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April 2018 - coolibri Dortmund

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THEATER D O R T M U N D

THEATER D O R T M U N D Acht Feuerlöscher, eine Handvoll Notausgangsbeleuchtungen, automatische Rolltore, eine überdimensionierte Sprinkleranlage: Der Bühnenraum von „Der Theatermacher“ im Schauspiel Dortmund ist der feuchte Traum eines überambitionierten Brandschützers – und als Kommentar zum langen und lästigen Umbau des Hauses steht er Thomas Bernhards Stücktext an Bissigkeit in Nichts nach. Feuchter Traum eines Brandschützers Foto: Birgit Hupfeld Im „Theatermacher“ geht es natürlich wie immer bei Bernhard um die Lächerlichkeit der menschlichen Existenz, die Unmöglichkeit der Kunst, um Welt-Ekel und Obrigkeitsverachtung. Das Stück ist im Kern eine Schmähschrift gegen eine überregulierte, verbeamtete Welt, eine Antwort auf die Niederlage, die der Autor gemeinsam mit Regisseur Claus Peymann bei den Salzburger Festspielen erlitten hatten, als sie eine Inszenierung in kompletter Dunkelheit enden lassen wollten – und dafür auch die Notbeleuchtung löschen. Das war natürlich nicht erlaubt. Traditionelle Theatergänger freuen sich: Intendant Kay Voges hat den „Theatermacher“ vermeintlich so inszeniert „wie er ist“. Publikumsliebling Andreas Beck gibt in der in Sanierung begriffenen Vorhölle eines Provinz-Gasthauses den Staatsschauspieler Bruscon, bei dessen Hasstiraden alle anderen Menschen zu Nebenfiguren werden – selbst wenn es Ehefrau und Kinder sind. Auch, wenn Beck in dieser Rolle selbstverständlich brilliert und ihm mit Uwe Rohbeck als dümmlichem Wirt ein irgendwie anarchisch-unberechenbares Element zur Seite steht – man will doch nicht glauben, dass das alles ist, was Voges für diesen Abend ausgeheckt hat. Als der Text dem Ende entgegen poltert, schaut man ungläubig auf die Uhr: Erst eine gute Stunde ist vergangen, im Programmheft sind aber zwei Stunden und vierzig Minuten angekündigt, hartes Training für das Sitzfleisch. Und tatsächlich: Plötzlich kippt alles. Der Vorhang schließt und öffnet sich gleich wieder, auf einer Strebe oben leuchtet die Zahl 2 auf einer Skala von 1 bis 9. Andreas Becks Bruscon hetzt jetzt mit der Perücke des Wirts noch einmal durch seinen Text, leichte Verschiebungen sind bemerkbar. Das Hitler-Portrait an der Wand ist ein Stalin- Portrait, die Sprache wird derber – das Dorf Utzbach ist jetzt „Fotzbach“, die 285 Einwohner „Hühnerficker“ – und hinten rollt ein Rad aus dem Logo der alten Berliner Volksbühne unter Frank Castorf auf die Bühne. Kay Voges treibt dieses Spiel aus Mimikry, Verschiebungen, Verzerrungen und Übersteigerungen immer weiter, das Bühnengeschehen wird derber, lauter, fratzenhafter. Brüllend komisch ist das noch, wenn plötzlich Uwe Rohbeck den Bruscon als tuntig-divenhafte Parodie gibt. Und wenn Christian Freund, der sonst als geschundener Sohn des Bruscon nichts zu melden hat, auf einmal Star eines beeindruckend gut komponierten Musical-Schnelldurchlaufs des „Theatermachers“, macht das Staunen. Wenn nach guten zwei Stunden auf der Bühne aber alles nur noch lärmt und im Trubel erstickt, sind die Nerven bald überstrapaziert. Das ist ein Effekt, den Kay Voges wohl einkalkuliert hat. Sein „Theatermacher“ will auch Kommentar sein zu den Empörungsschleifen, in die sich heute viele Menschen in den sozialen Netzwerken bereitwillig hinein steigern: Thema egal – Hauptsache mal wieder richtig geil aufregen. Am Ende ist es Andreas Becks Bruscon selbst, der mit zittriger Stimme fleht: „Seid doch einfach mal nett zueinander.“ Bernhards Grantler ist von den neuen Entwicklungen des Kommunikations- Zeitalters einfach überrollt worden, ist ein vergleichsweise zahmer Geist in geistlosen Zeiten. Max Florian Kühlem Der Theatermacher: 31.3., 11., 14.+15.4. Theater, Dortmund; theaterdo.de BOCHUM 7.4. Time to close your eyes (R: Olaf Kröck), Kammerspiele 11.4. Club 3: Wir alle für immer zusammen nach Guus Kuijer (R: Franziska Rieckhoff), Theater unten 27.4. Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken 48 PREMIEREN IM APRIL von Daniel Paul Schreber, Stefan Wipplinger, Fabian Gerhardt (R: Fabian Gerhardt), Kammerspiele CASTROP-RAUXEL 8.4. Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing (R: Markus Kopf), Westfälisches Landestheater 15.4. Wilhelm Tell von Friedrich Schiller (R: Peter Adrian Krahl), Studio, Westfälisches Landestheater DORTMUND 6.4. Memory Alpha oder Die Zeit der Augenzeugen von Anne-Kathrin Schulz (R: Ed. Hauswirth), Studio; 7.4. Schöpfung nach Joseph Haydn (R: Claudia Bauer), Schauspielhaus 8.4. Die Schneekönigin von Marius Felix Lange nach Hans Christian Andersen (R: Johannes Schmid), Opernhaus 13.4. Maxim von Anne Lepper (R: Andreas Gruhn), Kinder- und Jugendtheater 14.4. Mord im Orient-Express vom NRW Juniorballett (Ch: Demis Volpi), Opernhaus 19.4. Zerlina von Herrmann Broch (R: Matthias Rippert), Studio 21.4. Linie 1 von Volker Ludwig, Birger Heymann (R: Alexander Becker), Junge Oper DUISBURG 20.4. Faust I von Johann Wolfgang von Goethe, Jugendclub Spieltrieb (R: Kathrin Sievers), Fo-

