat: Auf dem Festival Ritournelle präsentiert sie zum Beispiel die Berliner Elektro-Stars Moderat. Sunn O))) dürfen in einem eigenen Konzert ihren dunklen, genüsslich langsamen Drone-Metal spielen. Pantha du Prince pres. The Triad: 24.9. Jahrhunderthalle, Bochum; ruhrtriennale.de Foto: Heike Kandalowski 13

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