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April 2016 - coolibri Düsseldorf

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T H E M A Oh Gott, Herr

T H E M A Oh Gott, Herr Pfarrer! Lars Schütt ist ein Kirchenmann, den unkonventionell zu nennen, fast noch untertrieben wäre. Der 37-Jährige wirkt seit Juni 2013 an der Christuskirche im Düsseldorfer Stadtteil Oberbilk. Seitdem ist dort einiges anders als früher. Schütt hat in der Kirche eine Lounge eingerichtet. Der Altarraum wurde von einem Künstler vorübergehend mit Tape Art verschönert. Und in der Heiligen Nacht legte ein DJ auf. Alexandra Wehrmann hat den Kirchenmann Lars Schütt in jenem Stadtteil getroffen, der neuerdings als „Maghreb-Viertel“ durch die Medien geistert. „Jesus überzeugt mich mit seiner unkonventionellen Art.“ Der Auftakt fällt herzlich aus. Husky Keiko saust schwanzwedelnd die Treppe hinunter. „Der will nur begrüßen“, ruft Schütt aus dem ersten Stock des unscheinbaren Mehrparteienhauses. Der Vierbeiner verschwindet hinter einem weißen Vorhang, der den privaten Teil der Dienstwohnung vom Arbeitszimmer trennt. In letzterem: Sofa, Sessel, Schreibtisch. Hinter dem kleinen Kreuz auf der Fensterbank wartet die Dachterrasse auf den Frühling. Schütt hat zuletzt mehrere Interviews gegeben und darin Aussagen getroffen, von denen sich manch einer provoziert fühlte. Dass es ihn nervt, wenn Jesus als „holder Knabe im lockigen Haar“ besungen wird, hat er gesagt. Oder dass es keine christlichen Werte gebe. Wie hat er letzteres eigentlich gemeint? Schütt nimmt einen Schluck Kaffee aus seiner Buchstabentasse und sagt: „Natürlich gibt es Werte. Die sind aber für alle da, auch für andere Religionen. Darauf haben wir Christen keinen alleinigen Anspruch.“ Schütt ist protestantisch sozialisiert worden. Sein Vater war ebenfalls Pastor. Dennoch beschreibt der Sohn sein Verhältnis zum Glauben als durchgehend ambivalent. „Gottvertrauen war natürlich immer da“, aber es gab auch Zweifel. Schon als Jugendlicher konnte Schütt nicht an die Dreieinigkeit glauben und auch mit Jesus als Messias hat er so seine Probleme: „Vielleicht ist er der Messias, die Bibel bietet verschiedene Deutungsmöglichkeiten“, sagt der Kirchenmann. „Überzeugt hat er mich vor allem mit seiner unkonventionellen Art, dem Blick fürs Wesentliche und seiner unbedingten Liebe zu Gott.“ Der Streit um die Dogmen, so Schütt, sei im Übrigen so alt wie die Kirche selbst. „Aber dass in der evangelischen Kirche Quasi-Dogmen entstanden sind, das macht mich betroffen.“ Schütt möchte nicht verharren in vermeintlicher Gewissheit, er ist vielmehr ständig auf der Suche nach Gott. Fündig wird er regelmäßig in der Natur. Auf einer mehrtägigen Radtour. Beim Gottesdienst zum Sonnenaufgang im Südpark. Beim Wandern auf dem Jakobsweg. „Da fühle ich mich Gott sehr nahe.“ Foto: Thomas Stelzmann „Poetischer Abendgottesdienst“ in der Christuskirche 40, 50 Gläubige kommen an einem normalen Sonntag in den Gottesdienst. Platz böte die Kirche für 800 Menschen. Natürlich würde er sich über mehr Besucher freuen, erklärt der Pastor. Dennoch: „Mir ist es lieber, es kommen 50, denen es wirklich ein Bedürfnis ist“. Es sei auch keinesfalls Aufgabe der Kulturveranstaltungen, mehr Leute in die Gottesdienste zu bringen. „Das soll kein Mittel zum Zweck sein.“ Vielmehr werden bei den meisten Veranstaltungen, die bisher in der Christuskirche über die Bühne gegangen sind, auch spirituelle Fragen aufgeworfen, genauso wie existenzielle oder soziale. Ausnahmen wie der Abend zur polnischen Off-Musikszene, der für April im Rahmen der „Micro Pop 10

Foto: Thomas Hugo Der Geistliche aus dem Ghetto: Lars Schütt Week“ geplant ist, bestätigen die Regel. Wir haben den Ort gewechselt, sind mit dem Fahrrad den kurzen Weg zur Christuskirche geradelt. Dort fällt neben der Lounge mit den Sofas im linken Teil der Kirche in erster Linie eins ins Auge: der gekreuzigte Jesus im Altarraum. Ein Symbol, das normalerweise den Katholiken vorbehalten ist, aber in den 1980er-Jahren auf Initiative der Gemeinde ins Haus kam. „Mich persönlich stört das massiv“, sagt Schütt. Auch die Gemeinde sei gespalten, was den Jesus am Kreuz angeht. Und so wünscht sich der Pastor für die Zukunft eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Thema innerhalb der Gemeinde. An dessen Ende könnte die Entscheidung stehen, ein Kreuz mit oder ohne Gekreuzigten zu behalten. „Als Seelsorger bin ich auch für AfD-ler da.“ Bis das so weit ist, wird noch viel Wasser den Rhein runter fließen. Schütt wird weiterhin unbequem sein, seine Meinung sagen, auch und gerade politisch. Dennoch würde er nicht in eine Partei eintreten, da sei für ihn die Grenze erreicht. „Als Seelsorger bin ich für alle da, auch für AfD-ler.“ Seelsorge, auch so ein wichtiger Teil seiner Arbeit. Manchmal sprechen ihn die Menschen zwischen Tür und Angel an, mit dem, was sie auf dem Herzen haben. Das kann – fiktives Beispiel – jemand sein, den Schuldgefühle plagen, weil er zu viel Geld bei Prostituierten gelassen hat. Oder eine Mutter, die sich Sorgen macht, dass sie den Kontakt zu ihrer Tochter verliert. Für all sie hat Schütt ein offenes Ohr. Er ist ja trotz allem: der Pfarrer. 10.4. Polish Roulette, ein Abend zur polnischen Offmusik-Szene mit Konzert, DJ und Film, Christuskirche, Düsseldorf 22.4. OFF CHURCH: Daily Terror und die Rückkehr der German Angst, mit Rebekka Schaefer, Chrystin Fawn, Nadine Beneke und Christian „Trosi“ Trosdorff, Christuskirche, Düsseldorf 11

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