THEATER M Ü L H E I M „Quartett“ in Mülheim: Jubril Sulaimon als Valmont, Petra van der Beek als Merteuil Liebesschwüre mit Voodoo-Zauber Foto: Grittner nach dem Film von Lars von Trier Regie:Johanna Wehner Uraufführung:24. März 2018 Lose Zettel liegen auf dem Bühnenboden verstreut. Texte, Noten aus vergangener Zeit. Ein paar Stühle, viele Frauenschuhe. Eine Frau im zartrosa Negligee an ihrem Frisiertisch. Sie spricht, doch niemand ist zu sehen. Da regt sich etwas unter einem Zettelhaufen. Das perfide Spiel beginnt. Geistergleich windet sich Vicomte de Valmont als Gegenspieler der Marquise de Merteuil hervor, in den kommenden 90 Minuten entspinnt sich das Machtspiel zwischen den Figuren in hochkonzentrierter Form. Heiner Müllers Textkomposition bezieht sich auf Pierre Choderlos de Laclos‘ Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ und schält die Essenz von Machtstrukturen in Liebesbeziehungen heraus. Roberto Ciulli entwirft beeindruckende, vieldeutige Bilder: Immer wieder greift die Marquise nach Valmont, dieser entschwindet ihrer Umarmung, Nähe scheint unmöglich. Ist er lediglich ein Traumbild, eine Imagination ihrer Fantasie? Dann wieder gibt es tänzerische Szenen von Anziehung und Abstoßung, im nächsten Bild robbt die Marquise mit gelähmten Beinen auf dem Bühnenboden. Begehren, Besessenheit, Eifersucht, Verletzbarkeit in Wort und Bild werden greifbar, ihre Zerstörungskraft spürbar, die Schlacht der Gefühle kennt keine Sieger. Den Rollentausch der Figuren inszeniert Ciulli als rituellen Voodoo-Zauber, mit weiß getünchtem Gesicht schlüpft Schauspieler Jubril Sulaimon in die Frauenfiguren, während Petra von der Beek in die Haut der Verführers Valmont schlüpft. Stark! Später wird der „echte“ Valmont unter Frauenschuhen begraben – begleitet von einer Arie von Puccinis Madame Butterfly, der Abgesang aller gedemütigten Frauen. Die beiden Schauspieler gestalten den Abend mit ihrer körperlichen und sprachlichen Präsenz, wobei besonders die choreografierten Sequenzen den nicht gerade leicht konsumierbaren Abend intensivieren. Theaterkunst in Reinform. Ariane Schön Quartett“: 12.4., Theater an der Ruhr, Mülheim yer III, Theater Duisburg 22.4. Pygmalion / Ariadne von Gaetano Donizetti, Bohuslav Martinu (R: Volker Böhm, Kinga Szilágyi), Theater Duisburg ESSEN 21.4. Der Fall der Götter von Hans Peter Litscher nach Luchino Visconti (R: Jan Neumann), Grillo-Theater 28.4. Moving Colours von Armen Hakobyan, Denis Untila (Ch: Armen Hakobyan, Denis Untila), Aalto-Theater GELSENKIRCHEN 28.4. Open (S)Pace von Jeroen Verbruggen (Ch: Jeroen Verbruggen), MiR HAGEN 14.4. Cinderella von Alfonso Palencia nach Charles Perrault (Ch: Alfonso Palencia), Theater Hagen OBERHAUSEN 20.4. Das dritte Leben des Fritz Giga von Christian Franke (R: Christian Franke), Theater Oberhausen Skizze: Volker Hintermeier Karten online oder unter 0234 /3333 55 55 FRÜHLINGS FEST FR 13.04.— SO 15.04. SA 14.04. 20 UHR LIZ KINOSHITA YOU CAN’T TAKE ITWITH YOU TANZ /PERFORMANCE DEUTSCHLANDPREMIERE PACT ZOLLVEREIN BULLMANNAUE 20 A 45327 ESSEN TICKETS: +49 (0)201.812 22 00 WWW.PACT-ZOLLVEREIN.DE SA 14.04. 21.30 UHR ASUNA 100 TOYS KONZERT/INSTALLATION FR 13.04. 20 UHR ANJA MÜLLER LA MULA — ABEATMUSICAL PERFORMANCE AB 6 JAHREN SO 15.04. 15 UHR COMPAGNIE BARKS LES IDÉES GRISES AKROBATIK /TANZ DEUTSCHLANDPREMIERE Photo ©: Dennis Dete 49

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